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Die Maus-Erfinderin Grau? Wie öde! Orange muss sein!

23.07.2010 ·  Jeder kennt die Fernseh-Maus, ihre Erfinderin kaum jemand. Vor mehr als vierzig Jahren erfand Isolde Schmitt-Menzel das Tierchen. Aus der anfänglich ungeliebten Zeichnung wurde ein treuer Begleiter, der die Künstlerin noch heute fasziniert.

Von Stefan Locke, Halle
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Diese Frau ist einfach nicht zu bremsen. Die Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung über die „Maus“ und ihre Schöpferin in der Moritzburg in Halle läuft seit gut zwanzig Minuten, als Isolde Schmitt-Menzel den offiziellen Flyer zur Schau aus ihrer Tasche zieht und kurzerhand ausführt, wie sie ihn gestaltet hätte: „Mein Name hier ist schon mal viel zu groß.“ Also hat sie ihn weiß überklebt, der Maus eine Schnur mit einem Luftballon um den Fuß gebunden und darauf klein ihren Namen geschrieben, um nun ob der gelungenen Aktion freudestrahlend zu resümieren: „Hab ich auf dem Weg hierher gestaltet. Sieht doch gut aus, oder?“ Die Studenten lachen, an der Sache ändern können sie freilich nichts mehr; Plakate und Flyer sind längst gedruckt. „Und trotzdem würde ich ihren Vorschlag am liebsten übernehmen“, sagt Willy Dumaz. „Denn so sieht es noch mehr nach ihr aus.“

Der Fünfundzwanzigjährige ist einer von fünf Kommilitonen, die an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle Spiel- und Lerndesign studieren und die sich im vergangenen Semester mit der Maus und ihrer Erfinderin auseinandersetzten. Denn vor sechzig Jahren hat auch Isolde Schmitt-Menzel auf der Burg studiert, aber das wusste bis vor wenigen Jahren hier so gut wie niemand und schon gar nicht, dass diese Künstlerin auch noch die berühmteste Maus des deutschen Fernsehens erfunden hat.

Die deutsche Fernsehproduktion läuft in fast hundert Ländern

Seit beinahe vierzig Jahren läuft „Die Sendung mit der Maus“ sonntags um 11.30 Uhr im Ersten, und obwohl die Sendung für Kinder und Schüler bis Klasse 3 gedacht ist, sind die Zuschauer im Schnitt vierzig Jahre alt, hat der WDR ermittelt. Eltern und Großeltern gucken eben gerne mit, wenn die Maus den Alltag und die Welt erklärt, und sie macht das offenbar so originell, dass mehr als 93 Prozent der Kinder zwischen sechs und elf Jahren das kecke orangefarbene Tier mit dem klackenden Augenaufschlag kennen. Heute läuft die Sendung in fast hundert Ländern und gilt damit als eine der erfolgreichsten deutschen Fernsehproduktionen überhaupt. Und Schmitt-Menzels Name steht bis heute auf Büchern, Filmen und Plüschmäusen.

Daran war 1948 natürlich nicht zu denken, als sich Schmitt-Menzel in Halle für Keramik, Malerei sowie Buch- und Schriftgestaltung einschrieb und bereits nach zwei statt der üblichen drei Jahre ihre Gesellenprüfung, eine Art Vordiplom, ablegte. Mit 18 Jahren war sie damals hier die Jüngste, alle anderen waren älter, durch den Krieg am frühen Studium gehindert, aber „nach dieser Zeit dankbar, sich hier mit Kunst beschäftigen zu können“. Heute ist die Hochschule deutlich größer, aber die Gebäude auf der Burg stehen noch wie damals, ebenso der rosenberankte Wandelgang im Innenhof und der mit Weinlaub bedeckte Pavillon in dessen Zentrum. „Dort haben wir Aktzeichnen geübt, in dem Haus da drüben Seminar gehabt“, erinnert sich Schmitt-Menzel, als sie in ausgewaschener Jeansjacke und mit weißem Stoff-Sommerhut über das Gelände streift.

