28.08.2010 · Die Bavaria hat in der Ukraine einen Film über die Atomkatastrophe von Tschernobyl gedreht. In einer Stadt, die dem Ort, an dem die Menschen verstrahlt wurden, auf gespenstische Weise ähnelt. Der Besuch am Drehort führt in eine finstere Vergangenheit.
Von Michael HanfeldWaleri Kabysch läuft. Er läuft davon, schaut nicht zurück. Der junge Parteifunktionär hört den Kraftwerksdirektor, der hinter ihm keucht und auf ihn einredet, aber er sieht ihn nicht. Nachdem es passiert sei, habe er direkt in den Krater geblickt, magisch angezogen habe ihn der glühende Schlund der Hölle, er habe hineinspringen wollen, sagt der Mann wie im Wahn. Erst da dreht sich Waleri Kabisch um. Danach läuft er noch schneller, denn er hat das Antlitz seines Begleiters gesehen, es ist von der tödlichen Verstrahlung gezeichnet.
Es ist der 26. April 1986, der Tag der Katastrophe von Tschernobyl. In der Nacht ist der Reaktorblock 4 explodiert. Vom wahren Ausmaß des Super-Gaus wissen zunächst nur die Eingeweihten. Die Bewohner der nahe gelegenen Stadt Pripjat ahnen noch nichts von der nuklearen Strahlung, der sie ausgesetzt sind. Sie werden einen ganzen Tag lang im Ungewissen belassen, sehen das Feuer und glauben - noch - an einen ganz „normalen“, einen beherrschbaren Unfall.
Erst am Tag darauf werden sie evakuiert, wird Pripjat zur Geisterstadt. Achthunderttausend Menschen schickt das sowjetische Regime als sogenannte „Liquidatoren“ bis Ende 1987 nach Tschernobyl, um den explodierten Reaktor mit einem Sarkophag zu ummanteln. Von den ersten Tausend weiß man sicher, dass sie schwerste bis tödliche Strahlendosen abbekamen, rund 120 000 Bewohner wurden zunächst im Umkreis von dreißig Kilometern evakuiert, später kam rund eine Viertelmillion Menschen hinzu.
Kein Katastrophenfilm der gängigen Art
Davon zu erzählen, diese Katastrophe in einen Film zu packen, das hatte sich Matthias Esche, der Geschäftsführer der Bavaria Film, schon vor fünf Jahren vorgenommen. Ein Film fürs Kino und fürs Fernsehen sollte es werden. Zunächst dachte Esche, um hiesige Finanziers bemüht, der Katastrophe einen deutschen Aspekt zu geben, etwa mit der Rolle eines Hubschrauberpiloten mit deutschen Wurzeln oder mit einer Atomwissenschaftlerin aus der DDR. Doch kam dem Produzenten das schnell spanisch vor. In Tschernobyl arbeiteten keine ausländischen Wissenschaftler oder Ingenieure.
Dass diese Geschichte eine sei, die vor allem die Russen, Ukrainer und Weißrussen betrifft und deshalb auch von ihnen zu erzählen sei, war schnell Esches Credo. Die dann in Auftrag gegebene russische Vorlage für einen Film aber missriet. Und so wäre es bei dem Plan geblieben, hätte den Bavaria-Chef nicht im vergangenen Jahr die Produzentin und Osteuropaexpertin Simone Baumann angerufen und auf ein Drehbuch hingewiesen; auf das Buch des russischen Regisseurs Alexander Mindadze, der Mitte der neunziger Jahre mit seinem „Theaterstück für einen Fahrgast“ bei der Berlinale einen Silbernen Bären gewann. Für einen Katastrophenfilm gängiger Art taugt das Buch nicht, es bricht das Unglück vielmehr herunter auf das Schicksal einer kleinen Gruppe junger Leute in Pripjat, die dem Untergang entfliehen will.
Allen voran der Parteisekretär Kabysch, der weiß, was er nicht wissen und wovon er niemandem berichten soll. Wenigstens seine Freundin Vera will er retten. Also hetzt er durch die Stadt, sie zu finden, trifft alte Freunde, taucht auf einer Hochzeit auf, stets in dem Bewusstsein, dass all jene, die da feiern, in diesem Augenblick einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sind. Es sind „unschuldige“ Stunden, Stunden der Unwissenheit, in denen das Leben ein letztes Mal unbeschwert scheint. Von diesen handelt der Film „Unschuldiger Samstag“ von Alexander Mindadze, der sich an der wahren Geschichte eines Mannes, der aus Pripjat fliehen wollte, orientiert.
