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Computerspielsport bei „ZDFKultur“ Wir sind hier doch nicht beim Bürgerfunk!

22.08.2011 ·  Das ZDF will sein Rollator-Image ablegen und zeigt in seinem nur partiell empfangbaren Kanal „ZDFKultur“ drei nächtliche Stunden lang Computerspielsport. Der erweist sich als durchaus fernsehtauglich. Aber nicht so.

Von Oliver Jungen
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Das Abendland darf aufatmen. Wie es aussieht, steht es noch - trotz der erstmaligen Ausstrahlung von E-Sport im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen. Das mag auch daran liegen, dass die Sendung so gut versteckt war - drei nächtliche Stunden im nur partiell empfangbaren Firlefanzkanal „ZDFKultur“ -, dass kein Bergdoktorpatient oder Volksmusikhanserl zufällig hineinstolpern konnte. Gezeigt wurde der im Rahmen der Kölner Gamescom ausgetragene Saisonauftakt zur „ESL Pro Series“, einer professionellen E-Sport-Liga, die im Gaming-Bereich das Pendant zur Bundesliga darstellt. Der Muttersender zeigte derweil tapfer Richard-Gere-Erotik.

Angekündigt wurde die Übertragung immerhin in der „ZDF Sport Reportage“. Unbedingt neutral war Kristin Otto dabei nicht: „Tja, aber, aber! Ist Computerspielen wirklich ein Sport wie jeder andere? Ich bin da ein wenig skeptisch, darf gar nicht an das Thema Sucht und Abhängigkeit denken.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht das ganz ähnlich und damit anders als jene dreiundzwanzig Länder der Welt, in denen E-Sport als Sportart anerkannt ist. Der DOSB verlangt, dass die eigenmotorische Aktivität bei einer Sportart bestimmend sein muss. Außerdem sei die Gemeinnützigkeit des E-Sports fraglich. Das klingt einleuchtend, allerdings sind Spitzenverbände der auch nicht allzu schweißtreibenden Sportarten Billard, Schach oder Motorsport ganz selbstverständlich Mitglied im DOSB, und die Gemeinnützigkeit von Golfclubs oder dem Deutschen Verband für Freikörperkultur ist vielleicht auch nicht auf den ersten Blick sichtbar.

Wenn nur Béla Réthy kommentiert hätte!

Die eigenmotorische Aktivität des E-Sport-Zuschauers jedenfalls ähnelt frappant der des herkömmlichen Fernsehsportkonsumenten: in beiden Fällen gegen null tendierend. Topfit dagegen wirkten sämtliche der in Köln antretenden, übrigens ausschließlich männlichen „ESL Pro Series“-Spieler. Tatsächlich treiben sie viel Schwitzsport, wie man erfuhr, als Ausgleich zum mehrstündigen täglichen Trainingspensum am Bildschirm. Gezeigt wurden die Auftaktwettkämpfe in drei der sechs Profiliga-Titel, in drei verschiedenen Computerspielen also: Fußballsimulation, Autorennen und Ballerspiel. Den Beginn machte die Auseinandersetzung zwischen zwei Spielerduos der „Clans“ Team Acer und Meet Your Makers (MYM) in der Disziplin „FIFA 11“, was dank hervorragender Grafik und Programmierung nicht viel anders aussieht als ein Bundesliga-Match. Wie die Titelverteidiger MYM dabei zur Höchstform aufliefen, das war schlichtweg spannend: Hätte Béla Réthy kommentiert statt der Pfeifen, die es hier taten, die Partie wäre des Erwachsenen-ZDF würdig gewesen.

Es folgte der Eins-gegen-eins-Wettkampf in „Trackmania Nations Forever“, der schon deutlich repetitiver wirkte, vielleicht auch wegen der klaren Überlegenheit von Fahrer gaLLo von Team Alternate. Gleichwohl ist ein Format, in welchem der Zuschauer gewissermaßen selbst als Pilot über verschiedene Strecken rast, immer noch spannender als ein stupide und endlos vor sich hin dröhnendes Autorennen aus der Realwelt. Den völligen Spannungsabfall brachte ausgerechnet die Actiondisziplin „Counter Strike: Source“, bei der einfach keine sinnvolle Betrachterperspektive existiert. Beim Katz-und-Maus-Spiel zwischen Terroristen und Gegenterroristen traten zwei sechsköpfige Teams gegeneinander an. Jeder der vermutlich beeindruckend schnell agierenden Spieler hat seine eigene Perspektive, zwischen denen der Sender besinnungslos hin- und herschaltete. Begleitet wurde das von einem absolut unverständlichen Kommentar, dessen wachsender Enthusiasmus schwer damit in Einklang zu bringen war, dass das zackige Herummanövrieren in dem burgartigen Architekturmodell nach einer knappen Stunde hochnervöser Langeweile plötzlich mit einem Unentschieden endete.

Nicht per se interessanter als Richard Gere

Vier Jahrzehnte nach Jean Baudrillards Schwurbeltheorie einer Implosion der Realität ins Hyperreale einander simulierender Simulationen scheint die Simulation nun also doch ganz einfach als Unterhaltungsformat in der Realität angekommen zu sein, ontologisch auf einer Stufe stehend mit Billardspiel oder Volksmusik. Obgleich E-Sport damit aber prinzipiell fernsehtauglich sein dürfte, ist er noch nicht per se interessanter als Richard-Gere-Anschmachtereien. Soll dieses Sendeformat in die Breite wirken, bedarf es wohl einer weit professionelleren Medialisierung als bei diesem Testlauf: In Bürgerfunkmanier aufgeregt herumspringende Moderatoren, die zwischen den Spielen unbeholfene, ja ärgerlich unreflektierte Miniinterviews (etwa über die „Killerspiele“-Debatte) mit fragwürdigen Experten führen - dazu sollte sich selbst der Frischer-Wind-Kanal des sein Rollator-Image ablegen wollenden ZDF zu schade sein.

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