22.03.2009 · Auch diese Saga wird kursorisch abgehakt: Das ZDF zeigt die Geschichte der Familie Krupp. Dunkles Pathos prägt den Film, und die Kruppsche Villa Hügel wird zu einer Art Essener „Geisterhaus“. Und doch ist dieser Dreiteiler nicht ohne Reiz.
Von Matthias HannemannZu den vielen Filmen, mit denen das deutsche Fernsehen seine Zuschauer beglückt, zählen einfältige Seifenopern, für die es sowohl im Nachmittags- wie im Abendprogramm ausgiebig Raum gibt. Ihre schlichte Dramatik beziehen sie aus stereotypen Familienkonflikten, ihren billigen Glamour aus kratzfüßigen Abstechern zu Adel und Unternehmertum, ihr Gesellschaftsbild aus der Schublade. Und gerade deshalb haben sie Erfolg: Sie hinterfragen nicht die Welt. Sie erkunden mit der Kamera nicht das Menschsein. Sie bedienen ebenso einfach wie professionell die Erwartungen.
Es ist schade, dies zuweilen auch über die groß angekündigte, sichtlich von Familiensagas wie den „Manns“ und „Buddenbrooks“ inspirierte Verfilmung „Die Krupps“ sagen zu müssen, die das ZDF an gleich drei Abenden von Sonntag an sendet. Die Gesichter, die sie zeigt, sind ausnahmslos hart. Die Liebe, die sie sucht, ist ausnahmslos fern. Die deutsche Geschichte, der sie über 150 Jahre hinweg folgt, wird zur schillernden Gelegenheitskulisse reduziert. Kurz: Dieser Dreiteiler, inszeniert von dem Regisseur Carlo Rola, stilisiert die Villa Hügel zum „Geisterhaus“ und bleibt demselben Mythos verhaftet, mit dem schon der Kaiser und Hitler die Massen bewegten - dem Mythos Krupp.
Wie ein Pennäler mit Spickzettel
Und doch ist dieser Dreiteiler bei allem Pathos und aller dunklen Paste nicht ohne Reiz. Das liegt zum einen an den vielen Drehorten und der konzentrierten Art, mit der Iris Berben die greise Alleinerbin Bertha und Benjamin Sadler den wortkargen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach mimen. Zum anderen gibt es selbst in einem Buch der gestelzten Dialoge und schicksalshaften Blickwechsel solide gelöste Momente. Zu ihnen zählt das längere Gespräch, das Alfried und sein jüngerer Bruder Harald (Barnaby Metschurat) nach dem Zweiten Weltkrieg führen; der eine hatte da im Namen der Krupps in Nürnberg gebüßt, der andere in russischer Kriegsgefangenschaft. Zu ihnen zählen überhaupt die Minuten, in denen die deutsche Geschichte ins Familiendunkel hineinblitzen darf: Arbeiter im 19. Jahrhundert, die über Krupps Sozialpläne und den Sozialismus diskutieren. Studenten, die Flugblätter im Namen des Nationalsozialismus verteilen. Dazu gleich in der ersten Folge ein Fernsehauftritt von Kaiser Wilhelm zwo.
Die Schlaglichter stehen freilich in keinem Verhältnis zu der Sehnsucht, mit der diese Verfilmung nach jedem Hinweis und Gerücht greift, das nur irgendeinen Hauch menschlicher Dramatik und Tragödie enthalten könnte. Uninteressiert hakt das Drehbuch ab, was die Kapitel der Familiengeschichte an politisch-moralischer Brisanz enthalten - wie ein Pennäler, der sich auf der Handinnenfläche die Stichworte für die Geschichtsklausur notiert hat, ohne sie je nachgeschlagen oder gar verstanden zu haben.
Diesen Ansatz kann man als Versuch verklären, das Politikverständnis eines Waffenproduzenten nachzuempfinden, der sich noch immer anzupassen vermochte. Vielleicht als Ausdruck künstlerischer Freiheit oder Beleg, sich auf diesem Wege gleichwohl den Widersprüchlichkeiten deutscher Familienbiographien zu stellen.
„Hart wie Kruppstahl“ lohnt sich nicht
Aber macht sich die deutsche Fernsehbranche die Bergung des Erinnerungsschatzes nicht allzu leicht, wenn sie stets, das gilt auch für die Kontakte zu Goerdeler oder die Geschichte der Zwangsarbeiter in den Fabriken, nur ein Augenzwinkern für die Weltgeschichte übrig hat?
Die Antwort darf nicht sein, dass man sich dafür ja wohl beim ZDF eine Redaktion Zeitgeschichte leiste, die auswetzen soll, was der Filmkunst als zu kompliziert erschien. Sie steuert natürlich (im Anschluss an die erste Folge) auch zu dieser elf Millionen Euro teuren Produktion eine passgenau zugeschnittene Dokumentation bei, in der neben zahlreichen Krupp-Nachkommen auch Historiker wie Werner Abelshauser und Lothar Gall zu sehen sind - und die echte Villa Hügel, die man im Film vergeblich sucht. Beide, Dokumentation und Dreiteiler, schnurren bezeichnenderweise auf eine Person zu, die am gnadenlosen Selbstbild der „Familie“, ihrer Unfähigkeit zu menschlicher Nähe und dem Mythos der Perfektion zerbrach: den exzentrischen Arndt.
Ein Krupp, sagt Alfried im dritten Teil des Films, müsse vor allem funktionieren. Sein Sohn Arndt funktionierte nicht. Ihm gilt die Sympathie des Films. Der letzte Erbe blieb außen vor und entfloh, abgefunden mit etwas Kleingeld, in seine eigene Welt und in die des Jetset. Hat Alfried ihn mit der Gründung der Krupp-Stiftung zu befreien versucht - von der Last, „ein Krupp“ zu sein? Hier scheint es fast so. Denn Arndt wird sich in der Schlussaufnahme in einen Sportwagen setzen, fröhliche Musik einschalten und in den Abspann fahren. Das ist dann die Moral von der Geschicht': Setzt auf Freiheit und Liebe, „hart wie Kruppstahl“ lohnt sich nicht.