Die Betonmauern sind in freundlichem Grün gestrichen
Am letzten Drehtag schippert die gesamte Crew auf einem alten Schlepper vor den Toren von Energodar. Die Stadt ist eine Blaupause des atomar verseuchten Pripjat, eine schon leidlich heruntergekommene industrielle Trabantensiedlung, wie sie die Sowjets überall in ihrem Riesenreich errichtet haben. Hier steht das größte Kernkraftwerk Europas, es verfügt über sechs Reaktoren, der Atommüll wird in einem Bunker direkt auf der mehrere Kilometer langen Anlage gelagert, die Betonmauern sind in einem freundlichen Grün gestrichen. An der Bushaltestelle vor dem Atomkomplex weist eine große digitale Anzeige nicht nur Datum, Uhrzeit und Temperatur aus - es ist so um die vierzig Grad -, sondern auch die Strahlenbelastung. Zehn oder elf Bequerel zeigt sie an. Der Wert ändert sich nie.
„Pripjat lebt in Energodar, und Pripjat stirbt in Energodar“, hat ein Reporter der Wochenzeitung „freitag“ einmal sehr treffend geschrieben. Er spielte damit nicht nur darauf an, dass die eine Stadt aussieht, wie die andere war, mit ihrem am Reißbrett entwickelten Grundriss, den Plattenbau-Wohnblocks, den Halden, Brachen, dem Gewirr von Stromleitungen zwischen dem Atom- und dem direkt daneben liegenden Kohlekraftwerk. In das erst 1970 gegründete Energodar sind nach dem Unglück von Tschernobyl auch Menschen aus Pripjat umgesiedelt worden. Sie wohnen in einer Stadt, die, wie der Kollege bemerkte, „eine Utopie“ lebt. Die Utopie des Atomstroms, trotz Tschernobyl.
Im kleinen Stadtmuseum, das nur aus einem Saal besteht, bekommt man das zu spüren. Mit Liebe zum Detail beschreibt die Direktorin die Anlage des hiesigen Atomkraftwerks, dessen Modell wir bestaunen. Es soll den höchsten Sicherheitsansprüchen genügen. Direkt daneben findet sich die Trophäe eines aus Energodar stammenden Boxers, der bei den letzten Olympischen Spielen eine Bronzemedaille gewonnen hat, in einer weiteren Vitrine Pokale und Statuetten, die Kraftwerkskollegen aus aller Herren Länder hier gelassen haben. Auch die Belegschaft aus Biblis lässt grüßen.
In der Ukraine weht ein reaktionärer Wind
Scheinbar bruchlos lässt sich hier die Geschichte von Tschernobyl und die von Energodar in einem Atemzug erzählen. Die Katstrophe ist Geschichte, in die Gegenwart reicht sie nicht. Sie wird ausgeblendet, sie ist untergegangen mit dem alten Regime, mit der Sowjetunion.
Diesem Denken könnte auch zu verdanken sein, dass die Bavaria für ihr Projekt Produktionspartner in Russland und der Ukraine und die Unterstützung der jeweiligen Kultusministerien gefunden hat. Das Budget von 3,5 Millionen Euro teilen sich die Partner, die Bavaria bietet 700 000 Euro auf, die Filmförderungsanstalt FFA ist mit 150 000 Euro dabei, enthalten sind auch Mittel von Arte und vom Mitteldeutschen Rundfunk, der eine Partnerschaft mit der Ukraine pflegt. Und das richtige Zeitfenster hat Alexander Mindadze mit seinen Dreharbeiten - neben Energodar nahm er in der Stadt Svedlodarsk auf - auch gefunden, angesichts des neuen, reaktionären Winds, der in der Ukraine weht.
