28.08.2009 · Ein Korruptionsskandal um die Fernsehspielchefin des NDR erschüttert die ARD: Doris Heinze hat zugegeben, gut dotierte Aufträge an ihren Mann vergeben zu haben. Er schrieb unter einem Pseudonym mit erfundenem Wohnort in Kanada.
Von Michael HanfeldDas dürfte ein Skandal werden, der nicht nur den Sender, sondern die deutsche Produktionslandschaft erschüttert: Die Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks, Doris Heinze, ist am Donnerstag mit sofortiger Wirkung suspendiert worden. Man bereite ihre fristlose Kündigung vor, teilt der Sender mit.
Doris Heinze wird vorgeworfen, ihren Ehemann unter dem Pseudonym „Niklas Becker“ als Autor beschäftigt zu haben.
Sie habe eingeräumt, dass ihr Ehemann von 2001 bis 2009 über zwei Produktionsfirmen fünf Drehbuchaufträge für Fernsehfilme erhielt. Vier Bücher seien von der Münchner Produktionsfirma AllMedia Pictures verfilmt und mit dem NDR abgerechnet worden.
Einen fünften Auftrag an Heinzes unter Pseudonym auftretenden Ehemann habe dem NDR die Firma Oberon Media Service Film aus Grünwald in Rechnung gestellt. Der Ehemann soll eingeräumt haben, dass er die unter dem Pseudonym firmierenden Drehbücher geschrieben habe. Seine Frau zeichnete die Rechnungen gegen.
ARD sieht keine andere Wahl
„Gegen unlauteres Verhalten gibt es keinen absoluten Schutz“, sagte der NDR-Intendant Lutz Marmor zu dem Vorgang. „Sobald wir in diesem konkreten Fall Hinweise erhalten hatten, haben wir unverzüglich eine intensive Prüfung eingeleitet.“ Die vorliegenden Erkenntnisse hätten dem Sender „keine andere Wahl gelassen“, als sich von Doris Heinze zu trennen. Er habe die Revision des NDR mit der vollständigen und umfassenden Aufklärung des Sachverhalts beauftragt. Der Sender war auf den Fall nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ aufmerksam geworden. Die Leitung der Fernsehfilmredaktion übernimmt zunächst der NDR-Programmbereichsleiter Thomas Schreiber.
„Ich finde das außerordentlich tragisch“, sagte Schreiber im Gespräch mit FAZ.NET. „Doris Heinze ist eine der begabtesten und kreativsten Fernsehfilmmacherinnen in Deutschland, sie hat für und mit dem NDR außerordentliche Produktionen betreut. Dass eine solche Karriere im NDR auf diese Weise zu Ende geht, ist traurig. Gleichzeitig sind viele Menschen im NDR getäuscht worden.“
Erfundener Wohnort in Übersee
Von der verschleierten Identität des Drehbuchautors „Niklas Becker“, für den man auch noch einen Wohnort in Kanada erfand und der dem Sender gegenüber nur über eine Anwaltskanzlei auftrat, wusste im NDR - außer dessen Ehefrau Doris Heinze natürlich - offenbar niemand. Es war ein geschlossenes System. Dass die Produzenten, mit denen Doris Heinze und ihr Mann zusammenarbeiteten, nicht davon wussten, darf man indes ausschließen. Wenn es jemanden gibt, der den Drehbuchautor kennt, ist es der Produzent. So lässt denn auch die AllMedia den Vertrag mit der als feste freie Mitarbeiterin geführten, zuständigen Produzentin mit sofortiger Wirkung ruhen. Man sei vom NDR vor kurzem über die internen Ermittlungen informiert worden, sagte ein Sprecher der AllMedia im Gespräch mit FAZ.NET, arbeite gemeinsam mit dem Sender seither an der Aufklärung und habe eigene interne Ermittlungen eingeleitet. Eine zweite Mitarbeiterin sei freigestellt worden.
Doris Heinze ist nicht irgendwer, sie ist eine Galionsfigur im deutschen Fernsehspiel. Sie war selbst Autorin und leitete fünf Jahre lang das nordrhein-westfälische Filmbüro. Als Fernsehspielchefin des NDR wirkte sie seit 1991, sie zählte zu den einflussreichsten Köpfen der hiesigen Produktionslandschaft, die von ihr betreuten Filme trugen zur Reputation des Senders bei, etliche Fernsehspiele entstanden unter ihrer Verantwortung, auch der „Tatort“ und der „Polizeiruf“ des NDR. Mit ihren Verbindungen band Doris Heinze zahlreiche prominente Schauspieler wie etwa die als „Tatort“-Kommissarin ermittelnde Maria Furtwängler an den NDR. Die drei aktuellen „Tatort“-Figuren des Senders, gespielt von Maria Furtwängler, Mehmet Kurtulus und Axel Milberg, gehen auf die abgesetzte Fernsehspielchefin zurück.
Ein böses Schicksal
Ein Zitat von Doris Heinze, erschienen in einem großen Porträt in der „Zeit“, liest sich heute etwas anders: „Ich tauche ganz in die Welt der von mir erfundenen Figuren ein. Das Beste daran ist, dass ich im Drehbuch mit diesen Figuren anstellen kann, was ich will. Wenn ich also jemanden nicht mehr leiden kann, dann ereilt ihn oft ein böses Schicksal.“
Eine erfundene Figur, die nicht im Drehbuch, sondern dahinter stand, hieß „Niklas Becker“. Das „böse Schicksal“ hat nun ihn und Doris Heinze ereilt.