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Cordula Stratmann und Annette Frier im Gespräch Redenmüssen ist bei Frauen genetisch angelegt

24.08.2010 ·  Basta, es gibt Pasta: Bei Sat.1 sprechen Cordula Stratmann und Annette Frier wieder wunderbar Klartext. Geld verdienen, Kinder aufziehen, Geld ausgeben, alles hier in Frauenhand - das ist Sat.1-Postfeminismus. Der Titel ist das Programm: „Wir müssen reden“.

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Was halten Sie von Homöopathie?

Cordula Stratmann (aufheulend): Von Homöopathieeeeee?

Ja. Klingt jetzt am Thema vorbei, aber ich will ja auf etwas hinaus.

Stratmann (noch lauter): Oooaaahh!!!!

Annette Frier: Also ich halte immer mehr davon. Ich mach jetzt in Schüssler-Salzen.

Stratmann: Und ich glaube zutiefst an die Wirksamkeit von Arnika-Globuli.

Ich halte fest, zweimal Wohlwollen. Das Prinzip der Homöopathie ist ja – neben dem Hokuspokus - Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen. Ihre beiden neuen Figuren nun, die erotisch unausgelastete Physiotherapeutin Annette Pfeiffer und die promigeile Hörbuchlektorin Cordula van Grooten, bringen in potenzierter Form auf den Bildschirm, was man in Wartezimmern und Straßenbahnen findet: Brutal präsente, freudig schnatternde Leute, die zu allem eine Mainstream-Meinung haben. Wollen Sie die Leute nun kurieren oder heillos unterhalten?

Stratmann: Also pädagogisch bin ich nie unterwegs. Dann wäre ich ja Lehrerin geworden. Wir wollten einfach wissen, ob es uns gelingt, eine frei improvisierte Geschichte zu erzählen.

Um die Ausstellung von Diskursen geht es gar nicht?

Frier: Ich würde sagen, ist doch nicht total verkehrt, sich als Teil eines Ameisenhaufens zu begreifen. Würde ja gar keinen Sinn machen, wenn wir uns über Physik unterhielten. Ich glaube, dass wir Themen aufgreifen, die vielen Leuten geläufig sind, wie die künstliche Befruchtung in der ersten Folge. Aber das erfährt dann eine Überhöhung.

Stratmann: Mir ist das viel zu kompliziert, wir haben uns einfach zwei Figuren ausgedacht. Beide haben Kummer, die eine sucht einen Lebensgefährten und die andere kann mit ihrem Partner kein Baby bekommen. Kummer hier, Kummer da.

Noch mal einfacher gefragt . . .

Stratmann: Ha! Für Sie mach ich mal einfacher . . .

Wieviel Parodie des Alltags steckt in Ihren Figuren?

Frier: Das ist jetzt aber eine andere Frage als eben.

Eigentlich nicht.

Frier: Wir haben uns natürlich zwei Figuren gesucht, die sehr extrem reagieren können. Das meinte ich mit Überhöhung. Meine private Meinung hat damit nichts zu tun.

Stratmann: Meine private Meinung wäre auch total uninteressant. Die beiden Figuren sind mit allen Beklopptheiten ausgestattet. Ich weiß, wann mein Gegenüber ausflippt, was sie auf die Palme bringt – es ist ein schönes Spiel, ja, es geht ums Spielen.

Frier: Mein Charakter schmeißt sich in ein Thema rein und haut Dinge einfach raus. Ich wäre hoffentlich etwas differenzierter. Für die Unterhaltung wäre das aber nicht sinnvoll.

Ah, Sie wollen also einfach unterhalten?

Frier: Na, auf jeden Fall!

Stratmann: Ja, wir machen Fernsehunterhaltung mit diesem Format. Ich kann da nicht meine politische Meinung über die Welt kundtun. Das muss eine gewisse Leichtigkeit haben.

Frier: Ich will auch meine private Meinung nicht drei Millionen Leuten zumuten. Worauf Sie aber hinauswollen, ist ja, dass wir sehr in die Unterhaltungsrichtung gehen. Da sage ich: Ja, genau! Im Gegensatz zu anderen Impro-Comedys haben wir uns aber nicht den Zwang auferlegt, nach jedem zweiten Satz den Sack zumachen zu müssen mit einer Knaller-Pointe. Auch den sogenannten E-Improvisationen an der Schauspielschule - fünf Stunden als Katze oder als Erde - fehlt oft die Leichtigkeit: Die aber ist uns, glaube ich, gut gelungen.

Voll und ganz.

Stratmann: Das ist es. Dieses Miteinander mit Annette, das ist, glaube ich, sehenswert. Ich quieke innerlich vor Vergnügen über viele kleine Dinge.

Ist die Berufsbezeichnung Ulknudel eigentlich korrekt?

