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„Anne Will extra“ Die unter die Haut gehen

18.01.2010 ·  Eine Million Euro sammelte „Anne Will extra“ für Haiti - in anderthalb Stunden. Das ist beachtlich, doch es fordert seinen Preis: Wenn eine Schauspielerin die Großspende ihres Werbepartners verkünden will, wird eben beim Erfahrungsbericht einer Hilfskoordinatorin gekürzt.

Von Matthias Hannemann
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Das lief ja wie am Schnürchen. Es lief sogar so gut am Schnürchen, dass man gegen Ende dieses Abends die Befürchtung haben musste, der schwarz-gelbe Koalition könne im Zuge dieser „Anne Will extra“-Sendung die rettende Idee gekommen sein: regelmäßige Spendensendungen am Sonntag Abend, einmal im Monat vielleicht und natürlich im Ersten - mit großer Promi-Hotline, garantierter Namensnennung am Bildschirmrand und Live-Schaltungen in Deutschlands Hörsäle, Kindergärten, Gemeinderäte und dorthin, wo es noch so brennt, gelegentlich auch die Banken.

Aber gut. Derartige Gedanken sollte man sich verkneifen, so verlockend eine zielgerichtete, gewinnbringende Alternative auch zu den durchschnittlichen „Anne Will“-Sendungen wäre. Das Erdbeben von Haiti hat eine Katastrophe nach der Katastophe ausgelöst, deren Ausmaß alle Vorstellungen überschreitet (siehe auch: Haiti: Massive Ausschreitungen in Port-au-Prince), und Sondersendungen wie diese sind ein bewährtes Mittel, um die dringend benötigten Gelder für Hilfsaktionen so schnell wie möglich zu mobilisieren.

Das Sofa, der Stehtisch, das Sonderstudio

Knapp eine Million Euro waren es am Sonntag um 23.15 Uhr, diejenigen 36.000 Spendewilligen nicht eingerechnet, deren Anruf vorerst auf einem Anrufbeantworter geparkt werden musste, weil die Telefonleitungen, wie das so ist, zusammenbrachen. Das macht es zumindest wahrscheinlich, dass diese „Anne Will extra“-Sendung bald zu den Anwärtern auf einen deutschen Fernsehpreis zählen dürfte.

Auch sonst waren alle Elemente vorhanden, die das Genre verlangt: eine Telefonzentrale, in der Fernsehmenschen den Hörer bedienten wie Tom Buhrow, Johann Lafer und Olli Dittrich; eine Couch für den Überlebenden, dem das Grauen noch ins Gesicht geschrieben stand; ein Stehtisch für den Außenminister, der präventiv den Vorschlag ablehnte, in den nächsten Tagen nach Haiti zu reisen (7,5 Mio. Euro Soforthilfe und deutsche Ärzte seien auf Haiti wichtiger als deutsche Politiker, sagte Westerwelle); ein eigenes Studio für den Bundespräsidenten, dessen Worte sich Dirk Niebel hoffentlich doch aufzeichnen ließ. Dazu Live-Schaltungen mit dauerhafter Hubschrauber-Beschallung und musikalisch unterlegte Zeitlupenaufnahmen, kurz: „Bilder, die unter die Haut gehen, auch wenn man sie in den letzten Tagen schon einige Male gesehen hat.“ Das meinte Anne Will. Reinhold Beckmann, der Mann für die Zuschauerfragen, sah das nicht anders und entsprechend aus.

Der Tross zieht weiter - zu Beckmann

Nur die Zeit, die für die eigentlichen „Anne Will“-Gäste zur Verfügung stand, war etwas knapp. Die Podiumsgäste waren nach alter Redaktionstradition wohl ohnehin nur eingeladen worden, um mit eigenen Worten noch einmal zu formulieren, was die Regie auch über Filmbeiträge sagen wollte: Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen und Schauspielerin Alissa Jung, eine der Initiatoren des Projektes „Schulen für Haiti“, berichteten von der vergessenen Armut auf Haiti. Dieter Kronzucker, einst ARD-Korrespondent in Lateinamerika, erinnerte an die Geschichte Haitis, an die ordnende Hand der Diktatur und das Chaos der Demokratie (die Deutschen, sagte er, hätten Haiti durchaus aufbauen können, wären sie daran nicht schon im Kaiserreich von den Amerikanern gehindert worden).

Und vor allem saß dort Christina Rau, die Witwe des einstigen Bundespräsidenten. Sie hatte nach der Tsunami-Katastrophe 2004 deutsche Hilfsprojekte koordiniert. Ihr hätten wir gerne noch mehr zugehört, als sie von den Erfahrungen zu erzählen begann, die sie im Rahmen dieser Arbeit machte. Sie war interessanter als eine Schauspielerin, die im Blitzinterview bei Beckmann noch rasch die 50.000-Euro-Spende ihres Werbepartners verkünden konnte. Sie war es auch, die über das endlose Laufband mit den Spendernamen hinwegrief: Sobald der Medientross abzieht, wird auch Haiti mit den Folgen dieser Katastrophe allein gelassen werden.

So ist das wohl. Die Zeit drängt. Schon deshalb wird auch Beckmann in seiner eigenen Sendung am Montag Abend das Thema Haiti nicht loslassen. Zu Gast sind Augenzeugen und Experten. Ach ja, und die Schauspielerin mit der Großspende, natürlich.

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