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Donnerstag, 20. Juni 2013
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ARD und ZDF scheitern an Ägypten Wir sind nicht dabei gewesen

 ·  In Kairo bekämpfen sich Anhänger und Gegner Mubaraks - bei der ARD regnet es derweil „Rote Rosen“, im ZDF kocht Alfons Schuhbeck. Die großen öffentlich-rechtlichen Sender lassen sich von welthistorischen Momenten nicht aus der Ruhe bringen.

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Am Mittwoch kommt es in Kairo von 12.07 Uhr an zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des noch amtierenden ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak – in den Nachrichtenkanälen zumal von CNN und BBC World News, mit einiger zeitlicher Verzögerung dann auch beim deutschen n-tv und für einige Minuten sogar im Parlamentskanal Phoenix sieht man dramatische, auch erschreckende Bilder eines zeitgeschichtlichen Augenblicks, der möglicherweise den Anfang eines Epochenwandels markieren wird.

Alsbald hat es dann erstmals den Anschein, als könne die aktuelle Situation außer Kontrolle geraten: Menschen in Rage, sich gegenseitig befeuernd oder sich zur Beherrschung mahnend, Steine fliegen hin und her.

Man kann und will sich diesen Bildern nicht entziehen, zugleich ist man beeindruckt von der engagierten, empathischen, dabei stets professionellen Art, in der etwa Antonia Rados auf n-tv und die Reporter und Kommentatoren von CNN und BBC das unmittelbare Geschehen wiedergeben und versuchsweise einordnen. Man kann gar nicht umhin, sich dabei immer wieder an die Geschehnisse vom Herbst 1989 zu erinnern, an die Bilder von den Massendemonstrationen in der DDR, auch wenn die jetzige Situation in Kairo politisch damit kaum zu vergleichen sein mag. Sie ist es aber in jedem Fall für die Emotion, für das sorgenvolle Mitfiebern, kurzum: für das Gefesseltsein in der Zeitgenossenschaft des Augenblicks. So wird es früher Nachmittag.

Nicht einmal ein Nachrichtenband

Im ersten Programm des deutschen Fernsehens, in der ARD, überlegt sich zu dieser Zeit ein gewisser Tim in der Daily-Soap „Rote Rosen“ gerade, ob er einer gewissen Gesa Hoffnungen machen soll. Im ZDF gibt Alfons Schuhbeck den jovialen Conferencier in der „Küchenschlacht“. Nicht einmal ein Nachrichtenband am unteren Bildschirm irritiert die deutsche Frühnachmittagsgemütlichkeit. Es ist zum Haareraufen.

Im ARD-Mittagsmagazin, das zwischen 13 und 14 Uhr auf dem Programm stand und in dieser Woche auch vom ZDF ausgestrahlt wird, hatte man zu den ägyptischen Weltaktualitäten zwar einen Beitrag mit Archivbildern zu Beginn, das Pflichtstück sozusagen, danach jedoch nahm uns die Moderatorin Hannelore Fischer alsbald wieder mit zu so brennenden Themen wie dem Modeln von Sportlerinnen, dem Sechstagerennen oder den Höhenflügen des Skispringers Severin Freund. So viel Normalität wirkt angesichts der Gleichzeitigkeit des ganz und gar Extraordinären durchaus obszön – und es spricht auch dann für das vollkommen fehlende journalistische, mehr noch: ethische Gespür bei ARD und ZDF, wenn man in Rechnung stellt, dass beide deutschen Hauptprogramme keine Nachrichtenkanäle sind oder sein können.

Nun ist es ja keineswegs so, dass im Ersten und Zweiten kaum oder wenig über das aktuelle Ägypten berichtet würde. Am Dienstagabend etwa hatten sich beide Sender zu Extraausgaben nach den Hauptnachrichten entschlossen. Im Anschluss an die „heute“-Sendung von 19 Uhr zeigte das ZDF ein gut zehnminütiges „ZDF-Spezial“, das 4,8 Millionen Zuschauer einschalteten, die ARD sendete nach der „Tagesschau“ einen viertelstündigen „Brennpunkt“, dem fast sechs Millionen Zuschauer folgten. „Wo ist Mubarak?“, fragte der ZDF-Studioredakteur Theo Koll dabei den Kairo-Korrespondenten Dietmar Ossenberg. Er habe „keinerlei Information“, antwortete er, es sei aber „eine Rede angesagt, wann die kommt, wissen wir nicht“.