Als Teenager malte Schmitt-Menzel für ihre kleine Schwester

Die Legende besagt, dass sie im Zoo zu Halle erstmals eine Maus gezeichnet haben soll, aber das sei Unsinn, sagt sie und holt ein schwarz eingebundenes Zeichenheft heraus, in dem sich zahlreiche Tiere tummeln. Als Teenager habe sie das für ihre damals vierjährige Schwester gemalt, die Vorlagen lieferte die Natur in und um Eisenach, wo Schmitt-Menzel geboren wurde und aufwuchs. Ihre Eltern, ein Prokurist und eine Schneiderin, ließen den Kindern viele Freiheiten. „Ich war in der Natur, kletterte auf Bäume oder lag mit einem Buch im Gras.“ Sie bastelte Spielzeug und zeichnete Tiere, darunter auch, ganz hinten im Heft, klein und schwarz, eine Maus, die „Auf Wiedersehen“ winkt. Im Rückblick muss das heute zweifellos als die UrMaus gelten, auch wenn der eigentlich sympathische Fernseh-Nager erst Jahre später in ihr Leben treten sollte.

Da war Schmitt-Menzel längst im Westen und hatte sich als Illustratorin für Kinderbücher einen Namen gemacht; sie bebilderte zudem immer wieder Geschichten für das Fernsehen, und eines Tages im Jahr 1969 landete wieder eine solche auf ihrem Tisch, die den Titel „Die Maus im Laden“ trug. Sie war entsetzt. „Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag. Mäuse! Die sind doch meistens grau - und dann auch noch im Laden! Wie langweilig! Läden interessierten mich überhaupt nicht.“ Also schob sie die Arbeit vor sich her, aber schließlich reizte es sie doch. „Die Mäuse, das war ja eine ganze Familie, haben erst mal alle eine andere Farbe gekriegt, und die Hauptmaus bekam ein schön knalliges Orange mit braunen Ohren, Armen und Beinen.“

Die anfangs ungeliebte Maus wurde zum bestimmenden Teil ihres Lebens

„Die Maus im Laden“ lief dann so erfolgreich, dass der damalige Leiter des WDR-Kinderprogramms, Gert Müntefering, daraus ein Jahr später die Lach- und Sachgeschichten mit der Maus entwickelte, aus denen wiederum zwei Jahre später die „Sendung mit der Maus“ wurde. Über die Farbe des Tiers wurde zwar noch häufig diskutiert, doch Schmitt-Menzel setzte sich durch (“Orange muss sein!“) und lieferte in den ersten drei Jahren 130 Ideen für ein- bis anderthalbminütige Maus-Spots, die zwischen den Beiträgen der Sendung liefen. Sie zeugen von Bauernschläue und dem ungewöhnlichen Blick: Die Maus schneidet ihren Schwanz ab und nutzt ihn zum Seilspringen, sie malt sich einen Schirm, als es zu regnen beginnt, und sie bläst einen Luftballon auf, dessen Luft zurückfließt und sie aufbläht.

So wurde die anfangs ungeliebte Maus plötzlich zum bestimmenden Teil im Leben von Isolde Schmitt-Menzel, und nicht nur das. „Mein Charakter, mein Denken, mein Fühlen und mein Humor - alles kam in der Figur zum Ausdruck.“ Für die Hallenser Studenten gab es deshalb nach den Seminaren mit der Künstlerin keinen Zweifel mehr, wie ihre Exposition heißen sollte: „Ich bin die Maus“. Aus Texas, wo Schmitt-Menzel mehrere Monate im Jahr verbringt, gab sie über Skype ihre Ideen durch und bot Unterstützung an, und in Seminare auf der Burg griff sie eigenhändig ein. Herausgekommen ist eine interaktive Schau, die zum Mitmachen animiert.

„Denkt quer und steht hinter euren Entwürfen“, hat sie den Studenten eingebleut, Mut und Hartnäckigkeit zu den wichtigsten Tugenden für Künstler erklärt und für Risiko geworben: „Diejenigen, die immer nur auf Sicherheit setzen, vertrocknen ganz schnell, sie können vor lauter Sicherheit gar nicht mehr aktiv werden und etwas wagen.“ Letzteres gilt selbstverständlich auch für das Leben der Isolde Schmitt-Menzel. Zwar hat sie vor einem Jahr aufgehört zu arbeiten (“Ich werde ja jetzt achtzig“), aber bei einem „schönen Auftrag“ würde sie nicht nein sagen. „Das wichtigste ist: keine Langeweile haben! Das ist mein Thema!“ Australien würde sie sich gern noch ansehen und auch mal ein Zen-Kloster ausprobieren. „Solange das Herz noch schlägt, geht's weiter!“

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