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„Die Wanderhure“ auf Sat.1 Die verlorene Ehre der Marie Schärer

Eine Hure als Heilige des Herzens mimt Alexandra Neldel für Sat.1. Das Mittelalter, in dem die Geschichte spielt, ist finster, die Moral von heute: Ein Emanzipationsdrama.

© SAT.1 / Sebastian Hänel Noch gezeichnet von der Geißelung: Alexandra Neldel als Wanderhure Marie Schärer

Zuerst besiegt sie ihren Vater, den Konstanzer Tuchhändler Mathis Schärer, später auch den Ritter Dietmar von Arnstein im Schach, zudem gibt sie gern Widerworte, die keineswegs zickig sind, sondern besserer Einsicht entspringen. Diese junge Frau ist also zuallererst klug, ja gescheit. Anmutig, liebreizend und schön ist sie obendrein auch, aber sie macht kein Wesen davon, verfällt nicht in Putzsucht, ist bar jeder Eitelkeit. Marie Schärer zu Beginn des Jahres 1414: eine handfeste Person des späteren Mittelalters, wie alle Bürger und Beisassen bereits mit den Vorbereitungen zu jenem Ereignis beschäftigt, das vom November des Jahres an dann als Konzil von Konstanz Epoche machen wird.

Jochen Hieber Folgen:

Alexandra Neldel, der Darstellerin der Marie, begegnen wir in der Sat.1-Verfilmung des historischen Romans „Die Wanderhure“ indes zunächst als einem Kind der Natur. Übermütig rennt sie durch blühende Felder, vergnügt stürzt sie sich, eine exzellente Schwimmerin, ins Wasser des Bodensees (der hier in Ungarn liegt), verliebt turtelt sie in den Fluten und am Ufer mit dem Schankwirtssohn Michel (Bert Tischendorf). So gossentief sie im Fortgang des Films auch fallen wird, so gnadenlos man sie malträtiert und vergewaltigt: Nie wird sie vergessen, sich sorgfältig zu waschen, sich ganz real und ganz symbolisch zu reinigen.

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Dazu passt, dass ihr die Regie (Hansjörg Thurn) von Anfang an blaue Röcke, Kleider und Umhänge zu tragen gibt, dass dieses Blau im Lauf des Geschehens immer dunkler und von der Kamera (Gerhard Schirlo) immer eindringlicher ins Bild gerückt wird. Blau, als Farbe der Reinheit die Farbe der Jungfrau Maria, gebührt auch der gestandenen, mehr aber noch der gefallenen Bürgerstochter Marie Schärer. Sie, das ist die keineswegs ganz unblasphemische, vor allem jedoch überaus romantische Botschaft des Films, wird erst als Hure aus Überlebensnot eine wahrhaft Heilige des Herzens - auch wenn dies Herz nach (gerechter) Rache dürstet.

Wanderhure Gruppenbild © SAT.1 / Sebastian Hänel Vergrößern Auf zu König Sigismund: Die Konstanzer Huren wollen in den Streik treten

Akutelle Mentalitäten in alten Kulissen

2004 erstmals erschienen, hat sich „Die Wanderhure“ des Autorenpaares Ingrid Klocke und Elmar Wohlrath, das unter dem Namen Iny Lorentz publiziert, im Hardcover und als Taschenbuch 1,6 Millionen Mal verkauft, allein in der Woche vor der Ausstrahlung des Films gingen nahezu 6000 Exemplare der broschierten Sonderausgabe mit Alexandra Neldel auf dem Titelbild über die Ladentische.

Historische Romane, resümierte das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ im vergangenen Jahr eine längere Recherche, gingen hierzulande weg „wie geschnitten Brot“, typische Leser seien „Frauen zwischen 25 und 45“, die nach Wälzern von mindestens 600 Seiten verlangten, das Mittelalter als Handlungsepoche bevorzugten, zunehmend auch den historischen Krimi schätzten und einzig jede Form von „Sandalen-Epen“ verschmähten. Auf diesem Markt gehört das Duo Iny Lorentz zu den Giganten - mit den Vorgänger- und Nachfolgebänden der „Wanderhure“ ist die Sechs-Millionen-Marke erreicht, wenn nicht überschritten.

Ein Tor, wer sich von den Lorentz-Schmökern ein realistisches Bild des Mittelalters erwartet. Auf seine Weise durchaus stringent, folgt der Film dem Roman darin, in alten Kulissen aktuelle Mentalitäten auftreten zu lassen, um das Ganze dann einem irrealen Universalismus menschlichen Fühlens anheimzugeben. „Das habe ich jetzt sehr genossen“, sagt die Film-Marie gemäß dem Drehbuch von Gabriele Kister, sie sagt auch „Ich kann nicht mehr“, während der gute Michel die vor Gram Verstummte paartherapeutisch auffordert: „Sprich mit mir!“ Kein Mensch des Mittelalters hat je so geredet.

Ein Bodensee voller Plagen

Ja, es ist eine Traumwelt, die Buch und Film bewusst inszenieren. Der Film leistet sich dabei einen offenkundigen Missgriff - der reiche, arme Tuchhändler unterzeichnet den Heirats- und Ehevertrag mit dem schändlich bösen Adligen wie im Roman im Jahr 1410, obwohl das Drehbuch die Handlung sinnvoll komprimiert und vier Jahre später spielen lässt. Für einen Film aus der Traumwelt, ausgestrahlt zur Familienzeit um 20.15 Uhr, sind die Szenen sexueller Rohheit ziemlich heftig. In einigen Interviews hat Alexandra Neldel jüngst bekannt, dass sie sich dabei bisweilen von einem Double vertreten ließ.

Ganz bei sich ist ihre Hauptfigur, wenn sie trotz eines Bodensees voller Plagen nicht unterzukriegen ist. Eine starke Frau, die als „Hübschlerin“ hurt, weil sie „nie wieder abhängig“ sein will, die einen Aufstand der Konzils-Prostituierten mit anzettelt, um König Sigismund direkt vor die Augen treten zu können - und die, als entspränge sie direkt der Feder Heinrich Bölls, über ihre „verlorene Ehre“ zu sprechen und zu reflektieren weiß, bevor sie planvoll dagegen vorgeht.

„Die Wanderhure“, das „Film-Event“ von Sat.1, ist in toto besser als befürchtet und zugleich der Auftakt für einen heißen Historienherbst des Senders: In gut einem Monat warten als Vierteiler „Die Säulen der Erde“, das noch größere Event nach Ken Folletts Kathedralenepos aus dem Jahr 1990.

Die Wanderhure läuft heute um 20.15 Uhr bei Sat.1

Quelle: F.A.Z.

 
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