Wir warteten jede Minute - und es kam nichts

Dieses Wissen stellte sich im Lauf des frühen Abends dann ein. Als Claus Kleber am Dienstag um 21.45 Uhr das „heute“-Journal eröffnete, war klar, dass sich Mubarak noch „heute Abend“ zu Wort melden würde, das ägyptische Fernsehen werde diese „aufgezeichnete Rede“ dann ausstrahlen – „wir warten jede Minute darauf, wir werden sehen“.

Was nun folgte, war nahezu nichts – und damit ein nachrichtenjournalistischer Witz. Kurz nach 22 Uhr wurde Mubarak einige Sekunden lang kurz eingeblendet, und Kleber informierte darüber, dass der Präsident verkündet habe, er werde bei den Wahlen im September nicht wieder kandidieren. Mehr nicht. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Amerika-Korrespondenten Ulf Röller über Obamas Haltung zu Mubarak – „der Präsident hat sich auf die Seite der Protestbewegung geschlagen“ – folgten Nachrichten mit Heinz Wolf, eine Reportage über den Arbeitsmarkt und die Unwetterwarnung für die nächste deutsche Winternacht. Wenige Minuten vor dem Ende des „heute“-Journals überraschte uns Kleber dann mit der Mitteilung, Mubaraks Rede sei „vor wenigen Minuten“ zu Ende gegangenen, nochmals kam Korrespondent Ossenberg ins Bild und schilderte, dass man „den Jubel“ der Demonstranten auch in drei Kilometer Entfernung noch habe hören können.

Man muss sich das einmal vorstellen. Da verfügt das ZDF seit geraumer Zeit über eines der modernsten Nachrichtenstudios Europas, man ist in Mainz sehr stolz auf diese Errungenschaft. Aber es ist trotz allerneuester Technik offenbar nicht möglich, die erste öffentliche Rede des ägyptischen Noch-Präsidenten seit dem Beginn der Demonstrationen live in eine aktuelle Sendung einzuspielen und sie simultan zu dolmetschen. Natürlich lag das keineswegs an den fehlenden Bildern – BBC und CNN strahlten sie live mit englischer Übersetzung aus –, es lag, man muss es so sagen, an der Bequemlichkeit einer dem Aktuellen verpflichteten Redaktion. Und es wirkte wie Hohn, als Normen Odenthal knapp zwei Stunden danach in „ZDF heute Nacht“ seine Moderation mit dem Satz begann: „Wir haben nun den Auftritt Mubaraks gesehen.“

Das pflichtgemäße Füllen der üblichen Formate

Nein, genau das hatten wir eben nicht – knapp elf Minuten hatte Mubaraks Rede gedauert, sie war für den Moment das Ereignis schlechthin und fand just während der Sendezeit des „Journals“ statt. Wir aber sind, Goethe abzuwandeln, eben nicht dabei gewesen, nicht in der ersten, der zweiten oder wenigstens der letzten Reihe. Dass auch die „Tagesthemen“ der ARD, die am Dienstag um 22.30 Uhr begannen, nicht in der Lage waren, die Rede ausführlich (am besten: ganz) zu dokumentieren und deren Wortlaut einer ersten Interpretation zu unterziehen, macht die Sache vollends zum Trauerspiel. Wovon erzählt es?

Es erzählt von der Unfähigkeit der beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender, aktuell ein Empfinden für die Hierarchie des eben gerade Geschehenden zu entwickeln. Mitreißendes, Ungeheuerliches passiert in der Welt, die jetzt Ägypten heißt – auch Kleber sprach von „einem Tag, der in den Geschichtsbüchern sein wird“ –, und man antwortet darauf mit dem pflichtgemäßen Füllen der normalen Nachrichten-Formate. Genau die aber hätte man am Dienstag und Mittwoch aufbrechen müssen im Dienste der Aufklärung gebührenzahlender Zuschauer.

Formate aufzubrechen, geplante Programme zu verschieben, Reporter, Kommentatoren und Moderatoren zuhauf sowie die ganze Technik-Maschinerie nach London zu schaffen, um in beiden Vollprogrammen den ganzen Tag über live zu berichten: Dafür wird ARD und ZDF am 29. April dieses Jahres nichts, aber auch gar nichts zu viel und zu teuer sein. Prinz William und Kate Middleton werden dann heiraten. Das ist schön. Aber vor dem Adelsmärchen steht jetzt Ägyptens Wirklichkeit. Sie ist ARD und ZDF einen auch nur annähernd vergleichbaren Aufwand nicht wert.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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