29.10.2010 · Der Produzent Jerry Bruckheimer ist im amerikanischen Fernsehen omnipräsent. Mit „CSI“ hat er die Serienszene beherrscht. Doch nun laufen ihm andere den Rang ab. Muss er sich nun umstellen?
Von Nina RehfeldEs gibt nur eine Handvoll Produzenten in Hollywood, denen die Studios und Sender blindlings vertrauen, deren Namen fast so viel Gewicht tragen wie die der großen Stars, weil sie untrennbar mit Publikumsrennern verbunden sind. Jerry Bruckheimer gehört dazu. Er produzierte Kinohits wie „Top Gun“, „Beverly Hills Cop“, „Armageddon“, „Fluch der Karibik“, machte Schauspieler wie Eddie Murphy, Tom Cruise und Will Smith zu Superstars und herrscht über ein Fernseh-Portfolio, das unter anderem die Serie „CSI“ und deren Ableger, weitere Krimiserien wie „Cold Case - Kein Opfer ist je vergessen“ und „Without a Trace - Spurlos verschwunden“ sowie die Realityshow „The Amazing Race“ umfasst.
Die Werke des Fünfundsechzigjährigen, der als Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland in Detroit aufwuchs, haben bis dato mehr als dreizehn Milliarden Dollar eingespielt. Bruckheimer steht für eine Art des Filmemachens, die die neunziger Jahre dominierte - visuell überwältigende Epen. Es ist kein Zufall, dass manche meinten, Zeuge eines Jerry-Bruckheimer-Films geworden zu sein, als die Bilder von den brennenden, zusammenfallenden Twin Towers in New York im September 2001 die Welt erschütterten. So etwas hatte man bisher bloß staunend in den Kinofilmen des kleines Mannes mit dem Katzenlächeln gesehen.
Bruckheimers beherrschte, freundliche Verbindlichkeit
Jerry Bruckheimer begann seine Hollywood-Karriere nach einem Studium der Psychologie und einigen Jahren als Werbemanager bei der Agentur BBDO an der Seite eines alten Freundes - Don Simpson, ein lebenslustiges Großmaul aus Alaska. Gemeinsam krempelten sie in den achtziger Jahren mit temporeichen Rock-'n'-Roll-Projekten wie „Flash Dance“, „Top Gun“ und „Beverly Hills Cop“ die Filmindustrie um. Simpson wurde im Schein des Hollywood-Ruhms nur noch lauter und wilder. Mit seiner beherrschten, freundlichen Verbindlichkeit trat Bruckheimer gewissermaßen als Moderator für Simpson auf, den schöpferischen Kraftmeier. Anfang der neunziger Jahre waren sie die Goldjungs von Hollywood. Dann überspannte Simpson den Bogen, und 1996 trennte sich Bruckheimer von ihm. Wenige Wochen später war Simpson tot, gestorben an einer Kokain-Überdosis.
Fast sämtliche Bruckheimer-Produktionen, mit Ausnahme vielleicht der Filme, die er im Anschluss an den 11. September 2001 drehte, tragen eine unverkennbare Handschrift, und Bruckheimer legt Wert darauf. „Man kann den Studios den Ruhm überlassen, oder man kann ihn selbst reklamieren“, sagte er einst. Das sei eine der Lehren, die ihm Don Simpson vermittelt habe. Bruckheimer motzt altbackene Heldengeschichten mit großen Effekten und dramatischer Musik auf, um, wie er sagt, „das Publikum in Welten zu entführen, die es sonst nie kennenlernen würde.“ Und er gibt dafür gern Unsummen aus.
Das amerikanische Kino unwiederbringlich korrumpiert?
