Sie erscheint immer als Letzte zur Konferenz. Alle sitzen schon um den Tisch und blicken sie an wie das Ehrenpräsidium der Weltorganisation der stoischen Philosophiehistoriker. Liz Lemon (Tina Fey) kommt nicht ins Büro, um Freunde zu finden. Ihre Konferenzführung ist straff, ungerührt wie eine Gerichtsmedizinerin seziert sie die Vorschläge aus der Runde, und wenn ein Kollege es wagt, wieder einmal einer der drolligen Lieblingsideen freien Lauf zu lassen, die längst ausgerottet sein sollten, dann erledigt sie mit der Giftspritze des Sarkasmus das possierliche Projekt. Persönliche Eigenheiten von Anwesenden nimmt sie zum Anlass von Scherzen, mit denen sie zur Auflockerung der Stimmung am Tisch beizutragen meint.
Eines Morgens schwebt sie auf Wolke sieben hoch sieben ins Konferenzzimmer, hat ein gutes Wort für jedermann übrig und verteilt Doughnuts an alle. Sie ist verliebt. Die kollektive Produktivität wird durch den plötzlichen Zustrom positiver Energie nicht gefördert. Der karitativ weitergeleitete Liebesüberschuss wirkt hochgradig irritierend auf die Routinen des Konferenzablaufs. Als die Irritation auf ihre Urheberin zurückschlägt und ein unvollkommen mitbeglückter Mitarbeiter sich zurechtstutzen lassen muss, entfährt diesem, einem fetten Schleicher mit Schlabberhaaren, Hornbrille und Baseballkappe mit täglich wechselnden, bemüht witzigen Sprüchen, der Seufzer eines glücklichen Heimkehrers: „Da ist sie wieder, meine gute, alte Liz Lemon!“
Unzureichend beschrieben
„30 Rock“ ist eine komische Fernsehserie aus der Arbeitswelt. New York, Rockefeller Plaza, Nummer 30: Das ist die Adresse von NBC, dem Senderkonzern, der die Serie produziert. Das Gemeinschaftswerk, das in der Fiktion auf einer Etage dieses Bürohochhauses entsteht, ist eine komische Fernsehserie. Es könnte auch eine Werbekampagne, eine Zeitung oder eine Steuerreform sein. Tina Fey, die die Chefschreiberin der fiktiven Serie spielt, hat „30 Rock“ erdacht und viele Episoden selbst geschrieben. Sie war mehrere Jahre lang die Chefschreiberin von „Saturday Night Live“ und ist als Doppelgängerin von Sarah Palin weltberühmt (Palin-Double: Wer ist die Echte?). Aller Selbstreferenz und dem Gerücht zum Trotz, die beim allgemeinen Publikum zunächst nicht übermäßig erfolgreiche, dreimal in Folge mit Emmys überhäufte Serie sei Pflichtprogramm für Fernsehbosse, die sonst ja nie fernsähen, ist „30 Rock“ als Mediensatire unzureichend beschrieben.
Themen wie Schleichwerbung und Urheberrechtsbruch, Nebenverdienste und Gaststarallüren sind der Stoff für ein Konfliktgeschehen von naturgeschichtlicher Wucht, das sich auf Bürofluren jeder Branche abspielt: Managementideen treffen auf den Alltag eines unverbesserlichen Pragmatismus. Die Idiosynkrasien der Angestellten sind im Auge des Managements Negativposten, die sich per Anweisung aus der Bilanz tilgen lassen. Es fehlt ja nur der gute Wille! Doch eine Maschine, die aus Menschen besteht, produziert überhaupt nur etwas, wenn es überall hakt.
Wo die Seelen Ruhe haben
Liz Lemon lenkt von ihrer eigentlichen Arbeit ab, wenn sie Witze über Kollegen macht. Hauptsächlich ist sie damit beschäftigt, die Gefühle ihrer Kollegen zu schonen. Das klingt nicht nach einer Tätigkeit, sondern nach einer Tugend. Aber in der psychosozialen Ordnung eines Büros, in dem alle einander buchstäblich auf die Füße und bildlich auf sämtliche Extremitäten treten, müssen Reservate eingerichtet, unterhalten und verschoben werden, wo die lieben Seelen Ruhe haben oder sich selig dem Rhythmus ihres Lieblingslärms überlassen. Schon die kleinsten Reformen sind im Büro mit unkalkulierbaren psychischen Kosten verbunden. Das gilt gerade für die sachlich besonders gut zu begründenden Veränderungen: Sie wären ja längst ins Werk gesetzt worden, wenn nicht mit Widerstand zu rechnen wäre.
Wenn die Blitze, die Tina Fey aus ihren Augen feuert, so folgenlos bleiben wie Präsident Obamas Aufrufe zur Überparteilichkeit, wenn sie so scharf um jede Ecke biegt, als könnte sie noch eine Nanosekunde herausholen, wenn sie sich schüttelt, weil sie ihr Gegenüber nicht am Schlabberschopf packen und zum Fenster hinauswerfen kann, dann bestätigt sie das Grundgesetz der arbeitsteiligen Produktionsweise: Alles muss man selbst machen.
Genialer Grundeinfall
Der geniale Grundeinfall von „30 Rock“: Liz Lemons Chef, der neue Besen mit der Kraft eines Atomstaubsaugers, der die tägliche Produktion in eine permanente Revolution verwandelt, ist in dieser Freakshow dasjenige Individuum, dessen bizarre Neigungen die listenreichste Zuwendung fordern. Dieser Manager, dessen Büro natürlich einige Stockwerke höher liegt, ist von höheren Managern eingesetzt worden, die sich in der olympischen Region der Opernlogen und Golfplätze bewegen, und auch diesen Jack Donaghy, dem Alec Baldwin eine umwerfende, in der Präzision des Ganzkörpereinsatzes schlichtweg berauschende Präsenz gibt, umweht die Aura einer göttlichen Herkunft. Ein heiliges Recht muss ihm die Freiheit geben, jederzeit alle Arrangements über den Haufen zu werfen, denn an die Üblichkeiten und Verbürgungen, die im unteren Stockwerk gelten, können seine Anweisungen nicht anknüpfen.
Jack nimmt sich Grobheiten heraus, die Antidiskriminierungstribunale ohne Anhörung aburteilen würden. Liz Lemon, die er nur Lemon nennt, fordert er auf, sie solle auf ihre biologische Uhr hören, die so groß sei wie Big Ben. Mit diesem Dionysos des modernen Arbeitsplatzes bricht im Büro ein, was alle Konferenzregularien und Selbstschutzmechanismen fernhalten sollen, das Leben. Und das Leben muss man lieben.
Deutsche Synchronfassung ein Desaster!
Howard Solo (HS76)
- 04.11.2009, 17:19 Uhr