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„Comedystreet“ mit Simon Gosejohann Es sind doch genug Pommes da

 ·  Seit acht Jahren macht Simon Gosejohann für die „Comedystreet“ von Pro Sieben die Fußgängerzonen unsicher. Wer ihn trifft, kommt ins Fernsehen. Dabei stellt Gosejohann niemanden bloß: Am Ende lachen alle über ihn.

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Zu einem ordentlichen Frühstück gehört, na klar: ein Drei-Minuten-Ei. Hastige Esser gießen sich nach Feierabend gerne mal eine Fünf-Minuten-Terrine auf. Aber den wenigsten Leuten ist die sogenannte Zwei-Minuten-Rolle bekannt. Die ist zwar nicht essbar, aber völlig gratis - und meistens merkt man erst hinterher, wenn man in ihren Genuss gekommen ist. Dann, wenn Simon Gosejohann mit seiner albernen Verkleidung schon wieder weg ist.

Unzählige Rollen hat Gosejohann in den vergangenen Jahren für seine Pro-Sieben-Sendung „Comedystreet“ schon gespielt, auf Marktplätzen, in Parks und Fußgängerzonen. Als bärtiger Rocker in Lederklamotten hat er älteren Damen mit verstellter Kinderstimme erzählt, dass er keinen Hardrock möge: „Ich hab mir zum Geburtstag die neue CD von Rolf Zuckowski gewünscht! Kennen Sie den?“ Dann hat er angefangen, den überraschten Damen „In der Weihnachtsbäckerei“ vorzusingen. Als prolliger Macho verkleidet hat er vor dem Straßencafé seine offensichtlich schwangere Begleiterin aufgefordert: „Schatz, du kannst den schweren Koffer doch nicht rollen! Du musst den tragen! Da ist mein Laptop drin.“ Er hat sich im Strahlenschutzanzug auf eine Brücke gestellt und Flüssigkeit aus einem giftgelben Fass in den darunterliegenden Fluss gekippt. Und sich im Fastfood-Restaurant zu wildfremden Leuten an den Tisch gesetzt, um deren Pommes mitzuessen: „Es ist doch genug da!“

Keine dieser Szenen dauert länger als ein oder zwei Minuten, manchmal sind es nur dreißig Sekunden. Es sind kurze Sketche mit Leuten, die nicht ahnen, dass sie Teil des Sketchs sind, weil sie mit versteckter Kamera gefilmt werden. Das funktioniert, weil Gosejohann seine unfreiwilligen Partner nie bloßstellt. Am Ende ist er es, über den alle lachen. Die Passanten, die nicht glauben können, was sich da gerade vor ihren Augen abgespielt hat - und die Zuschauer zu Hause, die in lauter verdutzte Gesichter sehen.

Ein netter Einstieg

Viele von Gosejohanns Figuren sind einfach nur albern. Was sie trotzdem besonders macht, ist, dass sie immer wieder gegen gesellschaftliche Normen verstoßen - und die Reaktionen ihrer Mitmenschen testen. Nicht durch große Unverschämtheiten, eher mit kleinen Provokationen. „Ich komme an die Leute nicht ran, wenn ich gleich der Arsch bin“, sagt Gosejohann. „Dann drehen sie sich weg oder rufen die Polizei. Ich muss also einen Weg finden, einen netten Einstieg hinzukriegen - wenn ich dann die Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe, kann ich losfeuern.“ Fürs große Charakterschauspiel eignen sich seine Figuren nicht, das weiß der Zweiunddreißigjährige selbst. Dennoch sind viele Rollen eine Herausforderung: „Du musst die Figur etablieren, den Gag erzählen, und das alles in wenigen Sekunden - da darf man nicht zu viel wollen, weil die Leute ja erst mal nur mit einem Ohr zuhören.“ Die lustigsten Reaktionen sind jene von Passanten, die stur wegschauen, wenn sich Gosejohann neben ihnen produziert, aber ihm, sobald er weg ist, kopfschüttelnd nachstarren. Schöner kann man menschliche Neugierde wahrscheinlich nicht ins Bild setzen.

