28.09.2009 · Der Wahlabend geht im Fernsehen eindeutig an die große Koalition der Öffentlich-Rechtlichen. ARD und ZDF sind souverän. Bei RTL sind sie ratlos, bei Sat.1 gibt es Kalauer, Verfolgungsjagden auf der Autobahn, und hier unterbietet Michel Friedman sich selbst.
Von Michael Hanfeld, Matthias Hannemann, Oliver Jungen und Arne LeyenbergDer Wahlkampf musste erst beendet, die Schlacht geschlagen und die Sieger ermittelt sein, bis wir im Fernsehen eine Debatte mit den Spitzen des Bundestagsparteien zu sehen bekamen, in der die wahren politischen Gegensätze im Sechsparteiensystem wenigstens ansatzweise aufschienen.
Die „Berliner Runde“ brachte es an den Tag, und zu verdanken haben wir es abermals dem Mann, der den Wahlabend auch vor vier Jahren schon rettete - dem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Der nämlich hatte erkennbar genug von den Worthülsen und Vermeidungsstrategien, die den Wahlkampf bestimmt und den Volksparteien - der SPD allerdings noch viel stärker als der Union - geschadet haben.
Die Politiker aber wollten sich noch nicht darauf einlassen, Tacheles zu reden an dem Abend, an dem die Zeit der bitteren Wahrheit beginnt.
Steinmeier macht nicht den Schröder
Wobei man Frank-Walter Steinmeier zugute halten muss, dass er in der historischen Niederlage der SPD Größe beweist. Erstaunlich, dass ihm die Parteigenossen minutenlang applaudiert hatten, als er vortrat, um die „bittere Niederlage“ einzugestehen, erstaunlich auch, dass er nichts beschönigt und sich auch nicht von dem Regierungshandeln seiner Partei distanziert. Er macht nicht den Schröder - der 2005 Wahlkampf gegen die eigene Politik betrieben hatte -, gedankt haben es ihm die Wähler nicht. Angela Merkel und Guido Westerwelle können sich bei ihren Wählern bedanken. Letzterer wird künftig wohl auch nicht mehr darauf verweisen müssen, dass seine Partei nicht von irgendwem Wähler geschenkt bekommt. „Wenn jemand die FDP wählt, ist er ein FDP-Wähler und kein CSU-Wähler“, sagte Westerwelle, nachdem Peter Ramsauer ( „die Wähler haben gegen ihre Stimmung gewählt“) von der CSU noch einmal versucht hatte, das magere Ergebnis seiner Partei mit den „Stimmengeschenken“ an die Freien Demokraten zu erklären. Bei Diskussionsleiter Brender kam er damit auch nicht durch.
Wäre Brender doch nur beim „Duell“ aufgetreten, hätte es diesen Gipfel doch vorher schon gegeben! Dann hätten wir vielleicht erfahren, wie FDP und CSU ihr Wahlversprechen, die Steuern zu senken, in die Tat umsetzen wollen. Oskar Lafontaine freilich lockt niemand aus der Reserve. Für den Linkspolitiker ist nach dem Wahlkampf vor dem Wahlkampf, das sah man an diesem Abend abermals sehr deutlich. Den „großen Elefanten geht die Nahrung aus“, formulierte der ZDF-Chefredakteur Brender schließlich als Fazit und leistete eine schön falsche Begriffszuordnung: Die kleineren Parteien lägen erstmals, meinte er, allesamt bei mehr als zehn Prozent „Marktanteilen“. In solchen Kategorien aber rechnen die Politiker - zumindest offiziell - noch nicht, das tun nur die Fernsehmacher.
Der alten und neuen Bundeskanzlerin gab Brender schließlich noch mit auf den Weg, so höflich wie an diesem Abend wären sie gerne auch bei einem zweiten Duell schon mit ihr umgegangen. Angela Merkel hatte einen solchen Termin bekanntlich verweigert, worauf Brender zuvor schon einmal angespielt hatte. Das eine „Duell“, das es gab, war allerdings ganz und gar nicht von Höflichkeiten geprägt, sondern von der dreisten Arroganz der Fragesteller, die dies wohl mit einer kritischen Haltung verwechseln (siehe auch: FAZ.NET-Fernsehkritik: Spiel nicht mit den Tigerenten!).