Unter der Präsidentschaft von Wiktor Janukowitsch werden die Uhren zurückgedreht, der Geheimdienst bedrängt Dissidenten und Journalisten, ein neues Wahlgesetz soll die Opposition schachmatt setzen. Die fragile, junge Demokratie der Ukraine ist ernsthaft bedroht, worauf in dieser Zeitung zuletzt der Schriftsteller Juri Andruchowytsch hinwies. Ein Film wie „Unschuldiger Samstag“, der notwendig eine Auseinandersetzung mit Regimes ist, welche die Wahrheit unterdrücken, und blinden Fortschrittsglauben unterläuft, kann da nicht ins Konzept passen.
Es brennt nicht, aber es ist heiß genug
Der Schlepper auf dem großen Stausee von Energodar dreht seine Kreise, solange bis dem Kameramann Oleg Mutu (“4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) das Licht nicht mehr reicht. Der Regisseur Alexander Mindandze bereitet jede Szene minutiös vor. Das Palaver, bevor die Klappe fällt, ist lang, länger als wir es von den Dreharbeiten deutscher Teams her kennen. Den beiden Hauptdarstellern Anton Shagin, der den jungen Parteisekretär spielt, und Svetlana Smirnova-Martsinkievich, die dessen Freundin Vera verkörpert, macht das nur insofern etwas aus, als die Maskenbildnerin sie mal um mal abtupfen muss. „Hier brennt es nicht“, sagt einer im Team, auf die Feuer in Russland anspielend, die auch das verseuchte Gebiet um Tschernobyl bedrohten, „aber es ist auch so heiß genug.“ Vierzig Grad, wie gesagt.
Matthias Esche sieht es und ist - zufrieden. Dass dies ein außergewöhnlicher Film wird, scheint ihm sicher, nun da die Post-Produktion und die digitale Nachbearbeitung in Deutschland beginnen, die das brennende Kernkraftwerk von Tschernobyl erst in den Film zaubern. Ein poetischer Film schwebt dem Regisseur Alexander Mindadze vor, eine Elegie, ein Stück über eine existenzielle Probe auf Leben und Tod.
Einen Blockbuster wird sich der Bavaria-Chef Esche damit nicht einfangen, aber darum geht es ihm auch nicht. Er will nachhaltig wirken, nicht groß ankündigen, sondern machen und die Bavaria Film - die den öffentlich-rechtlichen Sendern MDR, SWR, WDR und einer Gesellschaft des Freistaats Bayern gehört - als Qualitätsschmiede in allen Genres profilieren, national wie international.
Ein politischer Kopf mit einem Faible für Osteuropa
Dreizehn Kinoprojekte hat der Geschäftsführer aktuell am Laufen (darunter eine neue Version von „Kottan ermittelt“), der Fernsehspiele sind es in diesem Jahr noch etwas mehr, nicht zu vergessen achtzehn „Tatorte“ und vier Ausgaben des „Polizeirufs“. Die Cashcows im Bestand sind Serien wie „In aller Freundschaft“, Daily Soaps wie „Sturm der Liebe“, „Marienhof“ und - demnächst - die erste Mediziner-Daily-Soap, die das ZDF zeigt. Esches Vorgänger, Thilo Kleine, der über den „Marienhof“-Schleichwerbeskandal stolperte, setzte auf Expansion um jeden Preis. Sein Nachfolger, seit Anfang 2006 am Ruder, baut darauf, dem Marktführer Ufa Stück für Stück Paroli zu bieten. Der Umsatz der Bavaria Film lag im vergangenen Jahr bei 230,7 Millionen Euro.
Ein politischer Kopf ist Esche auch, er sitzt in der Medienkommission der SPD, und einen Faible für Osteuropa hat er überdies, seine Handelsreisen nach Russland und in die Ukraine sind ihm auch politische Mission. Dem unheimlichen, durch die Katastrophe von Tschernobyl scheinbar unerschütterten Glauben an die Atomkraft, der Energodar durchweht, wird der Film „Unschuldiger Samstag“ etwas entgegensetzen. Seine Ausstrahlung ist für das nächste Frühjahr geplant, wenn sich das Datum des Super-GAUs zum fünfundzwanzigsten Mal jährt.
wieder keine Fakten nur Rührseeligkeit
Gerd Pritschow (gerd100)
- 29.08.2010, 03:15 Uhr
Wieder keine Fakten, nur belanglose Rührgeschichten
Gerd Pritschow (gerd100)
- 29.08.2010, 03:50 Uhr