Bei Pro Sieben läuft „Comedystreet“ jetzt im achten Jahr, seit dem Spätsommer erstmals in einer „XXL“-Version, für die auch längere Szenen im Studio gedreht wurden, in denen Kandidaten etwa eine inszenierte Quizshow oder ein gestelltes Casting durchleiden müssen, bei denen alles zu ihren Ungunsten schiefgeht. Das sieht dann aber doch arg nach „Verstehen Sie Spaß?“ aus und ist oft nicht halb so lustig wie die Spontanangriffe in der Fußgängerzone. Am besten funktioniert „Comedystreet“, das vom britischen „Trigger Happy TV“ inspiriert wurde, immer noch als Ein-Mann-Show mit Gosejohann an vorderster Front. Damit es davon nachher auch was zu sehen gibt, sitzt sein Bruder Thilo an der versteckten Kamera. Die Passanten werden anschließend aufgeklärt, dass sie gerade fürs Fernsehen gefilmt wurden, damit sie ihr Einverständnis für die Ausstrahlung geben können.

Bisher noch keine Prügel

Die meisten sagen zu. „Weil sie drüber lachen können“, sagt Gosejohann. „Sie haben nicht das Gefühl, verarscht worden zu sein.“ Manchmal ist jemand sauer, aber richtig eskaliert ist die Situation nie. Prügel musste Gosejohann, der früher für Viva moderiert hat, bisher jedenfalls noch keine einstecken - obwohl er die Nerven seiner Mitmenschen mit manchen Nummern dann doch arg auf die Probe stellt. Zum Beispiel als ein die Nähe Suchender, der sich grundlos zu zwei Unbekannten stellt, die sich auf der Straße gerade unterhalten, oder auf der Bank im Park merkwürdig eng an seinen Nebenmann heranrutscht.

Von Zeit zu Zeit ist die Versuchung groß, sich zu sehr aufs Obszöne zu verlassen. Am besten funktionieren schließlich immer noch Tabubrüche, alles, was mit Sex zu tun hat - etwa wenn Gosejohann im Straßencafé die (eingeweihte) Bedienung fragt, ob er seinen Kaffee auch mit einem Quickie bezahlen könne, er habe seine Geldbörse vergessen, und die Serviererin zum Erstaunen der Leute am Nachbartisch einwilligt. Ein Klassiker ist auch Gosejohanns Mann mit dem Riesenpenis, der in knallengen Radlerhosen durch die Stadt läuft, unter denen sich sehr deutlich sein bestes Stück abzeichnet, und Passanten fragt, ob was mit ihm nicht in Ordnung sei, die Leute würden ihn so anstarren. Manche brechen dann einfach in Lachen aus. Nach sieben Jahren wissen viele aber auch einfach, wer er ist. Neulich hat die versteckte Kamera zwei Frauen gefilmt, die sich köstlich über den Typen in der Radlerhose amüsiert haben, der gerade noch bei ihnen stand - bis eine der anderen wie vom Donner gerührt auf die Schulter schlug: Das war doch der Typ aus dem Fernsehen! An so einem plötzlichen Aha-Moment teilzuhaben ist lustiger als jeder gespielte Witz.

Mut und gute Laune

Dass es für die „Comedystreet“ bisher außer der Auszeichnung für die „beste versteckte Kamera“ beim diesjährigen Deutschen Comedypreis noch für keinen der zahlreich ausgegebenen Fernsehpreise gereicht hat, ist unverständlich, könnte aber daran liegen, dass Gosejohann gemeinhin als Scherzbold wahrgenommen wird, der sich wirklich für gar nichts zu schade ist und in Sendungen wie „Elton vs. Simon“ gegen den ehemaligen „TV total“-Praktikanten auch mal im Achterbahn-Wettkotzen antritt. Tatsächlich macht es Gosejohann einfach nichts aus, sich bis auf die Unterhose zu blamieren - solange es die Zuschauer unterhält. Mit diesem Image hat man es nur ein bisschen schwer, wenn es darum geht, ernst genommen zu werden.

In ihren guten Momenten haben er und die „Comedystreet“ aber genau das verdient. Wegen der kleinen Grenzüberschreitungen, wegen des Muts, gesellschaftlichen Konsens auf die Probe zu stellen - und der guten Laune, die man beim Zusehen bekommt. Auch wenn man sich dafür vielleicht mal ein paar Pommes wegessen lassen muss.

Comedystreet läuft dienstags um 22.45 Uhr bei Pro Sieben.

Quelle: F.A.Z.
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