02.09.2009 · Seit bekannt ist, dass Doris Heinze unter Pseudonym Drehbücher hat schreiben lassen, geht der Sender dem Verdacht Punkt für Punkt nach. In der Zwischenabrechnung schlagen nun sieben Bücher unter falschem Namen zu Buche.
Von Michael HanfeldAls Busenfreund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist Christoph Waitz, der medienpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, nicht unbedingt bekannt. Seine Partei meldet sich eher zu Wort, wenn es gilt, liberale Grundsätze im Wettbewerb zwischen ARD und ZDF und den Privaten einzufordern. Jetzt aber lobt Waitz den Norddeutschen Rundfunk im Fall der Fernsehspielchefin Doris Heinze. Mit deren sofortiger Suspendierung zeige der Sender, „wie gutes und transparentes Krisenmanagement aussieht“.
Man weiß bei der FDP zwar nie, ob sie es ironisch meint, wenn sie die Öffentlich-Rechtlichen lobt, in diesem Fall aber wäre es ganz ohne Ironie in Ordnung: Seit bekannt ist, dass die ehemalige Fernsehspielchefin des Senders, Doris Heinze, unter Pseudonym Drehbücher hat schreiben lassen, geht der Sender dem Verdacht Punkt für Punkt nach und sieht zu, mit der Veröffentlichung der Zwischenergebnisse Schritt zu halten. Punkt für Punkt, das heißt in diesem Fall: Pseudonym für Pseudonym. Das Pseudonym für Doris Heinzes Ehemann Claus Strobel lautete „Niklas Becker“, und das für sie selbst bestätigte der Unterhaltungschef des NDR, Thomas Schreiber, jetzt auch: „Marie Funder“.
Die wahre Autorin, die zugleich die Auftraggeberin ist
Damit durfte man schon rechnen und auch damit, dass nicht die Münchner Agentin Inga Pudenz die Buchautorin „Marie Funder“ sei. In der Zwischenabrechnung schlagen nun also schon sieben Bücher unter falschem Namen zu Buche - fünf von „Niklas Becker“, zwei von „Marie Funder“ und ein sogenanntes Treatment. Die Summen, die dem NDR unter falschen Voraussetzungen in Rechnung gestellt worden sein dürften, erhöhen sich damit selbstverständlich auch, wir bewegen uns in sechsstelligen Dimensionen. Dass die Anzahl der getürkten Identitäten nun vollständig wäre, dürfen wir hingegen wohl kaum annehmen, der NDR fahndet nach weiteren Aliasnamen, es gibt mindestens zwei weitere.
Wie das „System Heinze“ funktionierte, fasst der Unterhaltungschef Schreiber zusammen: „Neu für den NDR sind die Erkenntnisse, dass Doris Heinze als verantwortliche Redakteurin des NDR sich selbst Drehbuchaufträge erteilt hat, diese Drehbuchaufträge honoriert hat und zusätzlich noch ihre eigene Redakteurin war.“ So schlossen sich gleich mehrere Kreise: Es gibt ein Drehbuch unter Pseudonym. Hinter diesem Pseudonym steht ein Strohmann oder eine Strohfrau und dahinter - die wahre Autorin, die zugleich die Auftraggeberin ist. Dass es so gewesen sei, bestreitet jedoch der Anwalt von Doris Heinze: Sie habe bloß einen Vertrauensbruch begangen, ihr Mann habe unter Pseudonym geschrieben, nicht aber sie selbst.
Von „Marie Funder“ wissen wir einiges
Diese Darstellung wird der NDR zu konterkarieren wissen. Der Anhaltspunkte für die Feinheiten des Netzes, das Doris Heinze gesponnen hat, sind inzwischen genug: So äußerte sich der nichtexistente „Niklas Becker“ einmal mit einem Zitat zu einem seiner Filme und schrieb einem Regisseur E-Mails, die davon handelten, dass er leider, leider in Übersee weile und partout nicht für ein Treffen zur Verfügung stehe. Wobei die Frage sich stellt: Ist Claus Strobel wirklich „Niklas Becker“?
Von „Marie Funder“ wissen wir einiges: Sie wurde 1981 in Heidelberg geboren, studiert Wirtschaftswissenschaften und Jura in Dublin, lebt mit ihrem Ehemann David und dem Sohn Sean an der Ostküste und schreibt Kurzgeschichten. Das Drehbuch zu „Die Freundin der Tochter“ sei ihr erstes.
„Ich mag meine Figuren, die guten wie die bösen“
So steht es geschrieben im Presseheft, das der NDR zu dem Film „Die Freundin der Tochter“ verteilt hat. Dort ist auch zu lesen, wie sehr „Marie Funder“ in ihrem Metier aufgeht: „Ich schreibe Drehbücher, weil ich es liebe, Menschen zu beobachten und in ihre emotionalen Welten einzutauchen. Ich mag meine Figuren, die guten wie die bösen, weiß fast alles über sie, kenne ihre Abgründe, ihre Hoffnungen und Träume.“ Aufmerksamen Lesern könnte die schwülstige Prosa bekannt vorkommen: Das ist genau der Ton, in dem sich Doris Heinze vor Jahren in einem „Zeit“-Porträt zu sich selbst äußerte.
Es ist schon erstaunlich, dass im Sender niemandem aufgefallen ist, was Doris Heinze in all den Jahren trieb. Für den NDR gilt es, nach weiteren Pseudonymen zu suchen und Belege für kriminelles Handeln zu finden, die Staatsanwaltschaft wartet schon. Die Kritik sollte aber auch noch einmal Doris Heinzes Gesamtwerk prüfen: Was ist daran eigentlich echt? Stammen die „Tatort“-Figuren, die sie erfunden haben soll, tatsächlich von ihr? Mindestens im Fall des Kommissars Borowski, der für einen „Stahlnetz“-Film erdacht wurde, darf man das verneinen. Vor dem Betrug am Sender und am Zuschauer steht der an namenlosen Autoren.
Der Film „Die Freundin der Tochter“ kommt übrigens erst noch. Er war bei Arte und soll am 23. September im Ersten laufen. Wird er wirklich gezeigt, sollte der NDR den Autorennamen ändern: Statt „Marie Funder“ muss er Doris Heinze lauten.
ist ja alles schön und gut, die gerechte Empörung
Christoph Anschütz (Anschuetz)
- 01.09.2009, 22:30 Uhr
Die strukturellen Begünstigungssysteme bei ARD und ZDF
Fredericus Secondo (FredericusSecondo)
- 01.09.2009, 23:23 Uhr
Tschuldigung, ganz blöde Frage:
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 01.09.2009, 23:42 Uhr
@ Anschütz & Rüger
Peter Glowatz (Herr_Glowatz)
- 02.09.2009, 01:41 Uhr
Kluge Frau
Tatiana Schmidt (tatiane)
- 02.09.2009, 04:05 Uhr