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Amerikanische Medien Islamisten am Ground Zero

29.08.2010 ·  Was passiert mit einer Gesellschaft, der die Fähigkeit abhandenkommt, wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden? Immer mehr amerikanische Medien behandeln Tatsachen als Meinungen, die nach Gegenmeinungen verlangen.

Von Nils Minkmar
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Die Journalisten von Fox News folgten, wie einst die Watergate-Enthüller, dem Geld: Die Moschee in der Nähe von Ground Zero werde auch von einem saudischen Prinzen finanziert, hatten sie herausgefunden, darum schlugen sie Alarm. Nicht zu Unrecht: Die Saudis stellten die Mehrheit der Attentäter vom 11. September 2001 und propagieren auf der ganzen Welt antiamerikanisches und antisemitisches Gedankengut. Und in der Tat hatte der von Fox als Finanzier identifizierte Prinz Al Walid, ein Neffe des saudischen Königs, unmittelbar nach den Anschlägen von New York und Washington erklärt, diese seien auch die Folge der verfehlten amerikanischen Außenpolitik.

Darum hatte der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani eine Spende dieses Prinzen über zehn Millionen Dollar zurückgewiesen. Der Fall schien also klar: Saudisches Geld und wahhabistische Ideologie machen aus dem geplanten islamischen Gemeindezentrum eine Gefahr für die innere Sicherheit der Vereinigten Staaten. Der Fox-Kommentator sprach es deutlich aus, schließlich wird der Sender ja genau dafür eingeschaltet: Da werde eine „Kommandozentrale des Terrors“ am Ground Zero errichtet.

Eine Satiresendung als wichtigstes politisches Forum

Was die Fox-Zuschauer nicht erfuhren: Dass Prinz Al Walid bin Talal nach Rupert Murdoch der zweitgrößte Anteilseigner von Fox News ist. Wollte man also wirksam den Strom des Terrorgeldes unterbinden, folgerte Jon Stewart in seiner „Daily Show“, dürfte kein Amerikaner mehr Fox schauen, da hohe Quoten und Werbeerträge die Konten des von den eigenen Journalisten so gründlich demaskierten Prinzen füllen.

Fox ist der erfolgreichste amerikanische Fernsehsender, weil er mit starken Gefühlen arbeitet. Er macht den Leuten Angst vor Arabern, Muslimen und der sozialistischen Obama-Regierung. Und die Interessen der saudischen Königsfamilie decken sich mit denen Rupert Murdochs: Ein verängstigtes Publikum scheut die Veränderung, dann können die arabischen Partner, billiges Öl und die Republikaner als Garanten der guten alten Zeit präsentiert werden. Unlängst hat Murdoch daher den Republikanern eine Million Dollar zur Vorbereitung des Herbstwahlkampfs überwiesen.

Deprimierend an dieser Episode ist der Umstand, dass die Partnerschaft Murdochs mit dem Prinzen allein in Jon Stewarts „Daily Show“ zum Thema gemacht wurde. Stewarts Satiresendung ist zum wichtigsten politischen Forum der Nation geworden. Die traditionellen politischen Fernsehmagazine oder schlicht die Abendnachrichten der großen Sender schaut kaum noch jemand, es sei denn, sie stellen ihre Tonlage auf schrill. Immer weniger Amerikaner lesen Zeitungen, einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk von einiger Relevanz gibt es nicht. Wer eine andere Meinung sucht als die von Fox und Co, schaltet zu ebenso überdrehten Sendungen wie der von Keith Olbermann auf MSNBC.

Obama wird zum Muslim

Es scheint, als würde sich die bürgerliche Öffentlichkeit verkrümeln. Die Zuschauer freuen sich stattdessen am Wettbewerb um die exzentrischste Position, Informationen und Argumente dürfen nicht mehr Mühe und Zeit beanspruchen als ein Doppelklick mit der Computermaus. Unterhaltung und krass subjektive Ideologie führen zu neuen Hybridformen der Meinungsbildung, die schwer zu kritisieren sind. Die etablierten und anspruchsvollen amerikanischen Medien scheuen die direkte Konfrontation mit so offen unseriösen Quellen wie Rush Limbaugh, Matt Drudge oder Glenn Beck. Und genau das ist deren Schutzschirm: Je extravaganter sie agieren, desto hilfloser ist eine offene und rationale Kritik an ihren Angeboten. Womit sollte man ihnen auch kommen?

