26.05.2010 · Er ist eine Jahrhundertgestalt mit Schatten: Industriemagnat Friedrich Flick hat seinen Konzern unverwundbar gemacht - mit der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Ein Doku-Drama zeigt nun, wie sein Imperium zwei Weltkriege überstand.
Von Hubert SpiegelNur ein Jahrhundert liegt zwischen der Geburt des Konzerngründers und dem Ende des von ihm geschaffenen Imperiums. Solange Friedrich Flick, der 1883 als Bauernsohn in Kreuztal bei Siegen geboren wurde, lebte, schien sein Konzern wie unverwundbar: zwei Weltkriege, Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise von 1929, Flicks Verurteilung als Kriegsverbrecher bei den Nürnberger Prozessen, der Verlust wichtiger, in der Sowjetischen Besatzungszone angesiedelter Unternehmensteile, nichts konnte dem Stahlimperium dauerhaft etwas anhaben. Im Gegenteil, Flick überstand die meisten Katastrophen nicht nur, er verstand es in der Regel sogar noch Kapital aus ihnen zu ziehen.
Als er 1950 das Gefängnis verließ, vier Jahre vor Ablauf der 1947 in Nürnberg verhängten siebenjährigen Haftzeit, drohte ihm der Verlust der noch verbliebenen Firmen durch Enteignung. Keine zehn Jahre später zählte er bereits wieder zu den reichsten und mächtigsten Industriellen der Bundesrepublik. Flick hatte kein Geheimnis, aber ein Talent, das er skrupellos auszubeuten verstand: Er wusste, wie man sich politische Strukturen zunutze macht und deren Akteure für die eigenen Zwecke einspannt - mit Geld und erpresserischen Argumenten. Das Wort „Systemrelevanz“ könnte eine Erfindung von Friedrich Flick sein.
Keine Entschädigung für Zwangsarbeiter
Das Imperium hat den Tod seines Gründers nur um einige Jahre überdauert. Flicks Lebenstraum war es, eine Dynastie zu begründen. Er hat sich diesen Traum erfüllt, und er hat ihn sich selbst zerstört, indem er bis zum letzten Atemzug die allmächtige, albtraumhafte Vaterfigur blieb, deren Erbe anzutreten den Söhnen unmöglich war: Otto-Ernst, der ältere, wurde nach endlosen Auseinandersetzungen vom Vater verstoßen, Friedrich Karl, der jüngere, verkaufte das Unternehmen 1986 für knapp fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank und zog sich ins Privatleben zurück. Damals schien es, als könne das öffentliche Ansehen von Firma und Familie schlechter nicht mehr werden.
Aber es sollte noch die Debatte um die Zwangsarbeiterentschädigungen folgen, in der die Enkelgeneration in die hässlichen Fußstapfen des Patriarchen trat, der zehntausende von Zwangsarbeitern in seinen Werken beschäftigt hatte, aber jede Verantwortung dafür abstritt und nie auch nur einen Pfennig Entschädigung zahlte. „Er hat uns buchstäblich an der Nase herumgeführt“, sagt Benjamin B. Ferencz, der ehemalige Direktor der Claims Conference über die immer wieder hinausgezögerten Verhandlungen mit Flick und dessen Anwälten. Da geht es ihm wie manchem Politiker. Aber anders als für die Zwangsarbeiter und ihre Hinterbliebenen hatte Flick für Politiker und ihre Parteien immer Geld, für die Regierung Brüning wie für Hitler und Göring, für Adenauer und Helmut Kohl wie für Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff.
Wirtschaftsgeschichte als Doku-Drama
„Flick“, das zweiteilige Doku-Drama von Thomas Fischer, das der Südwestrundfunk und Arte gemeinsam produziert haben, ist der gelungene Versuch, ein wichtiges Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte darzustellen und dabei neben den Fakten und historischen Zusammenhängen auch die persönlichen und familiären Faktoren und Zusammenhänge zu beleuchten. Deshalb sind neben historischen Aufnahmen aus Archiven und privaten Quellen auch szenische Rekonstruktionen zu sehen. Im Mittelpunkt des wohltuend sachlichen Zweiteilers stehen dabei die Befragung des von Uwe Preuss gespielten Flick in Nürnberg durch den amerikanischen Ermittler Eric Kaufmann, dargestellt von Peter Jordan, sowie das Familiendrama zwischen Friedrich Flick und seinem ältesten Sohn Otto-Ernst, den Bert Böhlitz spielt.
In beiden Fälle nutzt Fischer historische Quellen: Tonbandmitschnitte aus den National Archives in Washington sowie Gesprächsprotokolle aus dem Archiv der Thyssen Krupp AG. Überdies wurden für die überaus sehenswerte Produktion Historiker wie Norbert Frei und Zeitzeugen wie der Flick-Generalbevollmächtigte Eberhard von Brauchitsch, der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter oder Flicks Patensohn Otto Kaletsch befragt. So ist ein spannendes Doku-Drama entstanden, das die Möglichkeiten des Genres nutzt, ohne seinen Verlockungen zu erliegen.
Hätte nicht die Flick-Enkelin Dagmar Ottmann an der Universität Jena ein Forschungsprojekt zur Geschichte ihrer Familie angeregt und finanziert, müsste man ein trübes Fazit ziehen: die Flicks, ein Imperium ohne Verantwortung, eine Dynastie ohne Gedächtnis.