Die ARD beginnt mit Blödelulk
Niemand konnte ahnen, dass das passierte: Die kräftigsten Zugewinne verbuchte am gestrigen Abend wohl die ARD. Sie hat diesen Wahlabend - nach viel Infotainment im Vorfeld - mit Bravour gemeistert, wobei den Höhepunkt sicher die so kompetente wie diskursiv vorbildliche Runde bei Anne Will darstellte. Man ist einen solchen Grad an inhaltlicher Auseinandersetzung im Fernsehen schlicht nicht mehr gewohnt. Aber auch das von außen an ein Aquarium erinnernde „gläserne 'Tagesthemen-Studio' vor dem Reichstag“, aus dem Tom Buhrow gleich dreimal ein „Tagesthemen-Extra“ senden durfte, war eine schöne Idee: An einem Tag wie diesem eben nicht aus einer fensterlosen Höhle vor virtuellem Brimborium zum Publikum zu sprechen, sondern sichtbar vom Zentrum der Republik aus, das hatte Stil und Größe.
Dabei ging die um 17 Uhr beginnende Wahlberichterstattung im Ersten eher fragwürdig los. Die erste Stunde wurde mit einfallslosen Einspielfilmen überbrückt, die über Brandenburg und Schleswig-Holstein waren noch die erträglichsten. Wirklich niemandem aber muss man wohl heute noch erklären, dass auch im Internet Wahlkampf geführt wird, erst recht nicht mit Videos. Doch nicht die Verlegenheitsreportagen waren das eigentliche Problem der Vorberichterstattung, sondern die läppischen Auftritte Mathias Richlings als Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel. Was soll das? Kurz vor der Bekanntgabe der Prognose auf nicht einmal witzigen, geschweige denn gewitzten Blödelulk mit Perücke zurückzugreifen („Ich nehme die Wahl auf jeden Fall an, egal wie sie ausgeht“): Soll das zeigen, was von der Wahl in Wahrheit zu halten ist? Wochenlang hat man in allen Fernsehsendern ja auch in diesem Sinne heruntergebetet, der Wahlkampf sei zu öde (will sagen: nicht telegen genug), und schließlich gar den Kandidaten gezürnt, weil sie nicht länger die Zirkusaffen geben wollten.
„Es geht überhaupt nicht um Posten“
Doch dann ging das Niveau von 18 Uhr an plötzlich steil nach oben in der ARD. Ohne die üblichen Pannen und mit klaren Prioritäten schaltete man zu den Wahlpartys der Parteien, sammelte erste Stimmen ein, ohne den typischen Wahlabend-Luftblasen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die Sprachregelung sah offenbar vor, dass alle CDU-Mitglieder vom erreichten Wahlziel sprachen (womit kaum der leichte Stimmenverlust gemeint gewesen sein konnte) und die SPD-Genossen von einem „schlimmen Tag“ respektive von einem „bitteren Ergebnis“.
Zwischen den Liveschaltungen wurde in einer ersten Politikerrunde die - im Ganzen recht zutreffende - ARD-Prognose erörtert. Ein erschütterter Peter Struck (SPD) gratulierte den Gewinnern, und Rainer Brüderle (FDP) wollte nicht beantworten, ob die Moderatorin vielleicht gerade mit dem künftigen Wirtschaftsminister spreche: „Es geht überhaupt nicht um Posten.“ Volker Kauder gab in diesem Rahmen die noch oft zu hörende Parole aus, ein großer Teil der FDP-Stimmen seien eigentlich Merkel-Stimmen. Überhaupt: der Eigentlichkeits-Jargon! Was wollen uns Politiker denn sagen, wenn sie wie der SPD-Kanzlerkandidat oder - neuerdings - Horst Seehofer und Peter Ramsauer von der CSU betonen, die Wahl entspreche eigentlich nicht der Stimmung „auf den Straßen und Plätzen“? Haben die Wähler sich bloß verwählt? Zu Recht verwahrte sich Guido Westerwelle wiederholt gegen die Bezeichnung „Leihstimme“.
Jörg Schönenborn, der Umfragenkönig
Höchst auffällig war es, dass vom Moment der ersten Hochrechnung an CDU und CSU in der ARD auseinanderdividiert wurden und Schwarz-Gelb nun konsequent „Schwarz-Blau-Gelb“ hieß. Wohltuend wirkte, dass es diesmal nicht zum demoskopischen Exzess kam, sondern Umfragenkönig Jörg Schönenborn nur wenige, mitunter tatsächlich interessante Ergebnisse kommunizierte. So war zu erfahren, dass 48 Prozent der Wähler die Grünen für ehrlich halten, noch 38 Prozent die FDP, 31 Prozent die Linke, aber nur je 30 Prozent CDU und SPD. Allein die CSU lag mit 25 Prozent Glaubwürdigkeit noch darunter. Sollte man sich da nicht in allen Parteien Gedanken über einen ganz anderen Politikstil machen?