Frier: Also ich kann mich damit durchaus . . . Hundert Prozent getroffen.

Stratmann: Ich liebe ja Nudeln. Aber so bezeichnen würde ich mich eher nicht.

Aber das steht überall, Frau Stratmann. Nicht nur Amazon führt Sie als führende Ulknudel.

Stratmann: Ehrlich? Ich gucke da gar nicht rein. Och ja, dann bitte.

Nun las man über Sie beide aber in der letzten Zeit Artikel, in denen stand, die Festlegung auf die Rolle lustig spontane Ulknudel ginge ihnen auf die Nerven. So wurde vielfach auch Ihr Abschied von der „Schillerstraße“ kommentiert.

Frier: Die „Schillerstraße“ war für mich irgendwann fertig, weil wir diesen Kosmos ausgespielt hatten. Meine Zeit mit Cordula hat mir da tatsächlich am meisten Spaß gemacht. Aber ich bin nun mal Schauspielerin, ich möchte nun mal nicht auf eine Rolle festgelegt werden.

Stratmann: Vielleicht ist das jetzt einfach eine konsequente Weiterentwicklung unseres Improvisierens. Das neue Format kommt meinem Timing und meiner Temperatur viel mehr entgegen.

Frier: Ulknudel ist natürlich das schlimmste deutsche Wort für komische Frauen. Aber dass mich das nervt, geht nicht so weit, dass ich deshalb nicht mehr mit Cordula improvisieren würde.

Sie sind in den „Schillerstraßen“-Hinterhof also nicht reingerutscht?

Stratmann: Nein, wir sind da nicht reingerutscht. Sondern haben ganz bewusst dieses Format gewählt.

In der zweiten Folge hat Bastian Pastewka einen Gastauftritt, er spielt sich selbst, aber doch ein bisschen zum Star überhöht, zumal er von den beiden Damen angehimmelt wird - apropos, haben Sie auch Probleme mit Groupies?

Stratmann: Oahhhhhh, mit Groupiiiiiiiiiies? Ja, mit denen, die mich Ulknudel nennen.

Sie fragen also Pastewka: „Nimmt man sich selbst als Komiker eigentlich ernst genug?“ Er antwortet: Früher fand ich alles komisch, heute alles ernst. Wegen dem 11. September. Die Frage zurückgegeben: Nehmen Sie sich als Komikerinnen eigentlich ernst?

Stratmann: Ich verstehe die Frage ehrlich gesagt nicht.

Ist doch Ihre Frage gewesen.

Stratmann: Na, das war in dem Moment doch einfach eine lustige Frage. Die kann ich doch nicht ernst nehmen.

Damit wäre sie ja beantwortet, Sie nehmen sich nicht ernst.

Stratmann: Meinetwegen, nehmen Sie das.

Frier: Der Basti hat doch großartig geantwortet. Wir nehmen seine Antwort.

Stratmann: Ja, genau, seit dem 11. September ist alles, äh, anders.

Frier: Außerdem, das muss ich sagen, gibt es echt viele Frauen, die den Basti ganz, ganz toll finden. Das noch zum Groupieaspekt. Der ist mindestens so begehrt wie Til Schweiger.

Stratmann: ???

Frier: Ja, das würdest du jetzt so und so sehen.

Das bringt mich auf die nächste Frage: Gehen Sie mit Ihren Figuren ins Bett? Also: Wie schnell kommen Sie aus Ihren Charakteren wieder heraus?

Stratmann: Ähm, sofort. Sobald die Kamera aus ist und ich der Aufgabe enthoben bin, jemanden unterhalten zu müssen.

Frier: Ich würde das so beantworten: Ein ganzer Tag mit Drehbuch ist nicht so anstrengend wie so ein improvisierter Abend. Ich bin danach ziemlich fertig, ehrlich.

Stratmann: Wir wollen als echte Cordula und echte Annette immer noch etwas trinken gehen, aber verschieben das jedes Mal.

Ist eigentlich alles live? Bestellen Sie, was Sie in diesem Moment essen wollen? Drehen Sie nichts doppelt?

Frier: Wir bestellen live, haben aber nur eine eingeschränkte Karte.

Stratmann: Wir nehmen bis zu sechzig, siebzig Minuten am Stück auf, daraus wird die halbstündige Folge geschnitten. Noch einmal machen kann man da natürlich nichts. Ganz oft denkt man da, jetzt habe ich eine Situation verpasst. Improvisieren heißt eben auch: Scheitern können.

Frier: Schrecklich eigentlich. Ich rege mich gerne auf, wenn mir etwas misslingt: Aber das passiert immer wieder. Am Anfang der „Schillerstrasse“ habe ich ständig die Züge abfahren sehen . . .

Stratmann: Und da dann was draus machen, das ist ja das Spannende. Immer im Fluss bleiben, nicht den Fluss unterbrechen. Wenig hysterisch sein, wenig egomanisch.

