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Deutscher Fernsehpreis Mich gibt´s wirklich

27.09.2009 ·  Wer sagt, das deutsche Fernsehen habe nichts zu bieten? Der Deutsche Fernsehpreis beweist das Gegenteil. Die Jury und der ausrichtende Sender Sat.1 haben vieles richtig gemacht. Alfred Biolek, der Ehrenpreisträger, bat Marcel Reich-Ranicki um Verständnis - er nahm den Preis nämlich an.

Von Michael Hanfeld
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Viel ist passiert seit der letzten Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Bei der war es zum Eklat gekommen, weil der Ehrenpreisträger Marcel Reich-Ranicki den Preis nicht annahm. In der Hitze des damaligen Gefechts mochte es scheinen, das deutsche Fernsehen bestehe aus nichts denn Firlefanz. Von Firlefanz, von Köchen und Clowns aber war nun nichts zu sehen.

Lauter würdige, von der Jury mit Bedacht auserkorene Preisträger traten vor an einem Abend, den Anke Engelke und Bastian Pastewka stilsicher moderierten. Denn als Volksmusikantenpaar „Wolfgang und Anneliese“ konnten sie aus der Rolle fallen, weil sie ihre Rollen perfekt spielten - als Unterhaltungsspießer, die keine Peinlichkeit auslassen und doch nie peinlich werden. Das ist der Schlämmer-Effekt, den Hape Kerkeling mit seiner Kunstfigur zu nutzen weiß: Im Aufzug der Narren tritt die Wahrheit zu Tage.

An den besten Filmen nicht vorbeigeschaut

Und die Wahrheit ist, dass die Jury an den wichtigsten, witzigsten und dramatischsten Aufzügen des Fernsehjahres nicht vorbeigeschaut hat. Sie hat - anders als der ins Abseits steuernde Grimmepreis-Kreis - „Mogadischu“ als besten Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet (ARD-Spielfilm „Mogadischu“: Terror in Reinkultur). Sie hat Senta Berger in dem Film „Schlaflos“ als beste Schauspielerin und Josef Hader in „Ein halbes Leben“ als besten Schauspieler gesehen und dem Regisseur Nikolaus Leytner für diesen Film ebenfalls einen Preis gegeben.

Silke Zertz bekam den Preis für das beste Drehbuch. Sie wurde geehrt für zwei Vorlagen, für diejenige zu „Wir sind das Volk“ und zu „Woche für Woche“. Ihre kurze Dankrede leitete sie mit dem Satz ein: „Erstens: mich gibt`s wirklich.“ Sich derart zu annoncieren, das ist nach dem Skandal um die gekündigte Fernsehspielchefin des NDR, Doris Heinze, die unter Pseudonymen Drehbücher schreiben ließ und selber schrieb, zwar nicht mehr der Gipfel der Originalität, aber zugleich eine Spitze, die auf das nicht nur in diesem kriminellen NDR-Fall angespannte Verhältnis zwischen Autoren, Produzenten und Sendern zielt. Dieses auf eine neue Grundlage zu stellen und zu einer „neuen Solidarität zu finden“, das mahnte der Produzent Nico Hofmann bei seiner Dankrede an; er hatte den Film „Mogadischu“ erstellt.

Seitenhiebe für Feinschmecker

Am ergriffensten, geradezu gerührt, erschien derweil der „heute journal“-Moderator Claus Kleber, der mit seiner Koautorin Angela Andersen für das Reportagestück „Die Bombe“ ausgezeichnet wurde. Er nutzte die Gunst der Stunde, um auf die Qualitäten des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu verweisen, der auch seine aufwendige Reportage möglich gemacht hatte. Dass Brender einen neuen Vertrag bekommt, verhindert, wie seit langem bekannt, eine Mehrheit von Unionspolitikern und unionsnahen Vertretern im Verwaltungsrat des Senders. „Wenn sich das Gute und der ZDF-Intendant durchsetzen“, sagte Kleber, dann bleibe Brender dem ZDF erhalten.

Damit freilich ist nicht zu rechnen, die Politik hat in diesem Fall längst ihre Verabredung getroffen und an der ist nicht nur der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der Brender zum Abschuss freigab, beteiligt. Wie in Berlin - zumindest bis zu diesem Sonntag - regiert in Mainz beim ZDF eine große Koalition von SPD- und Unionspolitikern. Und es ist sehr fraglich, ob der Intendant Schächter tatsächlich willens und Manns genug ist, dem entgegenzutreten. Ob Kleber selber daran glaubt? Das war jedenfalls ein Seitenhieb für Feinschmecker.

Über manche Preisvergabe läßt sich streiten

Für solche war auch die Preisvergabe an den Mehrteiler „Wir sind das Volk“ mit einer überragenden Anja Kling (Fernsehen: Das Drama „Wir sind das Volk“ (Sat.1)), an das Stück „Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“ als bester Dokumentation (Im Reich der aufgehenden Sonne: eine FDJ-Dokumentation im Ersten) sowie an Anna Fischer („Die Rebellin“, ZDF-Dreiteiler „Die Rebellin“: Die verlorene Ehre der Lena B.) und Florian Bartholomäi („Bloch: Schattenkind“) als besten Nebendarstellern. Über den Serienpreis („Der Lehrer“, RTL) kann man streiten, ebenso über die Auswahl der besten Comedy („TV-Helden, RTL) und der besten Informationssendung („ZDF-Wahlforum“). Den Preis für Thomas Gottschalk in „Wetten, dass . . ?“als bestem Unterhalter (er verhinderte immerhin Mario Barth) darf man wohl als Veteranen-Orden verstehen.

