30.07.2010 · Sommermedienaufruhr nach amerikanischer Art: Obama war in „The View“ zu Gast, der Fernsehquasselstunde fürs weibliche Publikum. Sarah Palin ist planmäßig entsetzt, Obamas Fans sind begeistert.
Von Jordan MejiasEin Ereignis, das die Grundfesten der Nation zu erschüttern drohte. Jubel im Studio, höhnische Kommentare hinter den Kulissen, rechte Ecke. Was war passiert? Der Präsident war im Fernsehen zu sehen. In einer Unterhaltungssendung. Nicht am Abend. Tagsüber! Barack Obama zu Gast in „The View“, der Quasselstunde, in der fünf Frauen, unter ihnen die Komikerin Whoopi Goldberg, die Dinge der Welt genau so aufmischen, wie es Frauen interessieren soll. Und wohl viele auch interessiert, nach den Einschaltquoten geurteilt.
Fox News, der erzkonservative Kampfsender, war außer sich. Wie kann ein Präsident derart seine Zeit verschwenden? Und kaum hatte Obama zum letzten Mal in die Kamera gelacht, tweetete auch schon die Exgouverneurin von Alaska, die unvermeidliche Sarah Palin, der Mann aus dem Weißen Haus hätte doch lieber mal an der Grenze mit Mexiko nach dem Rechten sehen sollen.
Exquisit präpariert
Ebenfalls total verschnupft waren die Pfadfinder, weil er nicht zu ihrer Hundertjahrfeier erschienen war, worauf Stephen Colbert, als Fernsehnachrichtenkomiker in der Rolle des krakeelenden Rechtsaußen, unübertrefflich motzte, Obama beleidige schon wieder die Jungs in Uniform. Die Fans des Präsidenten sahen in dem Auftritt nur einen weitere Beleg für seine Virtuosität, die es ihm als begnadeten Mediendompteur erlaubt, Wähler in einer heillos zersplitterten Medienlandschaft direkt, ganz ohne journalistische Hilfestellung, zu erreichen.
Barbara Walters, die Doyenne des amerikanischen Fernsehjournalismus, die vom Krankenlager nur des hohen Gastes wegen in die Runde zurückgekehrt war, hätte sich also die Frage sparen können, weshalb er denn die Einladung angenommen habe. Die Antwort indes war exquisit präpariert: Um in einer Sendung zu sein, die auch von Michelle eingeschaltet wird.
Wer ist Snooki?
Gequatscht wurde in diesem Sinne über seine Haare, die immer grauer werden, und seinen iPod, auf dem Jay-Z neben Maria Callas rappt und zwischendurch Frank Sinatra swingt. Ansonsten reichte es auch noch für ein paar Bemerkungen über die Kriege in der Ferne, das Verhältnis der Rassen untereinander, die Erholungszeichen der Autoindustrie und den Urlaub mit der Familie in Maine. Über Mel Gibson und seine Ausraster wollte der Präsident nichts verlautbaren, weil er schon lange keinen Film mehr mit ihm gesehen habe, und Snooki mochte er gar nicht kennen.
Wie? Ist der Präsident so lebensfremd, dass er nicht weiß, wer in einer Reality-Show namens „Jersey Shore“ die Schlampe gibt? Schockierender war vielleicht nur die Kunde, dass er zu Chelsea Clintons Hochzeit an diesem Wochenende nicht eingeladen ist. Aber das sei in Ordnung. Zwei Präsidenten, erklärte der Präsident, wären bei einer einzigen Hochzeit sicher zuviel.