Glenn Beck hat als Pausenclown in Rodeoshows angefangen, er ist völlig schmerzfrei. Seine Sendungen sollte man nur bei garantierter Schwindelfreiheit ansehen: Beck reiht Schlagwörter, Satzfragmente und Konjunktionen in bizarrer und erratischer Weise aneinander, was das menschliche Hirn dazu provoziert, nach dem Sinn der Sache zu suchen. Hinzu kommt, dass er mit seinem gemütlichen Aussehen, den grauen Haaren und der altmodischen Schiefertafel im Studio vertrauenswürdig wirkt, bis man genau hinhört - aber im Fernsehen entscheidet bekanntlich die Optik. Irgendetwas bleibt nach so einer Beck-Show hängen, auch wenn es nicht wahr ist. In einer Sendung über Obamas Glauben wiederholte Beck, er selbst glaube ja nicht, dass der Präsident ein Muslim sei, aber er sei eben auf so merkwürdige Art ein Christ. Dazu zitierte er einen Satz aus Obamas Biographie, in dem er sagt, er habe sich nach seiner Bekehrung zum Christentum „Jesus unterworfen“ - und das arabische Wort dafür, für Unterwerfung, sei nun mal Islam. Das stellte er nur mal so in den Raum. An diesem Wochenende lud er zur großen Versammlung in Washington ein, um die „amerikanische Ehre“ wiederherzustellen.

Wer hat den Rettungsschirm erfunden?

Der einflussreiche Radiomoderator Rush Limbaugh weist seit Jahren immer wieder mal auf die angeblich unklare Herkunft des amerikanischen Präsidenten hin und fragt scheinheilig, weshalb nur so viele Amerikaner sich Fragen zur Herkunft ihres Präsidenten stellten. Und als sich Obama in der Frage der Ground-Zero-Moschee - die übrigens weder am Ground Zero steht noch eine Moschee ist, sondern ein Gemeindezentrum mit Sportanlagen und Gebetsraum - auf das Prinzip der Religionsfreiheit berief, überschrieb Matt Drudge seinen Report mit einem extrabreiten „Salam Aleikum“, dem arabischen Friedensgruß, mit dem Obama seine Kairoer Rede begonnen hatte.

Das bestürzende Resultat solcher Insinuationen ist nun, dass, laut einer Umfrage des angesehenen Pew Centers, 18 Prozent der Amerikaner annehmen, der Präsident sei Muslim. Im Jahr 2008 waren es nur 12 Prozent. Von den Republikanern glauben es sogar 46 Prozent. Und die Hälfte der befragten Republikaner sagt außerdem, dass der Bankenrettungsschirm Tarp unter Obama erfunden und verabschiedet wurde, statt, wie es der Wahrheit entspricht, noch unter Präsident Bush.

Was passiert mit einer Gesellschaft, der die Fähigkeit abhandenkommt, wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden? Zunehmend werden von den amerikanischen Medien Tatsachen wie Meinungen behandelt, zu denen man stets auch die Gegenseite zu präsentieren hat. Daher müht sich die auch im letzten Jahr wieder mit Rekordumsätzen glänzende Lobbyistenbranche besonders um Wissenschaftler - schließlich reicht ein einziger Professor mit Sondermeinung, um feststellen zu können, dass „in der Wissenschaft kein Konsens“ herrsche. Jede Form der Abwägung, der Differenzierung, der Darstellung eines komplizierten Themas führt zum Lustabfall beim Zuschauer, der nicht länger warten will als einen Doppelklick - sonst wird er quengelig.

Fatale Konstellation des „kosmischen Krieges“

Im Fall der Ground-Zero-Moschee scheint diese Medienlandschaft nur zwei Positionen zuzulassen: Entweder man bekämpft die Terroristen, oder man streitet - auch als linksliberaler Atheist - plötzlich für die Eröffnung einer Moschee. Die eigentlich wichtige Frage sei doch, schreibt die Islamreformerin Irshad Manji, was in dem Gemeindezentrum geboten werde. Ob Männer und Frauen getrennt beten müssten? Ob dort auch mal Gelegenheit geboten werde, mit oder über Salman Rushdie zu diskutieren? Und ob mal eine Frau die Predigt halten dürfe? Fragen also, mit denen sich alle Religiongemeinschaften in einem urbanen Umfeld beschäftigen müssen.

Eine Verengung der Frage auf ein Ja oder Nein zur Moschee ist auf jeden Fall ein Sieg für die Islamisten: Wird sie nicht gebaut, hat Amerika seine Prinzipien verraten und sein - wie sie behaupten - wahres Gesicht gezeigt, und dann jubeln sie! Wird sie doch gebaut, jubeln sie auch. Das führt zu jener fatalen Konstellation, die der amerikanische Autor Reza Aslan den „kosmischen Krieg“ genannt hat: eine Auseinandersetzung, die keine räumlichen oder zeitlichen Grenzen mehr kennt und die nicht zu gewinnen ist. Man gewinnt den kosmischen Krieg nur auf eine Weise, so Aslan: indem man nicht mitkämpft.

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