Zunächst traten, wie es sich gehört, die Verlierer vor das Publikum. Steinmeier erklärte im Willy-Brandt-Haus, er werde an diesem bitteren Abend nicht aus der Verantwortung fliehen, und erntete großen Applaus. Was die Genossen sich dabei wohl dachten? Schnell schob der gerade gescheiterte Kanzlerkandidat nach, er meine damit, seinen Beitrag als Oppositionsführer zu leisten. Mit noch größerem Applaus retteten die Genossen ihren Spitzenmann vor einer Blamage. Horst Seehofer nannte das CSU-Ergebnis erfrischend offen „nicht zufriedenstellend“, ja „enttäuschend“.
„Bundeskanzlerin aller Deutschen“
Über ihre Zugewinne freute sich die Linkspartei, wobei das Spitzentrio Lothar Bisky, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine während der gesamten Ansprache zum größten Teil von zwei Fotografen verdeckt war, die sich offenbar in Nahaufnahmen übten. Eine vergnügte Claudia Roth kündigte noch eine „knallgrüne Opposition“ an. Dann trat die Bundeskanzlerin vor ihre Anhänger und betonte nach bemerkenswert kurzer Siegesmitteilung, trotzdem „Bundeskanzlerin aller Deutschen“ sein zu wollen, „für jeden ein Angebot“ zu machen. War es ein letzter Reverenzerweis für die große Koalition, dass Frau Merkel - wie schon in Pittsburgh - ein rotes Kostüm trug, Frank-Walter Steinmeier aber abweichend vom ansonsten eingehaltenen Krawattenfarbcode die Farbe Schwarz (die er für die Elefantenrunde seltsamerweise gegen eine schwarz-weiß-gestreifte Krawatte tauschte, vielleicht weil das weniger nach Trauer aussah). Einfach nur freudiges Halligalli gab es bei den Freidemokraten zu beobachten.
Später am Abend dann übernahmen bei Anne Will die alten Granden Rita Süssmuth (CDU), Egon Bahr (SPD) und Gerhart Baum (FDP) die Analyse des Wahlergebnisses, unterstützt durch die Journalisten Michael Spreng und Tissy Bruns. In schönster Weise war hier jeder der Teilnehmer für die Argumente der anderen Gäste offen, und souverän wurde das Gespräch von der Moderatorin durch kluge Rückfragen strukturiert: So geschah es, dass man trotz Festlegung der Gäste auf ihre Parteien zu echten, gemeinsamen Ergebnissen kam. Rita Süssmuth warnte unter allgemeiner Zustimmung vor eine weiteren Spaltung der Gesellschaft: Integration statt einseitiger Klientelbedienung tue in Zukunft Not. Auch falsche Beschwichtigungen des Wählers durch unehrliche Wahlprogramme, wie sie alle Parteien vorgelegt hätten (niemand wollte das bestreiten), führten nur zur Abkehr des Wählers von den Parteien.
Bei Anne Will wird abgerechnet
Tissy Bruns brachte die Krise aufs Tapet: Keine der Parteien habe wirklich mit den Deregulierungs-Phantasien der Vergangenheit abgerechnet, was Egon Bahr unterstrich. Alle Parteien und alle Regierungen hätten sich doch über die Finanzblase gefreut, solange sie anschwoll. Eine solche Blase dürfe es aber nicht mehr geben. Dass nun Schwarz-Gelb die Macht im Land besitze, sei aber - auch in dieser Hinsicht - „keine Katastrophe“. Einig war man sich freilich auch, dass die Steuersenkungspläne der FDP nicht allzu realistisch sind. Selbst Gerhart Baum bekannte, er habe dieses Mantra nicht mehr hören können. Die FDP habe sich allerdings gewandelt, sei keine marktradikale Besserverdienerpartei mehr. Mit ehrlicher Sorge wurde schließlich der beklagenswerte Zustand der SPD betrachtet, die auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit zu sein scheint. Bahr sah die einzige Rettung in einer Konsolidierung links von der Mitte, was auf Zustimmung stieß. Ebenso war es Konsens, dass die Linkspartei von dem Moment an eine Rolle spiele und koalitionsfähig sei, in dem sie die grundlegenden Verträge akzeptiere, die dieses Land unterschrieben habe.
