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Deutsche Fernsehkrimis So mutig wie selten zuvor

30.04.2010 ·  Einfach mal die gängigen Erzählmuster missachten: Es gibt mit Serien wie „Polizeiruf 110“ und „KDD“ endlich wieder Hoffnung für den deutschen Fernsehkrimi - dank vielschichtiger Ensembles, die auch mal improvisieren dürfen.

Von Harald Staun
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Plötzlich sind auch die Zuschauer da: 8,32 Millionen wollten am vergangenen Sonntag den neuen Rostocker „Polizeiruf 110“ sehen - dafür muss selbst ein "Tatort" einen guten Tag erwischen. Und weil, in den Tagen zuvor, die Kritiken in den Feuilletons so gefährlich positiv waren, konnte sich manch einer den Traumstart nur mit höherer Gewalt erklären: Das neue Ermittlerduo habe möglicherweise von der Aschewolke profitiert, spekulierte etwa "Stern.de", weil gewissermaßen die Zuschauer, die zuvor den „ARD-Brennpunkt“ gesehen hatten, auf dem Sender hängengeblieben waren wie die Passagiere auf den europäischen Flughäfen.

Woher aber die erstaunliche Geduld des Publikums kam, all die Zumutungen zu ertragen, welche ein Sonntagabendkrimi so plötzlich von ihm verlangte, das lässt sich nicht so einfach durch ein Naturphänomen erklären. Das Tempo und die Komplexität, mit der der junge irische Autor und Regisseur Eoin Moore überrascht, so jedenfalls suggerierte es bisher die herrschende Logik der Programmredakteure, ist eher darauf angelegt, die überforderten Zuschauer davonzujagen.

Man würde ihm sogar einen Mord verzeihen

Es ist ja nicht nur der reizvolle Unterschied der Protagonisten, aus welchem die Geschichten ihre Kraft beziehen. Auf dem Papier nämlich ist der Konflikt zwischen der zurückhaltenden LKA-Analytikerin Katrin König und dem eher impulsiven Kommissar Alexander Bukow auch nicht außergewöhnlich unkonventionell. Schon seltener ist, dass Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner ihre Rollen auch deshalb so facettenreich darstellen können, weil ihnen Moore (und auch Edward Berger, der in der zweiten Folge Regie führte), den Platz dafür lassen.

Geradezu ein Kulturschock aber ist es, wie Moore und seine Kollegen die etablierten Erzählmuster missachten, an deren Unumgänglichkeit die Innovation der deutschen Krimiserie so oft scheiterte. Das fängt schon damit an, dass die anfänglichen Zweifel an der Integrität Bukows nicht schon am Ende der ersten Folge ausgeräumt sind, sondern ihn auf unabsehbare Zeit begleiten; und dass er einem aber andererseits in seiner charmanten Übellaunigkeit so schnell ans Herz wächst, dass man ihm womöglich sogar einen Mord verzeihen würde. „Im Prinzip stehen alle Figuren zur Debatte“, sagt Moore; schon in der zweiten Folge fordert diese kompromisslose Linie ihr erstes Opfer. Aber zum Glück gibt es im Team der Rostocker Kripo auch danach noch genug unberechenbare Gestalten.

Um den Toten kümmert sich eine knappe Stunde lang erst mal keiner

Die Vielschichtigkeit des Ensembles; die Liebe fürs Detail; den Mut zur Beiläufigkeit von Bemerkungen und Gesten; die Toleranz für unsaubere Inszenierungen, für Chaos und Improvisation: das alles gibt es in dieser Konsequenz nicht oft im deutschen Fernsehen. Da dürfen Menschen durcheinanderreden und müssen nicht ständig den Stand der Ermittlungen resümieren, damit auch die neu zugeschalteten Zuschauer so schnell wie möglich mitkommen; und dafür darf es dann eben auch mal ein wenig länger dauern, bis die aufgeworfenen Fragen gelöst und die parallelen Erzählstränge zusammengeführt werden - oder eben auch nicht. Um den Mann etwa, der zu Beginn der zweiten Folge so spektakulär ums Leben kommt, kümmert sich eine knappe Stunde lang erst mal keiner.

