22.06.2009 · In Stralsund wird ein Fernsehfilm gedreht, der die gegenwärtige Krise auf die Spitze treibt. Die Zerreißprobe der Gesellschaft endet mit einer neuen innerdeutschen Grenze. Michael Hanfeld hat die Dreharbeiten besucht.
Von Michael HanfeldDer Marktplatz in Stralsund ist ein einziger Sit-in. Menschen stehen, sitzen, Kinder laufen umher. Sie warten. Gleich wird die neue Volksaktie ausgegeben, und da will jeder dabei sein. Die hier stehen, sehen recht zerlumpt aus. Nicht minder das Ordnungspersonal - eine wilde Truppe in alten NVA-Uniformen, die Kalaschnikow über der Schulter.
Jürgen Heinrich gibt die Volksaktie aus. Heinrich spielt Franz Geri, den Chef der „Neuen Linken“, der am Ende des Films „Die Grenze“ scheinbar gesiegt hat. Spät am Abend peitscht er im Rathaussaal seine Parteigänger auf. Wieder und wieder, bis es dem Regisseur Roland Suso Richter genug ist. Die Menge im Saal gerät jedesmal auf Weisung aus dem Häuschen. Die Komparsen machen ihre Sache gut, die Begeisterung klingt echt, nur der Produktionsleiter blickt bekümmert, nach der nächsten Klappe ist Nachtzuschlag fällig.
Man macht sich, wenn ein Film erst mal läuft, kaum eine Vorstellung davon, unter welchen Umständen er entsteht, schon gar nicht ein Zweiteiler, wie ihn der Produzent Nico Hofmann für ein Budget von acht Millionen Euro im Auftrag von Sat.1 erstellt. Ein Tross von rund hundertfünfzig Leuten - die mehreren hundert Komparsen nicht gerechnet - muss genau getaktet sein. Auch wenn Dreharbeiten vor allem Warten, Warten, Warten bedeutet, darf sich nichts verzögern, muss alles zur Hand sein, was es für die Einstellung braucht. Zwei Teams drehen gleichzeitig: während oben im Saal Jürgen Heinrich den Saal toben lässt und sein Publikum in den Pausen mit Witzeleien bei der Stange hält, dreht der „Second Unit“ vor dem Rathaus eine Versammlung von Anhängern der neuen Rechtspartei DNS („Deutsch. National. Stolz“), die in Mecklenburg-Vorpommern das Ruder an sich zu reißen droht. Es ist eine einzige Jagd.
Eine neue kleine DDR als kleineres Übel
Das Szenario, auf das der Produzent Hofmann verfallen ist, erschien vor zweieinhalb Jahren, als er mit dem Projekt begann, weit hergeholt, wenn nicht abstrus. Was wäre, wenn, dachte er sich, eine internationale Krise die Fliehkräfte zwischen Ost und West in unserem Land derart befeuert, dass der Ruf der Ewiggestrigen neue Nahrung erhält? Was wäre, wenn ein eleganter Rechtspopulist Marke Haider oder Fortuyn auf den Plan träte, sich als Heilsbringer präsentierte und Zulauf bekäme? Derart großen Zulauf, dass die demokratischen Parteien unter „ferner liefen“ rangieren und die Bundesregierung aus der Not heraus heimlich die „Neue Linke“ unterstützt, um des kleineren Übels willen? Dann wäre - vielleicht - am Ende eine kleine DDR wieder da, eine innerdeutsche Grenze mit Posten, Visum und Zwangsumtausch.
Das ist der Rahmen, in dem das Drehbuch von Christoph und Friedemann Fromm ein Drama im Drama erzählt. Es erzählt von einer jungen Frau zwischen zwei Männern - gottlob nicht in der gängigen Herzschmerzvariante. Es erzählt von Freundschaft, Verrat und Intrige, und es geizt nicht mit Action. Die Rechten und die Linken liefern sich Straßenschlachten wie im Bürgerkrieg, ein Rockkonzert endet in einer wüsten Schießerei, bei der ein kleiner Junge zu Tode kommt. Und mittendrin findet sich besagte Nadine (Marie Bäumer), deren Vater Erich (Uwe Kockisch) als Fischer sein Auskommen verliert, dafür an seine Vergangenheit als NVA-Fallschirmspringer anknüpft. Darin findet sich ihr vor Jahren getürmter Verflossener, Rolf Haas (Benno Fürmann), der von heute auf morgen seiner Existenz beraubt wird und nun im Auftrag des Verfassungsschutzes den Chef der Rechten, Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann), seinen alten Intimus aus linksradikalen Tagen, ausspionieren und ans Messer liefern soll, Todesgefahr inklusive.
Spiel auf Leben und Tod in Bademantel und Feinzwirn
Man dürfe bei all der historischen Folie nicht vernachlässigen, dass „Die Grenze“ auch ein Genrefilm sei, sagt Roland Suso Richter. Ein politischer Thriller, der auch zeitlich einem Höhepunkt zudrängt. Was bei der amerikanischen Serie „24“ Stunden, Minuten, Sekunden, sind bei der „Grenze“ die Wochen und Tage bis zur Bundestagswahl.
