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Angela Merkel Sie schweigt so schön

17.01.2010 ·  Seit Wochen meidet sie Fernsehstudios. Jetzt gibt Angela Merkel dem Sender Phoenix ein Interview, während in der CDU-Zentrale ein Feuerchen lodert. Und auch wenn Aktuelles ausgeklammert bleiben soll, geraten ein paar Funken ins Studio.

Von Wulf Schmiese
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Während wagemutige Kritiker in der CDU ihrer Vorsitzenden Angela Merkel öffentlich vorwarfen, sie habe „schlichtweg Glück“ gehabt, trotz des schwachen Bundestagswahlkampfs der Union Kanzlerin geblieben zu sein, hatte der Sender Phoenix schlichtweg Glück, die Bundeskanzlerin inmitten der Debatte befragen zu können.

Seit Wochen meidet sie Fernsehstudios. Ob der Streit um Steuersenkungen oder die Vertriebenenstiftung - von Angela Merkel war so wenig zu sehen, dass sie in ihrer Partei spöttisch verglichen wurde mit verblichenen Sowjetherrschern, die wochenlang ausfielen und nur noch pro forma das Land führten.

Phoenix hatte die Kanzlerin am Mittwoch zu Gast, zur Aufzeichnung eines Gesprächs, das am Sonntag gezeigt wird. Mit ihr lässt Phoenix die Reihe „Zeitzeugen“ wiederaufleben. Die war vor neun Jahren eingestellt worden, weil ihr Moderator Ulrich Wickert in Ruhestand ging. Die WDR-Intendantin Monika Piel macht nun weiter.

Ein paar Funken

Es ist ein gewagter Versuch, nur hochrangige Politiker sprechen, sich mit ihnen aber ausdrücklich nicht über die aktuelle Politik unterhalten zu wollen. Das ist das Konzept der Sendung, und so war es abgemacht mit der Kanzlerin, weshalb sie kam, obwohl ihr der Termin kurz vor der CDU-Vorstandsklausur nicht passte. Das hat sie auch spüren lassen, mürrisch schaut sie anfangs noch bei laufender Kamera drein, hatte vorweg um Minuten gefeilscht, weil eine Dreiviertelstunde ihr sehr lang vorkam. Wickerts Gespräche dauerten früher doppelt so lang.

Auf Monika Piel scheint der sichtbare Argwohn gewirkt zu haben. Brav verspricht sie ein „Gespräch jenseits der aktuellen Themen, obwohl gerade die aktullen Themen im Moment auch besonders spannend sind“. Das Dilemma ist ihr anzumerken, im gediegenen Kaminzimmer der Dresdner-Bank-Repräsentanz in Berlin betulich über „zwanzig Jahre deutsch-deutsche Entwicklung und 55 Jahre persönliche Entwicklung, den Lebensweg Angela Merkels“ reden zu müssen, während drei Kilometer weiter in der CDU-Zentrale ein Feuerchen lodert. Erst am Ende fächert sie ein paar Funken ins Studio.

Nur nicht erpressbar sein

Zuvor wird über Stasi-Akten gesprochen, deren Zugänglichkeit die Kanzlerin über das Ende der Birthler-Behörde hinaus wahren will. Sie berichtet sogar von ihrer eigenen Stasi-Akte, aber so undramatisch, dass Monika Piel gar nicht fragt, was darinsteht. Über Angela Merkels Leben in der DDR pirscht sich die Moderatorin behutsam, mit zustimmenden Fragen die Kanzlerinnenlaune hebend, ans Aktuelle. Wie sie als Pfarrerstochter die Kritik von Bischöfin Käßmann am Afghanistan-Einsatz sehe? Damit können sie „sehr gelassen umgehen, weil ich mich auch nicht genötigt fühle, das alles zu teilen“, bleibt die Kanzlerin im Ungefähren - aber schon das läuft später als Meldung.

Politisch brauchbar werden ihre Antworten zum Schluss. Inwieweit das Aufwachsen in der DDR sie geprägt habe, „nicht mal auf den Tisch zu hauen“, umschreibt Monika Piel den Vorwurf, die Kanzlerin könne nicht führen. Angela Merkel weicht aus, offenbart aber den Grund, warum sie sich selten festlegt. Wer in der DDR etwas versprach, was nicht einzuhalten war, sei „erpressbar“ gewesen. „Deshalb habe ich mir angewöhnt, nicht Dinge zu versprechen oder zu verschweigen, mit denen man am Schluss unter Druck geraten kann“, sagt die Kanzlerin. An diesem Sonntagabend trifft sie Guido Westerwelle und Horst Seehofer zum Krisengipfel wegen der Steuerversprechen.

Zeitzeugen, Sonntag, 13 Uhr bei Phoenix, Wiederholung am 18. Januar, 22 Uhr, im WDR.

Quelle: F.A.Z.
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