Frier: Blöd wird es nicht.

Stratmann: Sowieso nicht.

Sie treten sehr ungeschützt auf. Wünschen Sie sich manchmal etwas, hinter dem man sich kurz verstecken kann? Horst Schlämmers Gebiss zum Beispiel: Dreimal „Schätzelein“ und „Ich hab‘ Rücken“, dann hat er den Bogen wieder.

Frier: Ich bekomme Distanz durch Betrachtungen von Kleinigkeiten: „Diese Kette macht Abdrücke, aber nur links,“ solche Sachen. Damit komme ich auch aus einem Gedanken raus, der sich einzukrampfen droht.

Stratmann: Bei mir läuft das, glaube ich, alles automatisch. Ich bin darin schon so viele Jahre geübt, inklusive meiner acht Jahre als Familientherapeutin. Ich kann das gar nicht beschreiben, das ist so ein Pfft, Ausatmen und dann wieder Einatmen. Sie müssen das jetzt einfach selbst, also Pffffft.

Ein metaphysisches Zusammensacken?

Stratmann: Ein metaphysisches Zusammensacken? Ja, vielleicht.

Zwei Freundinnen beim Plausch. Männer brauchen sie nur als Kellner, Phantasieobjekte und Samenlieferanten. Bei letzterem versagt nun der Mann Cordulas. Derjenige Annettes ist sowieso schon weg. Geld verdienen, Kinder aufziehen, Geld ausgeben, alles hier in Frauenhand – ist das jetzt der Sat.1-Postfeminismus?

Frier: Ja, genau, das ist der Sat.1-Postfeminismus.

Stratmann: Ich will Ihnen mal eins sagen: Ohne Mann kommt die Frau van Grooten nicht an ihr Sperma. Und die Frau Pfeiffer wird ohne Mann auch nicht glücklich. Das ist also ein Format, mit dem wir noch einmal herausstellen, wie sehr der Mann Dreh- und Angelpunkt in dieser Welt ist. (Lacht sich schlapp.)

Frier: Wir machen doch da was ganz Schlaues, dass wir die Männer nicht vor die Kamera zerren, aber dauernd über sie sprechen. Das ist so ein wunderbarer Effi-Briest-Wir-ahnen-alles-und-sehen-nichts-Moment. Und außerdem ist unser phantastischer Kellner Stephano ja alle Männer zugleich.

Und immer der perfekte Diener.

Frier: So mögen wir die Männer auch.

Stratmann: Selbstverständlich.

„Wir müssen reden!“, ist das pathologisch gemeint? Eine Art entschärftes Tourette-Syndrom?

Frier: Ja, man kann nicht anders.

Stratmann: Das Redenmüssen ist bei Frauen im Genpool angelegt. Das ist so. Das können wir hier einfach mal abschließend –

Frier: Na ja, abschließend?

Stratmann: Stimmt, man muss immer wieder drüber reden.

Frier: Aber irgendwas muss dran sein an diesem Mann-Frau-Quatsch. Es werden auch wohl in erster Linie Frauen auf das anspringen, was wir da machen.

Wie aber kommt man bei lustigen Männer-Frauen-Dichotomien an dem Label Mario-Barth-Pendant vorbei?

Frier: Also das müssen Sie jetzt beantworten.

Frauen würden diesen Gegensatz nie so plump bewirtschaften?

Frier: Na ja. Wir sind ja auch selbst schuld, wenn wir uns immer in so einen Mario-Barth-Vergleich stellen lassen.

Stratmann: Mach ich ja überhaupt nicht. Wissen Sie: Was mich an diesem Format am wenigsten interessiert, ist es, dass sich da zwei Frauen über Frauenthemen unterhalten. Wir sind nun mal Frauen.

Ist also Zufall?

Stratmann: Genau. Ich würde auch mit Annette improvisieren, wenn sie ein Hund wäre. Das Schöne an dieser Sendung ist: Man kann dabei zusehen, wie zwei Menschen im Kontakt zueinander sind, diesen zwischendurch verlieren, sich ziehen und drücken, wie sie Einklang finden.

Phatische Kommunikation also, die allein eine soziale Funktion hat, keine inhaltliche?

Stratmann: Schreiben Sie das.

Frier: Hier sind zufällig zwei Frauen, die zufällig zwei Frauen spielen. Gibt es da noch eine Frage drauf?

Ja, wie viele Leute gucken das?

Stratmann: Das wissen wir erst, wenn es eine Marktanalyse gibt. Ist aber egal. Interessiert mich wirklich nicht. Die Hauptsache ist, dass es Menschen gibt, denen das so viel Spaß macht wie uns.

Die Fragen stellte Oliver Jungen

Quelle: F.A.Z.
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