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Autismus im Film: „Der kalte Himmel“ Seine Zahlen wollen am liebsten allein sein

 ·  Das neue Jahr fängt gut an. Im Ersten läuft ein Film über einen autistischen Jungen, dessen Mitmenschen an ihm irre werden: „Der kalte Himmel“ ist ein starkes Plädoyer für außergewöhnliche Außenseiter.

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Die Elf ist groß und freundlich und ganz gelb, gelb wie die Sonne. Die Fünf ist das Gegenteil, abweisend und dunkel. Wenn Felix sie sieht, wirft er sich auf den Boden und dreht sich im Kreis, immer und immer wieder. Will ihn jemand zur Ordnung rufen, anfassen gar, schreit der Junge zum Gotterbarmen. Die Ordnung der anderen sagt ihm nichts, ihre Gefühle kann er nicht deuten, er passt in kein Schema, in die Schulklasse fügt er sich nicht ein, in den Kosmos eines bayerischen Dorfes der sechziger Jahre schon gar nicht. Das Urteil über den Jungen ist schnell gefällt - ein Depp -, sein Schicksal scheint vorgezeichnet, in die Sonderschule soll er, dann in die geschlossene Psychiatrie.

Die Geschichte, die der Film „Der kalte Himmel“ erzählt, haben wir im Kino schon gesehen, mit Dustin Hoffman und Tom Cruise in „Rain Man“. Sie handelt von einem Autisten, vom Asperger-Syndrom und von der Herausforderung, die ein solches Krankheitsbild bedeutet. Für seine Mutter Marie (Christine Neubauer) und seinen Vater Paul (Marcus Mittermeier) wird es zur Existenzprobe, die Großmutter (Monika Baumgartner) deutet es als Strafe („Ein Kind, das nicht beten kann, braucht auch nix essen“), die sie, im Verein mit dem bigotten Pfarrer, per Teufelsaustreibung abwenden will.

Der vermeintliche Facharzt in München stellt Felix im Hörsaal als Paradebeispiel für frühkindliche Schizophrenie aus und will ihn in die geschlossene Abteilung verfrachten, erst bei dem jungen Kinderpsychiater Niklas Cromer (Tim Bergmann) ist Felix an der richtigen Adresse. Das Dumme ist nur: Der Doktor praktiziert in Berlin, nicht in der Holledau, und die Krankenkasse zahlt für die Behandlung nicht, die sich der Hopfenbauer Paul mit seinem überschuldeten Hof ohnehin nicht leisten kann.

Christine Neubauers ewige Entscheidung

So viel Tragik mutet das Fernsehen, mutet die ARD mit einem Zweiteiler den Zuschauern nicht ohne Zuckerguss und nicht ohne ein wenig flach gehaltenes Zeitkolorit zu. Wir schreiben das Jahr 1967, in Berlin beginnt die Studentenrevoluzze, auf dem Land herrscht die Restauration. Eine Figur, die zwischen den Welten eine Brücke schlägt, muss her. Es ist die Kantorin Alex (Natascha Paulick), die der Pfarrer aus dem Dorf wieder fortjagt, weil sie kein Mann ist. In Berlin finden Marie und Felix Obdach in ihrer Wohngemeinschaft, in der selbstverständlich zu Sitar-Klängen der Joint gereicht wird. Um Felix' Therapie zu bezahlen, muss sich Marie schließlich in einer Rotlichtbar verdingen, sie und der junge Psychiater kommen einander näher. Doch dann rafft sich ihr Ehemann Paul auf und fährt ebenfalls in die große Stadt.

Derlei dramaturgische Klammern entsprechen dem Gängigen, sind hier aber ausnahmsweise erlaubt. Denn der Film, den der Regisseur Johannes Fabrick nach einem Buch von Andrea Stoll inszeniert hat, erschöpft sich nicht zwischen ihnen. Er bleibt bei der Geschichte des kleinen Felix, den die Zwillinge Eric und Marc Hermann bewundernswert eindringlich spielen. Dass seine Mutter Marie sich schließlich nicht nur für das Leben mit ihm, sondern bei der Wahl zwischen zwei Männern - ohne diese Konstellation geht es bei bestimmten Fernsehfilmen wohl partout nicht - für den Richtigen entscheidet, nehmen wir allein schon deshalb klaglos hin, weil Christine Neubauer in dieser Rolle die geschätzt dreiundachtzig letzten, die sie allein in diesem Jahr gespielt hat, vergessen und einen großen Schritt aus der heilen Kitschwelt heraus macht, in der sie seit Jahr und Tag auftritt. Das ist eine kleine Offenbarung.

Die verhärmte Löwenmutter steht ihr gut, genauso wie Marcus Mittermeier der Vater, dessen auch berufliche Existenz an den gesellschaftlichen Konventionen hängt, die einen Außenseiter wie Felix endgültig ins Abseits drängen. Dabei stellt sich die Frage, ob eine solche Geschichte nicht auch in der Gegenwart spielen könnte. Die althergebrachten Vorurteile und Gesellschaftsnormen, die hier aufscheinen, sind passé, doch sind an ihre Stelle längst neue, unter Umständen viel unmenschlichere getreten. Gegen „eine Welt, in der die Psyche des Menschen nichts wert ist“, kann ein Kinderpsychiater wie Doktor Cromer auch heute noch antreten.

Gefangen in einer synthetischen Welt

Die Besetzung und die Regie dieses Films sind erstklassig, das Drehbuch sorgt neben der notwendigen Unterhaltsamkeit für Tiefe, und die Kamera von Stefan Unterberger, der lange Einstellungen nicht scheut, fängt Winterlandschaften in elegischen Bildern ein. Das Szenenbild von Thilo Mengler und die Kostüme von Barbara Grupp stehen dem nicht nach. Mehr will man von den Produzenten Ariane Krampe und Nico Hofmann gar nicht verlangen.

„Meine Zahlen wollen am liebsten allein sein“, sagt Felix, der autistische Rechenkünstler. Seine Eltern müssen es aushalten, dass ihr Junge in einer, wie der Psychiater Cromer sagt, „synthetischen Welt“ lebt: „Ein kalter Himmel sozusagen.“ Das ist kein Happy End, aber ein gutes.

Der kalte Himmel läuft am 3. und 4. Januar jeweils um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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