Einen ganz direkten Kommentar zum Wahlergebnis erlaubte man sich in der ARD jedoch auch: „Was is' denn das für'n Scheiß? Ey, der Kapitalismus zieht uns voll in die Krise, und die Leute wählen CDU/FDP?“ Diese mit Inbrunst gesprochenen Sätze fielen in der traditionell am Wahlabend gesendeten, in mehreren Varianten vorbereiteten „Lindenstraße“.
Die können Kanzler: Ordentliches „Wahlwatching“ im ZDF
Das ZDF sah an diesem Abend durchweg gut aus, und das nicht bloß der fischereiwirtschaftlichen „Wahlwatching“-Trailer oder des Deutschen Fernsehpreises wegen, den Bettina Schausten und Christian Sievers am Vorabend für das ZDF-„Wahlforum“ erhalten hatten. Im Zweiten passte vielmehr so ziemlich alles: das Tempo - das Mikrofon-Karussel drehte sich schwungvoll, aber nicht unkontrolliert -, die Aufbereitung der Ergebnisse vor einer schlichten Großleinwand, und auch das Händchen für die richtigen Gesprächspartner: Man hatte sich zur Wahlbeobachtung wieder im alten Telegraphenamt zu Berlin einquartiert, in einem Saal, in dem die Bundeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit dem Verein der Auslandspresse und dem „Tagesspiegel“ eine Wahlparty ausrichtete, auf dem Podium sagten Helmut Markwort, Chefredakteur des „Focus“, und Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, schon eine knappe Stunde vor der ersten Hochrechnung einen schwarz-gelben Wahlsieg voraus, und auf einem Sofa ruhte, gelegentlich von einem weißen Zeichentrick-Wal im Bildhintergrund umpaddelt, eine altgediente Politikerriege.
Aus ihr werden vor allem Gerhart Baum mit seiner Lobpreisungen einer runderneuerten FDP und der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf in Erinnerung bleiben: Zu einem Zeitpunkt, als sich unter den Genossen in der SPD-Zentrale noch niemand aus der Deckung traute, setzte Scherf zu einer solch stilvollen und nachdenklichen Analyse der Niederlage an, dass sie im Willy-Brandt-Haus in den nächsten Tagen zu Schulungszwecken Verwendung finden sollte; er schien mächtige Zweifel an der Fähigkeit seiner Partei zu haben, sich den kommenden Herausforderungen selbstkritisch zu stellen, die Partei habe schon einmal, beim Aufstieg der „Grünen“, die Herausforderung für die eigene Identität nicht begriffen.
Der Wettermann erklärt das politische Klima
Gut, bei den Kurzinterviews in den Parteizentralen gelang es den Kollegen im ZDF nicht besser als anderen, den erschöpften Wahlkämpfern Überraschendes zu entlocken. Auch einige Beifall heischende Elemente hätte man sich verkneifen können, die nichtssagende Schalte zu Markus Kavka etwa, dem früheren MTV-Moderator, der seit Jahresanfang bei Wahlen die T-Shirt-ärmlige Internetkompetenz des ZDF verkörpert, oder das lieblose Pflicht-Interview mit Jakob Schrot, seines Zeichens Sieger des „Ich kann Kanzler“-Wettbewerbes (er unterschied sich immerhin markant von den hohlen Erst- und Nichtwählern, die Stefan Raab am Abend zuvor in der „TV Total Bundestagswahl“ bloßstellte, und prognostierte außerdem, um kurz vor sechs bereits, Schwarz-Gelb werde es mit 48,5 Prozent der Stimmen zu einer knappen Mehrheit der Sitze bringen).
