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Amerikanische Talkshow-Posse Die Revolution ist gescheitert

21.01.2010 ·  Leno, Conan & Co: In Amerika herrscht Aufruhr um den späten Fernsehabend. Nun räumt einer der Matadoren die Arena – und nimmt viel Geld mit. Diese amerikanische Talkshow-Posse ist zugleich Teil des Niedergangsdramas über die einst glanzvolle Fernsehgesellschaft NBC.

Von Jordan Mejias, New York
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Conan geht, Leno bleibt. Jeder wusste es seit Tagen. Und die immer schlechteren, immer böseren Witze darüber wollten nicht abreißen, in den beiden Talkshows und um sie herum. Jetzt aber ist der Kampf der Starmoderatoren, dem nicht nur die schrumpfende amerikanische Fernsehgemeinde gebannt folgte, ganz offiziell zu Ende. Conan O’Brien und NBC haben ihre Scheidungsurkunde unterzeichnet.

Die National Broadcasting Company wird ihm 32 Millionen Dollar überweisen, damit er die nächsten zweieinhalb Jahre, über die sein Vertrag noch läuft, nicht mehr im Studio erscheint und die altehrwürdige „Tonight Show“ zelebriert und dabei, wie mit seiner Verpflichtung vor sieben Monaten erhofft wurde, modernisiert. Conans Mitstreiter bekommen zwölf Millionen. NBC rechnet sich aus, dass die Abfindung, üppig, wie sie ist, von dem Gewinn übertroffen wird, für den Jay Leno als alter, neuer Gastgeber der Talkshow sorgen soll. Bei Conan ist die Bilanz angeblich ins Minus gerutscht.

Verklemmte Spröde

Die Talkshowposse aber ist auch ein Teil des Niedergangsdramas über die einst glanzvolle Fernsehgesellschaft NBC, und dessen Ende ist noch lange nicht abzusehen. Conan, der mit der kolossalen Haartolle, und Leno, der mit dem kolossalen Kinn, waren einander in die Quere gekommen, als NBC sich gezwungen sah, die im letzten Jahr ausgerufene Revolution wieder rückgängig zu machen. Der neunundfünfzig Jahre alte Leno hatte die Moderation der traditionsreichen „Tonight Show“ an den dreizehn Jahre jüngeren Kollegen abgeben müssen, sollte jedoch nicht in den Ruhstand verschwinden, sondern anderthalb Stunden früher seine nur zaghaft veränderte Schau abziehen und dabei das Fernsehprogramm zeitgerecht bedienen. Im Quotenrennen, in dem kostspielige Comedy- und Dramenserien gegenüber preisgünstigem Reality-TV-Klamauk ins Hintertreffen geraten sind, meinte NBC, mit einer Talkshow zur Primetime genau den Zeitnerv zu treffen. Für weniger Geld würde Leno ein paar Witze reißen, lustige Billigvideos zeigen, mit diesem oder jenem Star, der einen Film oder eine DVD zu verkaufen hat, plaudern und so das Fernsehvolk realitymäßig bedienen.

Die Rechnung ging nicht auf. Leno wollten zu früherer Stunde zuwenige Zuschauer sehen, und Conan brachte es nicht fertig, zu seinen Fans, die er in seiner Nachmitternachtssendung zu unterhalten gewohnt war, auch Zuschauer zu gewinnen, die ihn vor Mitternacht zu Gast haben wollten. Den alten Semestern, die den freundlichen Leno mögen, war Conan zu verschroben, und die jungen, die auf seiner Wellenlänge funken, schalteten nicht zahlreich genug ein, auch wenn sie ihn nun verteidigen. Gegen David Letterman, der zur gleichen Nachtzeit bei CBS den Talker gibt und sich in grauer Vorzeit selbst Hoffnung auf die „Tonight Show“ gemacht hatte, bis ihm der große Preis von Leno 1992 weggeschnappt wurde, hatte Conan keine Chance.

Warum das alles so war und ist, darüber wird derzeit endlos spekuliert. Es darf freilich wieder einmal als erwiesen gelten, dass die Leute es nicht mögen, wenn ein Ritual abgeschafft oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wird. Und das Ritual der „Tonight Show“ einem Entertainer anzuvertrauen, der sein Flair aus einer verklemmten Spröde entwickelt, derweil sein netter Vorgänger ihm mit einer viel gemütlicheren Variation der Sendung zuvorkommt, war ein Einfall, den niemand von Anfang an als Schnapsidee bezeichnete.

Acht Monate nichts Böses sagen

Der Mann, der jetzt für den Reinfall mit den Talkshows und für die Misere von NBC verantwortlich gemacht wird, heißt Jeff Zucker. Ihn nannte Jon Stewart, der in seiner „Daily Show“ das Zeitgeschehen weniger satirisch als radikalrealistisch nachbereitet, den Dick Cheney des Fernsehens, einen Mann, der den Shows ins Gesicht schießt. Als Chef von NBC muss Zucker sich vorrechnen lassen, dass ein Sender, der zu seiner Glanzzeit dank Hits wie „Seinfeld“, „Friends“, „E.R.“ und „The Cosby Show“ pro Jahr eine Milliarde Dollar Gewinn einspielte, dieses Jahr mit einem Defizit von hundert Millionen Dollar enden könnte. Das wäre nicht zuletzt auch den Olympischen Winterspielen zuzuschreiben, von denen erwartet wird, dass NBC mit ihnen ein Verlustgeschäft macht. Zucker hatte auch wenig Fortüne, neue Hits zu entwickeln, was angesichts der Konkurrenz von Kabelkanälen und des Internets, der von ihnen ausgelösten Fragmentierung des Publikums und eines damit verbundenen drastischen Rückgangs von Werbeeinnahmen sicher nicht einer einzigen Führungskraft zuzuschreiben ist. Egal, er ist der Boss, und einen Weg aus der Krise hat er bisher nicht entdeckt.

Selbst eine Serie wie „30 Rock“, von Kritikern bejubelt, kommt übers Minderheitenprogramm nicht hinaus. Um so wichtiger bleibt ein Dauerbrenner wie die „Tonight Show“, die unter Leno verlässlich Profit abwarf. Das auch für die kommenden Monate und Jahre zu garantieren, muss er versuchen, wenn er voraussichtlich am 1. März auf seinen angestammten Platz zurückkehrt. Viel Glanz und Gloria vermag er aus der Primetime nicht mitzubringen. Conan, dem NBC angeboten hatte, wie in alten Tagen Leno zu folgen, sah zurecht den Vorschlag als Zurückstufung, ja Erniedrigung an. Wenn die achtstellige Abfindung ihn nicht über den Verlust des zumindest ehedem glamourösen Postens hinwegtröstet, wird es vielleicht Fox tun, Rupert Murdochs Fernsehgesellschaft, die am späten Abend noch keinen erfolgreichen Talker gegen CBS, NBC und ABC ins Rennen geschickt hat und an dem gescheiterten, aber deshalb keineswegs aussichtslosen Moderator Gefallen finden soll.

An diesem Freitag wird Conan also zum letzten Mal die „Tonight Show“ moderieren. Acht Monate lang darf er laut Trennungsvertrag keine Arbeit vor der Fernsehkamera annehmen und über NBC nichts Böses sagen, so wie er das allabendlich nun mit Begeisterung tat. Im September könnte er dann schon bei Fox anfangen.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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