07.05.2010 · Ulrich Wilhelm ist mit einem klaren Ergebnis zum neuen Intendanten des Bayerischen Rundfunks gewählt worden. Er bekam 40 von 44 Stimmen im Rundfunkrat. Sein Gegenkandidat schreckte die Versammlung mit einer polarisierenden Rede auf.
Von Michael SeewaldAuch der ARD-Programmdirektor Volker Herres musste sich gedulden. Fast um eine Stunde hatte sich die Wahl des BR-Intendanten verzögert. Es war halb sieben und es war der Programmpunkt sieben auf der 568. Sitzung des Rundfunkrats. Dann brandete im großen Sitzungssaal des Bayerischen Rundfunks Beifall auf, der sogar durch die schweren polierten Holztüren zu hören war. „Das kann man euphorisch nennen“, sagte Herres. Der Applaus galt dem frisch gewählten Intendanten Ulrich Wilhelm.
Mit vierzig zu vier Stimmen ist Angela Merkels bisheriger Sprecher für sein neues Amt bestimmt worden. Den Vorschusslorbeeren will er schon vom 1. Juli an gerecht werden. Dann gibt er seinen Posten als Regierungssprecher ab, am 1. Februar 2011 wird er Intendant, die Zwischenzeit will er zur Einarbeitung nutzen. Beim anschließenden Fototermin wirft sich Wilhelm vor den BR-Logos schon ganz selbstverständlich in Pose, lächelnd, mit verschränkten Armen, wie es seine Art ist. Daneben feixt der gut aufgelegte, noch amtierende Intendant Thomas Gruber: „Mein Vertrauen in den Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks bleibt ungebrochen.“ Weil es der Neue angeblich eilig hat, wieder nach Berlin zu kommen, sind den Journalisten nur wenige Fragen erlaubt.
„Die Staatsferne ist bei mir in guten Händen“
Ein „Tag großer Freude“ sei es für ihn, sagt Wilhelm. Wie bereits bekannt sei, habe er schon in den achtziger Jahren „hier im Haus im Hörfunk und im Fernsehen“ gearbeitet, „noch in Sechzehn-Millimeter-Film mit einer ganz anderen Medienlandschaft. Das ist für mich eine Rückkehr zu meinen journalistischen Anfängen.“ Er freue sich sehr über den großen Vertrauensbeweis und werde alle Kraft daran setzen, dass der Bayerische Rundfunk „auch nach diesen fünf Jahren, in denen ich Verantwortung trage, noch gut dasteht.“ Auf die Frage nach seiner möglichen zu großen Staatsnähe, ist Wilhelm vorbereitet. Schließlich hat er auch zweifelnde Rundfunkratsmitglieder in seiner zwanzigminütigen Bewerbungsrede von seiner tadellosen Einstellung überzeugen müssen.
Nun sagt er: „Ich habe deutlich gemacht, dass die Aufgaben ganz klar unterschiedlich sind - als Regierungssprecher habe ich die Aufgabe für die Regierung zu sprechen in der Öffentlichkeit, als Intendant aber die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu schützen und nach außen zu verkörpern. Ich glaube, dass das ohne weiteres gut gelingen wird.“ Er verweist auf seinen „bisherigen Lebensweg“. Wie er mit Medien umgehe „biete auch Gewähr, dass die Staatsferne bei mir in guten Händen ist.“ Die Unabhängigkeit werde von ihm „wie von allen Vorgängern verkörpert, geschützt und gewährleistet.“
Dann noch ein paar Gemeinplätze, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk unverzichtbar, weil dem ganzen Gemeinwesen verpflichtet sei. „Er ist einem seriösen Journalismus verpflichtet. Die Gebührenfinanzierung macht es möglich, in dem einen oder anderen Fall bei der Frage nach Qualität oder Quote nicht im Sinne der Quote zu antworten, sondern auch mal was zu riskieren. Generell wollen wir die Mehrheit der Bevölkerung erreichen, denn wer die Mehrheit hat kann auch für die Minderheit etwas tun.“
Ein angemessener Abstand zwischen Berlin und München
Er habe mit der Kanzlerin besprochen, einen „angemessenen Abstand, mindestens ein halbes Jahr zwischen den Abschied in Berlin und dem Amtsantritt als Intendant“ zu legen. „Wenn ein Nachfolger für mich gefunden ist, werde ich im Juli voll konzentriert die neue Aufgabe angehen, die am 1. Februar 2011 beginnt.“ Die Finanzmarktkrise fordere gerade alle seine Kräfte als Regierungssprecher, aber: „Wenn ein Nachfolger gefunden und eingearbeitet ist“, werde er mit dem Intendanten Gruber sprechen und sich „einarbeiten im Sinne eines guten und reibungslosen Übergangs“. Jedermann weiß, dass die Bundeskanzlerin Wilhelm schätzt und ihn ungern ziehen lässt. „Kanzlerin Merkel erkennt an, dass es für jemanden, der Journalist gelernt und Jura studiert hat, eine ideale Kombination ist. Sie versteht das“, sagt der Intendant lächelnd.