Im Großen und Ganzen aber geriet das „Wahlwatching“ im Zweiten nicht zum ziel- und zwecklosen Rumgeschipper, obwohl die bundespolitischen Fronten seit der 18-Uhr-Prognose der „Forschungsgruppe Wahlen“ klar waren: „CDU 33,5 Prozent, SPD 23,5 Prozent, FDP 14,5 Prozent, Grüne 10 Prozent, Linke 13 Prozent“. Daran hatte Christian Sievers einen großen Anteil, der die großpolitische Klimaveränderung, den Stift lässig in der einen und einen Zettel in der anderen Hand, wie ein Wettermann in ein, zwei klaren Sätzen zu erklären wusste. Dafür sorgte eine Regie, die selbst um Mitternacht noch Neues bringen wollte und daher zu den ZDF-Korrespondenten in aller Welt schaltete. Und dafür standen Studiogäste wie Giovanni di Lorenzo: „Diese Wahl war die letzte, bei der es ein Koalitionsverbot mit der Linken gab“, hatte er bereits kurz nach der ersten Hochrechnungen gesagt. Wie heißt es so schön: Jede Wahrheit braucht einen, der sie ausspricht.
Bei RTL sind sie überfordert
Um 17.54 Uhr war Peter Kloeppel schon ratlos. „So, wie machen wir weiter?“, fragte der Anchorman von RTL in die Runde. Mit einer Schalte natürlich - so wie den gesamten Wahlabend über. In den Parteizentralen und auf den Wahlpartys hatte RTL seine Mitarbeiter postiert, zu denen Kloeppel fast pausenlos schaltete. Ein bunter Reigen, von Schwarz zu Rot, von Gelb zu Grün und schließlich zu ganz Rot. Der Moderator verlor schnell die Übersicht - welcher Reporter stand jetzt nochmal wo? Und wie hieß der gleich nochmal? Das spielte keine Rolle, da die Reporter den Abend über im Grunde dasselbe erzählten. Dabei hatte Christoph Teuner, der Chefreporter des gleichzeitig übertragenden Nachrichtensenders n-tv, der gemeinsam mit Kloeppel moderierte, zu Beginn noch die „geballte Experten- und Kommentatoren-Kompetenz“ im Studio angepriesen.
Heiner Bremer, Antonia Rados und Markus Koch kamen jedoch kaum zu Wort. Krisengebietsreporterin Rados, so schlimm steht es also nach Ansicht von RTL um die Berliner Republik, durfte lediglich mitteilen, dass in Afghanistan großes Interesse an dieser Wahl bestanden habe. Und Koch, der Wirtschaftsexperte von n-tv, sagte voraus, dass im nächsten Jahr die Wirtschaft wieder anziehe. Bremer immerhin, RTL-Urgestein und mittlerweile Politikexperte von n-tv, argumentierte pointiert - wenn er denn mal etwas sagen durfte. Er hätte sich wohl besser in einer der Parteizentralen postiert, dann wäre er ständig an der Reihe gewesen. Aber auf die Gefahr hin, dass Peter Kloeppel nicht mehr gewusst hätte, wo genau Bremer nun steht. Und ob er wirklich Bremer ist.
Kloeppel wirkte phasenweise fahrig, er war nicht immer Herr der Lage. Die erste Forsa-Hochrechnung interpretierte der Chefredakteur von RTL so: „Keine dicke Mehrheit. Aber eine, bei der man sagen kann: jo, damit kann die Kanzlerin leben.“ Einen historischen Moment hatte er auch noch ausgemacht: Die Grünen seien nur noch die fünftstärkste Kraft im Bundestag. Wenig später musste er sich korrigieren, dass waren sie ja schon seit der letzten Wahl.
Volkes Stimme beim Apfelwein
Die Berger Straße im Frankfurter Stadtteil Bornheim hatte der Kölner Privatsender kurzerhand zur RTL-Wahlstraße ernannt. In einem Apfelweinlokal, zwischen Bembeln und Bierbänken, durfte sich Volkes Stimme erheben („Die SPD hat uns so belogen. Der traue ich nicht mehr“). Um 18.45 Uhr dann verabschiedete sich Kloeppel von seinen Zuschauern, um sie nach wenigen Sekunden wieder zu begrüßen. Denn schließlich moderierte er neben der Wahlsendung auch das Nachrichtenmagazin „RTL aktuell“. Aus dem gleichen Studio und natürlich mit denselben Reportern in den Parteizentralen, zu denen er munter schaltete. Die hatten, zur allgemeinen Überraschung, immer noch die gleiche Meinung wie kurz zuvor. Eine kuriose Situation. Als es dann doch um etwas anderes ging als um Politik, um den WM-Kampf des Boxers Witali Klitschko in der Nacht zuvor in Los Angeles (siehe auch: Klitschko verteidigt Titel durch technischen K.o.), wurde der Bericht unterbrochen - weil die Bundeskanzlerin im Konrad-Adenauer-Haus vor das Mikrofon trat. Der Übergang von der Nachrichten- zur Wahlsendung war fließend. Der orientierungslose Zuschauer konnte nur noch auf die nächste Schalte hoffen - in die Werbepause.