Der Regisseur ist ständig auf den Beinen, dabei aber die Ruhe selbst, sein Assistent renkt mit dem Kameramann Holly Fink die Szenen ein, Richter kümmert sich um die Hauptdarsteller. Es hängt nicht wenig davon ab, wie etwa Benno Fürmann und Thomas Kretschmann aufeinander reagieren, sich abstoßen und harmonieren. Am nächsten Drehtag finden sie auf dem Dach des futuristisch angelegten Ozeaneums wieder: das Meeresmuseum von Stralsund ist erst vor einem Jahr eingeweiht worden und sah schon eine Million Besucher. Fürmann steht im Bademantel da, Kretzschmann im weißen Feinzwirn, es sieht aus, als seien die beiden auf Wellnesstour, dabei umkreisen sie sich in einem Spiel auf Leben und Tod.
Nur ein Tag Bedenkzeit
Eine gewisse Ironie der Geschichte kann man schon darin erkennen, dass hier - mit dem Produzenten Hofmann und dem Regisseur Richter - ein Team zu Werke geht, dass in dem Film „Der Tunnel“ (2001) die Mauer zuerst untergraben und in „Das Wunder von Berlin“ (2008, siehe auch: Ein „Mauerfilm“, wie er noch nicht da war: „Das Wunder von Berlin“) eingerissen hat, um sie jetzt wieder aufzubauen, und das für ein- und denselben Sender: Sat.1. Nur einen Tag Bedenkzeit habe Andreas Bartl, der Chef der deutschen Sender von Pro Sieben Sat.1, gebraucht, um sich für „Die Grenze“ zu entscheiden. „Das war der schnellste Deal meines Lebens“, sagt der Produzent Hofmann.
Zwei Tage vor Weihnachten im vergangenen Jahr war das, zuvor hatte das Script bei RTL gelegen. Doch weil der Sender mit Hofmann ein weiteres Großwerk vorhat - es geht um die Geschichte des Luftschiffs Hindenburg - und ein zweites nicht gleich vom Stapel lassen wollte, sah sich der Produzent, im Einvernehmen mit RTL, woanders um. Er spürte, dass die Zeit seine Geschichte einholen könnte. Jetzt, meint er, erscheine „Die Grenze“ angesichts der globalen Wirtschaftskrise geradezu gegenwärtig. Vorgestellt hatte er sein Buch, das er komplett vorfinanzierte, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, doch da sind die Entscheidungswege bekanntlich am längsten und ist die Freude am Risiko nicht eben ausgeprägt.
In einem Mikrokosmos eine Krise darstellen, die alle erfasst
Ein Risiko ist der Film. Eine Provokation, wie sie Gesine Schwan im Bundespräsidentenwahlkampf probierte, eine Provokation, der man nicht folgen muss, die aber, darauf spekuliert Hofmann, für eine Kontroverse sorgt. Es gehe um den Zeitgeist, den Rechts- und Linksruck, um eine elegant auftretende, „neue Hitler-Figur“. Eine Parabel auf die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts solle man darin jedoch nicht erkennen. „Das wäre eine Spur zu viel und vermessen“, sagt Hofmann. „Der Film zeigt vielmehr, wie schwer es ist, dieses Land zusammenzuhalten, wenn wir ein gewisses Gemeinschaftsgefühl verlieren.“
Mit dem Regisseur Richter hat der Produzent Hofmann nicht nur den „Tunnel“, sondern auch „Dresden“ (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Der Filmroman „Dresden“) und „Mogadischu“ (siehe auch: ARD-Spielfilm „Mogadischu“: Terror in Reinkultur) gedreht. Auch Richter denkt nicht in den Kategorien eines kanonischen Gesamtwerks, ihm geht es darum, in einem Mikrokosmos eine Krise darzustellen, die alle erfasst. Den Einwand, dass die demokratischen Parteien, die Regierung, die Bundeskanzlerin - in deren Rolle Katja Riemann wie Angela Merkels kleine Schwester aussieht - allzu wehrlos erscheinen, mag er nicht gelten lassen. Die Regierung sei schon am Drücker, doch habe sie nicht nur die Straßenkämpfe in Mecklenburg-Vorpommern im Blick. Und das Szenario als solches? „Ich glaube, dass es so nicht passieren kann“, sagt Richter, „aber gefeit ist man davor nicht.“
Ein Billiglohnland direkt vor der Haustür
Die Wiederkehr der DDR im Kleinen will der Produzent Hofmann schließlich als ironische Pointe verstanden wissen: Mit dem sozialistischen Mecklenburg-Vorpommern erhält die Bundesrepublik ein Billiglohnland direkt vor der Haustür. Dessen Regime hält sie an der kurzen Leine.
Lauter falsche Journalisten laufen auf dem Marktplatz von Stralsund herum, mit falschen Presseausweisen und echten Kameras. Sie umringen Jürgen Heinrich alias Franz Geri, dessen Widersacher Maximilian Schnell aus dem Feld geräumt worden ist. „Wir rufen die demokratische, sozialistische Republik Mecklenburg-Vorpommern aus“, brüllt der Parteiführer. Tosender Jubel. „Danke“, sagt der Regisseur. „Wir haben einen Drehschluss.“ Draußen ist es längst dunkel. Später wird sich der „inner circle“ noch im Hotel versammeln, um bis tief in die Nacht den nächsten Drehtag vorzubereiten. „Die Grenze“ will errichtet sein.
Merkwürdig verdrehte Rollen
Andreas Noreikat (derherold)
- 22.06.2009, 15:51 Uhr
Lieber mal wieder Syberberg
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 22.06.2009, 16:55 Uhr