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„Erwachsen auf Probe“ in England Wir müssen Kinder wirklich hassen

06.06.2009 ·  Die Serie „Erwachsen auf Probe“ von RTL stammt aus England. Sie war auch dort umstritten. Die mediale Ausbeutung von Kindern nimmt jedoch immer üblere Ausmaße an. Selbst wenn Psychologen „Missbrauch“ sehen - Konsequenzen gibt es für die Sender nicht.

Von Henning Hoff, London
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Einzigartiges Sozialexperiment“ oder „unverantwortliche Ausbeutung“ von Kindern und Jugendlichen? Ein Programm im Dienste der Öffentlichkeit, das sich auf neue Weise dem - zumindest im westeuropäischen Vergleich - ausgeprägten britischen Problem der Teenager-Schwangerschaften annahm, oder ein zynischer Werbegag, um einem unter Druck stehenden Fernsehkanal die Quoten aufzumöbeln? Die Rechtfertigungen der Produzenten und des Senders und die zum Teil massive Kritik bis zum Vorwurf der „Kindesmisshandlung im Namen der Fernsehunterhaltung“ ähnelten denen in Deutschland sehr, als das Format „Erwachsen auf Probe“ unter dem Titel „The Baby Borrowers“ (Die Baby-Ausleiher) Anfang Januar 2007 erstmals bei der BBC lief, allerdings nicht im Hauptprogramm.

Der kleine Digitalableger BBC3, der sich an jugendliche Zuschauer richtet, zeigte die acht Folgen abends um 22.30 Uhr. Immerhin setzte die Produktionsfirma „Love Productions“ nicht ganz so bemüht und stereotyp auf Konflikte und die Bloßstellung der Akteure wie RTL.

Ein kommerzieller Flop

Nur 460.000 Zuschauer wollten das am Ende sehen, die Nachfolgesendung „The Baby Borrowers on Holiday“ ein Jahr später nur noch 360.000. Hierfür wurde die konstruierte Situation noch um die „stressige“ Dimension eines Familienurlaubs verschärft nach dem Motto: Bloß nicht zu früh Kinder bekommen, dann wird es nichts mit dem schönen Strandurlaub.

Zuletzt zeigte BBC3 die amerikanische Version „Baby Borrowers USA“, die das Network NBC im vergangenen Sommer sendete, mit einem Publikum von anfangs fast acht Millionen.

Die Diskussion und die Proteste sind in Großbritannien heute vergessen. Zwei Jahre sind im Medien- und gerade im Fernsehgeschäft schließlich eine Ewigkeit. Fragt man bei der Pressestelle von BBC3 nach, heißt es, die „Baby Borrowers“ seien „sehr gut angekommen“, bis man die Schlagzeilen von damals zitiert oder die Weigerung der Kinderschutzbehörden am ersten Drehort im ostenglischen Norwich, der Sendung ihr Placet zu geben.

Acht- und Zehnjährige allein gelassen

Die achselzuckende Reaktion der Behörden, eine desinteressierte Medienaufsicht und die schnell verebbende Kritik haben derweil dazu beigetragen, dass sich die Schraube in Großbritannien in Sachen „Kinder im Reality-TV“ (das mit Realität in der Regel nichts zu tun hat) längst ein beängstigendes Stück weiter gedreht hat. Und die mediale Enthemmung ist allgemein.

„Love Productions“ zündete im Februar auf Channel 4, der zwar kommerziell finanziert wird, aber einen öffentlich-rechtlichen Auftrag hat und den bald im zehnten Jahr unter anderem mit der britischen Version von „Big Brother“ erfüllt, die nächste Stufe: Nach dem Vorbild des amerikanischen Formats „Kid's Nation“ werden in „Boys and Girls Alone“ zwanzig Jungen und Mädchen zwischen acht und elf Jahren ohne Eltern (die per Videoüberwachung zuschauen) oder sonstige Aufsicht zwei Wochen lang aufeinander losgelassen.

Auch das sei ein Experiment mit „einem wichtigen erzieherischen Zweck“, behaupten die Produzenten. Die „Mehrheit“ der beteiligten Kinder, so hätten die Eltern später versichert, sei nun „selbstbewusster“. Wie sich die „Minderheit“ fühlte, blieb unerwähnt.

Kinderpsychologen sprachen von „Missbrauch und Quälerei“

Gut drei Monate später ist klar, dass auch dieser Grenzübertritt, der an William Goldings Klassiker „Herr der Fliegen“ erinnert, ohne Konsequenzen bleibt. Das Reaktionsschema glich dem von vor zwei Jahren.

Die Aufzeichnung der Sendung hätte die am Drehort in Cornwall verantwortliche Kinderschutzbehörde wohl gestoppt - hätte sie davon erfahren. Vierzig führende Kinderpsychologen sprachen sich in einem Leserbrief an die „Times“ gegen die Sendung aus, die „Kindesmissbrauch und -quälerei“ gleichkomme. Ein solches „Experiment“ wäre nirgends sonst ethisch gutgeheißen worden als im Fernsehen. Der Regierung fiel nur ein, anzukündigen, dass die Gesetze und Vorschriften für Kinderarbeit und den Auftritt von Kindern zu kommerziellen Zwecken, die seit 1933 beziehungsweise 1968 nicht erneuert worden sind, überprüft würden.

Schon heute ist die Kontroverse fast vergessen. Immerhin erklärte Channel 4 im März, „Boys and Girls Alone“ werde nicht neu aufgelegt. Die Reality-Show, sagte der Programmchef Julian Bellamy, sei als einmaliges Ereignis gedacht gewesen.

Die Einschaltquoten entsprachen wohl nicht den Erwartungen. Bei der Premiere schalteten 2,4 Millionen oder zehn Prozent der Zuschauer ein, das reichte an dem Abend nur für Platz vier unter den fünf großen terrestrischen Sendern.

Keine Skrupel bei „Britain's Got Talent“

Den Verzicht sollte man nicht als Einsicht missverstehen. Großbritanniens anderer großer Privatsender ITV fand Ende Mai nichts dabei, dem Publikum seines Wettbewerbs „Britain's Got Talent“ vorzuführen, wie die zehnjährige Hollie Steel vor johlendem Saal in Tränen ausbrach, als sie ihren Liedtext vergaß.

Die Boulevardzeitung „Sun“ präsentierte im Februar den dreizehn Jahre alten Alfie Patten, der auf ein Neugeborenes starrte, auf ihrer Titelseite als angeblich jüngsten Vater der britischen Geschichte. Ein Gentest zeigte wenig später, dass eine Vaterschaft nicht vorlag. An anderen Tagen geriert sich die „Sun“ gerne als Kämpferin gegen Kindesmissbrauch und Pädophilie.

„Wir müssen Kinder wirklich hassen“, schrieb der „Times“-Kolumnist David Aaronowitch zu „Boys and Girls Alone“ und der Geschichte des Jungen Alfie, „ihnen all das anzutun“.

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