Ähnlich aufregend und dynamisch geht es nur in der ZDF-Serie „KDD - Kriminaldauerdienst“ zu. Leider nicht mehr lange. Noch bis Ende Mai läuft die dritte Staffel über die Berliner Polizeieinheit, mit der Orkun Ertener die deutsche Krimiserie wenigstens wieder in Sichtweite amerikanischer oder britischer Vorbilder brachte. Seine Dynamik verdankt auch „KDD“ zum einen dem Zusammenspiel seiner zahlreichen Protagonisten, einer Gleichzeitigkeit der Plots, die einer der beiden zuständigen ZDF-Redakteure so beschrieben hat: „Tür auf, Tür zu, rechts wird gekotzt, links wird geschrien, hinten macht einer eine Liebeserklärung.“

Was ist die schlimmstmögliche Wendung?

Zum anderen lebt auch „KDD“ davon, dass man sich nie auf die Protagonisten verlassen kann, weil diese ihre Entscheidungen und Aktionen eben nicht an den Gesetzen des Genres ausrichten, und zwar weniger aus dramatischem Kalkül, sondern ganz einfach aus den charakterlichen Schwächen oder den niederen Motiven, die sie sich erlauben dürfen.

Im Mittelpunkt der dritten Staffel steht der türkischstämmige Ermittler Mehmet Kilic, kokainsüchtig, desillusioniert und auch sonst ein ganz normaler Berliner. Zwei Staffeln lang durfte Mehmet seinen inneren Konflikt mit sich selbst ausmachen, in der dritten, sagte Ertener in einem „taz“-Interview, „bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er ihn nicht lösen kann . . . Und dann frage ich mich: Was passiert? Was ist die schlimmstmögliche Wendung?“ Die schlimmstmögliche Wendung: Die war, vom „Alten“ bis zur „Soko“, schon lange nicht mehr denkbar im deutschen Fernsehen.

Eine Welt, in der der Boden etwas stärker vibriert als beim „Tatort“

Die Abgründe, die sich bei „KDD“ auftun, die schlucken auch jeden Humor, für den immerhin im „Polizeiruf 110“ noch Platz ist. Und trotzdem geht es in beiden Fällen nicht vordergründig um die Härte, die Verzweiflung, die Tristesse; es geht nicht einmal um die Frage, ob Erteners gebrochene Helden am Ende realistischer sind als, nur zum Beispiel, eine alltagstaugliche Identifikationsfigur wie der Münsteraner Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Es kann nur einfach so viel mehr passieren in einer Welt, in der der Boden unter den Akteuren etwas stärker vibriert als bei den unerschütterlichen „Tatort“-Kommissaren.

Es mag ja sein, dass all dies nicht der Stoff ist, aus dem die Träume eines Massenpublikums gemacht sind. Im Gegensatz zum "Polizeiruf" wurde „KDD“ wegen der dünnen Quoten eingestellt, die es manchmal sogar schafften, auch bei der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen unter jenen des „Alten“ zu liegen. Wobei es schon an Sabotage grenzt, eine Serie, die ein junges Publikum finden soll, dieses ausgerechnet am Freitagabend vor dem Fernseher suchen zu lassen.

Letztlich wäre die Quote jedoch völlig egal, wenn sie es auch den Sendern wäre. Der Erfolg des „Polizeirufs 110“ aber zeigt deutlich, dass sie nicht von der Konventionalität einer Serie abhängt, sondern vor allem von ihrem Sendeplatz. Man darf der Redaktion des NDR durchaus zu ihrem Mut gratulieren, das auch mal auszuprobieren. Alle anderen, und das macht Hoffnung, haben jetzt leider eine Ausrede weniger.

KDD läuft jeden Freitag um 21.15 im ZDF. Die zweite Folge von Polizeiruf 110, „Aquarius“, zeigt die ARD am 2. Mai um 20.15 Uhr

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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