Mitte der neunziger Jahre galt er in Hollywood als der Hundert-Millionen-Dollar-Mann, und weil er einen Blockbuster nach dem anderen produzierte, gaben ihm Studios wie Disney und Paramount das Geld, das er für seine Actionspektakel brauchte. Manche behaupten heute, dass Bruckheimers verschwenderische Effekthascherei das amerikanische Kino unwiederbringlich korrumpiert habe. Aber als er sich zum Jahrtausendwechsel - noch vor der Zäsur von 9/11 - dem Fernsehen zuwandte, machte er dem kleineren Medium ein unschätzbares Geschenk: Mit seinem Willen zum großen Produktionswert und einer Phalanx loyaler Freunde unter Hollywoods Effektspezialisten gab er dem Fernsehen trotz der hier viel beschränkteren Budgets Hollywoodglamour.
Hinter das Kino-Gefühl von Produktionen wie „CSI“, die Bruckheimer für zwei Millionen Dollar pro Folge und damit für einen Bruchteil der Kosten von Hits wie „Emergency Room“ produzierte, konnte bald niemand mehr zurück. „CSI“ verdrängte „Emergency Room“ vom Platz eins der Fernsehhitlisten und setzte zumindest visuell Standards, die zur Glanzzeit des amerikanischen Fernsehens der vergangenen Jahre beigetragen haben.
Hohe Identifikation ist der Schlüssel zum Erfolg
Nach Simpsons Tod bewies Bruckheimer, dass er auch als Solist groß aufspielen kann. „Ich produziere seit jeher nur Stoffe, die ich gern selbst sehen würde“. sagt er. Er tat sich mit dem Regisseur Michael Bay zusammen, der ebenso wie Bruckheimer seine Ästhetik in der Werbeindustrie geschult hatte, und gemeinsam produzierten sie „The Rock“, „Armageddon“ und „Pearl Harbor“. Bruckheimer versuchte außerdem, mit Produktionen wie der Söldner-Serie „Soldier of Fortune, Inc.“ im Fernsehen Fuß zu fassen - zunächst erfolglos.
Erst „CSI“ verschaffte ihm auf dem Bildschirm jenen Status, den er im Filmgeschäft schon hatte. Der Schauspieler Jon Voight, der in „Pearl Harbor“ den Präsidenten Franklin D. Roosevelt spielte, schwärmt von Bruckheimers „Genie“. Der Produzent überzeugte namhafte Akteure wie Gary Sinise und Lawrence Fishburne, Hauptrollen in „CSI.NY“ zu übernehmen. Anthony La Paglia, der dem Angebot einer Hauptrolle in „Without a Trace“ zunächst skeptisch gegenüberstand, sagte, er habe sich von dem Gedanken überzeugen lassen, dass Bruckheimer-Produktionen „immer phantastisch aussehen. Das Schlimmste, was mir mit Jerry passieren würde, wäre eine Sendung mit großartiger Postproduktion.“
Faszination für den Prozess von O.J. Simpson
Bruckheimer hat „CSI“ in Zusammenarbeit mit Anthony Zuiker entwickelt. Dessen Frau hatte ihm von einer Dokumentation über kriminaltechnische Ermittler erzählt. Bruckheimer selbst war von der Bedeutung des kriminaltechnischen Materials im Mordprozess gegen O.J. Simpson fasziniert. Doch es war Bruckheimers diplomatischem Geschick zu verdanken, dass die Serie überhaupt ins Fernsehen kam. Als ABC - der Fernseharm von Disney, wo Bruckheimer damals für ein Millionengehalt unter Vertrag stand - passte, weil Disney die möglichen hohen Verluste einer Serie fürchtete, wie sie Hollywoods Budgetkönig produzieren würde, bot Bruckheimer sie dem Rivalen CBS an. CBS plazierte die Serie als Kernstück der Herbstsaison 2000/2001, zwei Jahre später stand „CSI“ an der Spitze der Quoten-Hitliste. Im Mai 2003 fanden sich unter den zehn meistgesehenen Stücken des amerikanischen Fernsehens drei Bruckheimer-Produktionen: „CSI“, „CSI: Miami“ und „Cold Case“, alle im Programm von CBS.