Bei Kloeppels Abmoderation gab es dann den ersten Hinweis des Abends auf die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Brandenburg. Da war ja noch was. Vom Zettel las der Moderator ab, dass es im Norden ganz knapp zugehe und es im Osten wohl wieder für Ministerpräsident Platzeck reichen werde. Keine Hochrechnungen, keine Prozentpunkte, keine Sitzverteilungen. Es ging ja schließlich nicht um den Kanzlerposten. Und mit zu vielen Wahlen wollte RTL seine Zuschauer dann wohl doch nicht verwirren - eine muss reichen für den Abend.
Verfolgungsjagden bei Sat.1
Sat.1 zeigte am Wahlabend eindrucksvoll, warum der Sender in puncto Informationskompetenz unter ferner liefen rangiert. Fast eine Stunde lang ging es halbwegs professionell zu, bis gegen 19 Uhr unbedingt die „24 Stunden Reportage Jagdrevier Autobahn“ beginnen musste. Während auf den anderen Kanälen endlich Angela Merkel ins Rampenlicht trat, lieferten sich bei Sat.1 Streifenbeamte heiße Verfolgungsjagden mit Rasern auf der Autobahn.
Um politisch auf dem Laufenden zu bleiben, musste man schon zu N 24 schalten, dem Nachrichtensender der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe. Und sah dort, wie bei Sat.1 in den Stunden zuvor, den um keinen Kalauer verlegenen Chefredakteur Peter Limbourg, dessen Korrespondenten aus den Parteizentralen wenig mehr als Stimmungsberichte abzuliefern wussten. Und irgendwie war allen - bis auf die SPD - nach Feiern zumute: Sieger, soweit das Auge reicht. Wie viele Bierfässer ins Adenauer-Haus gerollt wurden, das erfuhren wir hier weltexklusiv.
„Die Schleimspur der Kanzlerin“
Um die Exklusivrechte an den Kommentatoren von Sat.1 wird sich allerdings wohl kaum ein anderer Sender je bemühen. Stefan Aust, der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, hätte gerne etwas mehr gesagt, wäre ihm Sabine Christiansen nicht dauernd ins Wort gefallen. Die Talkmasterin ist vor allem eins: übermotiviert. Das ist auch der Journalist Hajo Schumacher, sein Konterpart Michel Friedman aber ist nicht nur das. Er ist schlicht nicht satisfaktionsfähig. Roland Koch werde garantiert Minister im neuen Kabinett, meinte Friedman, er sei in den vergangenen Wochen „die Schleimspur der Kanzlerin“ gewesen. Die Moderatorin Michaela May hätte in einem solchen Moment rhetorischer Umnachtung gut daran getan, ihrem Gegenüber das Wort zu entziehen. Tat sie aber nicht. Sie stand lieber mit den sich ereifernden Herren pittoresk auf dem Dach des Reichstags herum.
Die Moderatoren im Studio konnten sich am Sonnenuntergang nicht satt sehen. Dafür war von einer ernst zu nehmenden politischen Einordnung des Wahlergebnisses bei Sat.1 und N 24, die sich auch noch vollkommen überflüssige Direktschaltungen in die Redaktion der „Bild“-Zeitung leisteten, gar nichts zu sehen: Sonnenfinsternis auf der dunklen Seite des Nachrichtenmondes. „Durch diese hohle Gasse muss sie kommen“, hörten wir Peter Limbourg sagen, nachdem die Regie zum soundsovielten Male in die CDU-Parteizentrale geschaltet hatte, um Aufzüge und Türen zu zeigen, aus denen Angela Merkel dann doch nicht trat. Als sie schließlich kam, war Sat.1, wie gesagt, schon auf der Autobahn. Alles eine Frage des Tempolimits.
Man muss es auch verstehen
W. Müller (drschagg)
- 28.09.2009, 11:01 Uhr
ARD
Sepp Maier (seppp80)
- 28.09.2009, 11:02 Uhr
Sehr richtig: nicht repräsentativ....
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 28.09.2009, 12:00 Uhr
Deutsches TV und die Wahl
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 28.09.2009, 12:39 Uhr
Roland Koch
Werner Grunewald (perplexo)
- 28.09.2009, 13:11 Uhr