Gottschalk dankte routiniert, übte sich als Reich-Ranicki („der Preis wird sich als Katastrophe erweisen“) und ging wieder, besonders aufregend war dieser Preisposten nicht. Der Ehrenpreisträger Alfred Biolek - von der Laudatorin Alice Schwarzer als Säulenheiliger des deutschen Fernsehens gewürdigt - machte es besser. Er bat Marcel Reich-Ranicki „um Verständnis: Ich nehme den Preis an.“ Biolek verriet am Ende auch sein Erfolgsrezept, das ihm seine jahrzehntelange Karriere sicherte und ihm ungebrochene Anerkennung beim Publikum, bei den Kollegen, manchmal sogar bei den Kritikern einbringt: „Man muss Menschen einfach mögen und das kriegt man dann zurück.“

„Ich muss seit zwanzig Minuten pullern“

Lang war der Abend bei all der Kurzweil selbstverständlich trotzdem, verlängert noch durch die Werbepausen, in denen uns Sat.1 vieles aus seinem sonstigen Programm anpries (zum Beispiel die neue Show von Oliver Pocher). Doch half die unaufdringliche Leichtigkeit von „Wolfgang und Anneliese“ darüber hinweg. Wer einmal dabei war, weiß, dass der Abend im Coloneum - der Werkzeughalle, in der die Show alljährlich abläuft - noch viel länger ist, nicht nur drei bis dreieinhalb, sondern eher vier Stunden lang.

Was auch die sympathisch-aufgeregte Dankrede von Anna Fischer erklärt, die erst einmal sagte, dass sie eigentlich „pullern muss seit zwanzig Minuten“, dann aber doch alle mit ihrer ehrlichen Freude mitriss. An diesem Abend haben die Jury, die Moderatoren und Sat.1 vieles richtig gemacht. Und wie sagte Anke Engelke alias „Anneliese“ so gegen 23 Uhr? „Ich freue mich, dass der Ehrenpreisträger - noch da ist.“

Die zahlreichen Blicke der Kamera ins Publikum - das auch noch da war - deuten übrigens auf einen neuen Trend: Selten hat man (außerhalb der Vereinigten Staaten) so viele Leute auf einem Haufen Kaugummi kauen sehen, Preisträger inbegriffen. Aber vielleicht sind es ja auch Nikotintabletten.

Bei Pro Sieben wurde um diese Zeit übrigens das nichtamtliche Wahlergebnis derjenigen bekannt gegeben, die ihre politische Bildung bei Stefan Raab und seiner „TV Total“-Show beziehen. Demnach kommt die Union bei der Bundestagswahl an diesem Sonntag auf einen Stimmenanteil von 31,5 Prozent, die SPD auf 16,8, die FDP auf 14,5, die Grünen auf 14,4 und die Linkspartei auf 16,8 Prozent. Dann reiche es für Schwarzgelb ja doch nicht, sagte Stefan Raab. „Es reicht auch nicht für die große Koalition“, sagte der N 24-Chefredakteur und ehemalige „Duell“-Moderator Peter Limbourg, der neben Raab auch durch diesen Politquatschabend führte. Die Fortsetzung erfolgt heute Abend auf allen Kanälen.

Der Deutsche Fernsehpreis 2009 - die Preisträger

Bester Fernsehfilm: „Mogadischu“ (ARD, ARD-Spielfilm „Mogadischu“: Terror in Reinkultur)
Bester Mehrteiler: „Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen“ (Sat.1, Fernsehen: Das Drama „Wir sind das Volk“ (Sat.1))
Beste Serie: „Der Lehrer“ (RTL)
Beste Dokumentation: „Freundschaft! Freie Deutsche Jugend“ (ARD, Im Reich der aufgehenden Sonne: eine FDJ-Dokumentation im Ersten)
Beste Reportage: „Die Bombe“ (ZDF, Im Fernsehen: „Die Bombe“)
Beste Informationssendung/Moderation: „ZDF-Wahlforum“ (ZDF)
Beste Unterhaltungssendung/Moderation: „Wetten, dass . .?“ vom 13.12.2008 (ZDF)
Beste Comedy: „TV Helden“ mit Jan Böhmermann, Caroline Korneli und Pierre M. Krause (RTL)
Beste Sportsendung: Leichtathletik-WM (ZDF)
Beste Regie: Nikolaus Leytner für „Ein halbes Leben“ (ZDF)
Bestes Buch: Silke Zertz für „Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen“ (Sat.1)
Bester Schauspieler Hauptrolle: Josef Hader für „Ein halbes Leben“ (ZDF)
Beste Schauspielerin Hauptrolle: Senta Berger für „Schlaflos“ (ARD)
Bester Schauspieler Nebenrolle: Florian Bartholomäi für „Bloch: Schattenkind“ (ARD)
Beste Schauspielerin Nebenrolle: Anna Fischer für „Die Rebellin“ (ZDF, ZDF-Dreiteiler „Die Rebellin“: Die verlorene Ehre der Lena B.)
Beste Kamera: Martin Langer für „Tatort: Auf der Sonnenseite“ (ARD, „Tatort“ Hamburg: Gesinnungsethik zählt hier nicht)
Bester Schnitt: Annemarie Bremer für „Die Wölfe“ (ZDF)
Beste Musik: Ulrich Reuter für „Die Freundin der Tochter“ und „Die Drachen besiegen“ (ARD)
Beste Ausstattung: Frank Godt und Monika Hinz für „Die Wölfe“ (ZDF)
Förderpreise: Eva Stotz für „Sollbruchstelle“ (3sat); Henriette Confurius, Neel Fehler, Nina Gummich, Vincent Redetzki, Maximilian Werner und Philip Wiegratz für „Die Wölfe“ (ZDF)
Ehrenpreis der Stifter fürs Lebenswerk: Alfred Biolek

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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