Die Wahl und die wenigen Sätze danach reichen, um den Sender in Hochstimmung zu versetzen. Die Fernsehspielchefin Bettina Reitz meint, der deutliche Ausgang der Wahl sei ein „großes Geschenk“ für den neuen Mann an der Spitze, „wenn er das in Lust und Leidenschaft umsetzt und nicht als Druck empfindet“. Den Eindruck, unter Druck zu stehen, vermittle Wilhelm aber nicht. Bettina Reitz lobt aber auch den Mut des Landtagsreporters Rudolf Erhard, gegen Wilhelm anzutreten. „Schließlich leben wir in einer Demokratie. Das kann Ulrich Wilhelm als Stärkung für seine Arbeit nehmen. Das gibt's nur selten.“
Bratwürstchen, Sauerkraut und ein polarisierender Vortrag
Rudolf Erhard, der seit 1977 als fester Freier beim BR arbeitet und 2005 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde, hätte sich über ein paar Stimmen mehr als die der vier Rundfunkräte, die ihn auf den Schild gehoben haben, dann doch gefreut. Während die BR-Spitzenleute bei Bratwürstchen, Sauerkraut, Fischhäppchen und Obstsalat ihrem neuen Vorgesetzten Ulrich Wilhelm die Aufwartung machen - so schnell ging der Flieger nach Berlin dann doch nicht - legt Erhard, der die 1450 festen freien Mitarbeiter im BR vertritt, bei Wasser und Brot abseits noch einmal den Finger in einige Wunden, die beim BR in nächster Zeit behandelt werden müssten. Er steht für die Innenansichten aus dem Bayerischen Rundfunk.
Und die sind nicht immer rosig. Einige Rundfunkräte seien vor der Wahl auf ihn zugekommen, aufgeschreckt wohl auch durch den Freitod eines BR-Mitarbeiters im Studio Nürnberg, sagt Erhard: „Es gibt keine Mediation, keinen Ombudsmann, keine professionelle Hilfe.“ Dazu die „Kannibalisierung“ bei der Behandlung der Freien durch den BR, eine unstete Zahlungsmoral. „Da hängen doch Familien dran.“ Die Rundfunkräte seien erstaunt gewesen. Er vertrete „die programmprägendste Schicht“, achtzig Prozent des Programms würden von freien Mitarbeitern gemacht. Er hoffe, dass der neue Intendant den richtigen Blick auf den Sender bekomme.
Per Los erster Redner
Erhards polarisierender Vortrag vor dem Rundfunkrat - er war per Los als erster Redner bestimmt worden -, dürfte für die längere Wahlsitzung verantwortlich gewesen sein. Nun hofft der Landtagskorrespondent aus Kiefersfelden, sich nicht um Kopf und Kragen geredet zu haben.
Wenige Meter weiter verbirgt der Fernsehdirektor Gerhard Fuchs seine Anspannung hinter professioneller Gelassenheit. Er freue sich, dass der Sender einen neuen Intendanten habe, von dem viel zu erwarten sei. Wilhelm sei „ein kluger Man, der ein solches Medienunternehmen sehr souverän und zukunftssicher führen kann“, sagt Fuchs.
Langsam löst sich die Versammlung auf. Volker Herres geht. Schließlich löst sich der neue Intendant aus der Menge und strebt dem Ausgang zu, in der Parkgarage warten die Fahrer. Angela Merkels Sprecher kann zufrieden sein. Besser hätte seine Wahl nicht laufen können. Ein denkbar großer Kontrast zur europäischen Krise, die sein Wirken in Berlin bestimmt. Schon tagsüber hätten ihn viele Telefonate und SMS-Botschaften erreicht, „auch internationale“, sagt Wilhelm. „Ob man denn schon zur Wahl gratulieren könne“, wollten die Anrufer wissen. Man kann. Jetzt.
Staatsferne?
marius meyer (mm_hh)
- 07.05.2010, 09:55 Uhr
Unabhängige Öffentlich Rechtliche Sender?
christian haehnlein (haehnlein)
- 07.05.2010, 10:24 Uhr
Für mich (k)ein Skandal
Tobias Brueggendick (PanzergrenadierBBC)
- 07.05.2010, 12:15 Uhr
Amigos überall
jürgen beck (j.beck)
- 07.05.2010, 13:12 Uhr
Und sie schämen sich nicht einmal - keiner.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 08.05.2010, 21:22 Uhr