Bruckheimer hat seine Karriere auf Disziplin und Diplomatie gebaut. Seinen Tag beginnt der Mann mit einer Tour auf dem Fitnessfahrrad, die er dazu nutzt, die letzten Folgen seiner Erfolgsserien zu begutachten. In Hollywoods rüder Studioatmosphäre ist er berühmt dafür, nie die Fassung zu verlieren und respektvoll mit anderen umzugehen. Im Fernsehen, sagt Bruckheimer, sei er weit weniger involviert als bei seinen Filmen: „Ich verlasse mich auf meine Show-Runner, die das Tagesgeschäft handhaben.“ Die Konzeption und Ausführung von Pilotfilmen überwacht er zwar ebenso wie das Casting der Hauptfiguren und die laufenden Folgen, ansonsten überlässt er kreative Entscheidungen dem Chef der Fernsehabteilung von Bruckheimer Films, Jonathan Littman. Littman war einst bei Fox verantwortlich für den Erfolg von „Akte X“ und „Beverly Hills 90210“ und teilt Bruckheimers Faible für extravagante Seifenopern.
Rückschlage häufen sich in letzter Zeit
Zuletzt allerdings mussten Bruckheimer und Littman im Fernsehen Rückschläge einstecken. „CSI“ hat seine Führungsposition inzwischen an „NCIS“ abgetreten, das stärker auf die Beziehungen zwischen seinen Figuren als auf die Fälle oder den Schauwert der Serie setzt, und keine von Bruckheimers letzten Produktionen - darunter NBCs Pentagon-Serie „E-Ring“, „Miami Medical“, eine Art „Emergency Room“ im „CSI“-Stil bei CBS, und das Kriminalstück „The Forgotten“ bei ABC - überlebte die erste Staffel.
Und die beiden aktuellen Produkte aus Bruckheimers Schmiede stehen ebenfalls auf der Kante: „Chase“, eine NBC-Serie, die von einer ebenso attraktiven wie beinharten Ermittlerin in Cowboystiefeln handelt, scheint mit ihrem Dirty-Harry-Tonfall allzusehr in der Vergangenheit verwurzelt, und „The Whole Truth“, in dem sich bei ABC eine Staatsanwältin und ein Strafverteidiger erbitterte Schlachten um die Wahrheit liefern, konnte sich ebenfalls bisher nicht durchsetzen. Beide gelten als Wackelkandidaten der eben gestarteten neuen Fernsehsaison. Ein Hit, soviel ist jetzt schon klar, ist keine.
Fortsetzung von „Top Gun“ mit Tom Cruise
Womöglich ist Bruckheimer von einer Entwicklung überholt worden, die er selbst angestoßen hat. Ein schicker Look, Rückblenden mit dramatischem Soundeffekt und ein paar haarsträubende Kriminalfälle reichen nicht mehr aus, um das verwöhnte Publikum zu bannen. Serien wie „Lost“, „Dr. House“ und „Mad Men“ faszinieren vielmehr mit verschachtelten Geschichten und schrägen Charakteren. Dramatisch aufbereitete Heldenerzählungen bleiben dahinter in den Augen der Zuschauer zurück.
Doch der Mann, der mit „Fluch der Karibik“ einen Film, den niemand drehen wollte, zum Großereignis machte, und der „CSI“ gegen Widerstände ins Fernsehen brachte, hat schon andere Rückschläge eingesteckt. Und das schiere Volumen seiner Produktionen bietet zumindest ein kleines Sicherheitspolster. Derzeit hat Bruckheimer mehr als zwanzig Projekte in Arbeit, darunter die HBO-Serie „Cocaine Cowboys“ über den Kokainhandel in Miami in den frühen Achtzigern und eine Fortsetzung von „Top Gun“ mit Tom Cruise. „Eigentlich“, sagt Jerry Bruckheimer, „sorge ich mich immer nur darum, dass unsere nächste Produktion floppen könnte. Ich wünschte, ich wüsste, warum manche beim Publikum Feuer fangen und andere nicht.“ Oft genug aber hat er es schon gewusst.
Hauptrolle Fishburns
Hans Schmidt (Entenschubser)
- 30.10.2010, 04:03 Uhr