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Afghanistan Sergej, das ist Krieg

16.03.2010 ·  Stefan Aust und Claus Richter führen in ihrem Film „Sterben für Afghanistan“ vor Augen, worum es eigentlich geht und worum es endlich auch der Politik in Berlin gehen sollte. Um die Wahrheit nämlich, die man den Wählern und den Soldaten schuldet.

Von Michael Hanfeld
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Diesen Beitrag zum Krieg in Afghanistan sollten sich die Abgeordneten des Bundestages unbedingt ansehen. Insbesondere jene, die dem Auswärtigen Ausschuss angehören, und erst recht jene, die im Kundus-Untersuchungsausschuss sitzen. Denn Stefan Aust und Claus Richter führen vor Augen, worum es eigentlich geht und worum es endlich auch der Politik in Berlin gehen sollte. Um die Wahrheit nämlich, die man sich selbst, den Wählern und den Soldaten der Bundeswehr schuldet. Die Wahrheit, die zu einem Bombenangriff wie jenem auf die beiden Tanklaster bei Kundus am 4. September 2009 führte, bei dem mehr als 140 Menschen ums Leben gekommen sind.

Die Wahrheit ist, dass sich die Bundeswehr, dass sich Deutschland in Afghanistan in einem Krieg befindet. Die Wahrheit ist aber auch, dass dies erst nach Kundus ansatzweise ausgesprochen wurde, und die Beschönigungen, die Phrasen, die Lügen zuvor, das Leben von Bundeswehrsoldaten aufs Spiel gesetzt, ja in bislang 36 Fällen gefordert haben. Die öffentliche Empörung über den Tod deutscher Soldaten habe sich in der Heimat bis dato in Grenzen gehalten, kommentiert der „Frontal 21“-Chef Claus Richter mit zynischer Bitterkeit.

Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck gibt zu, dass man blauäugig an die Sache herangegangen sei, sein Nachfolger Franz-Josef Jung salbadert weiter in Rätseln, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, findet die zutreffende Vokabel für das Handeln der Politik, die sich im Kundus-Untersuchungsausschuss in den nächsten Tagen abermals in einer Schlammschlacht um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und die Frage, wer wann was wie wusste und beurteilte, ergehen wird: „Skrupellos“ nennt Kujat diese Politik und sagt auch, was die Verantwortlichen sich viel eher fragen müssten: Haben wir dem Oberst Georg Klein, der den Angriff bei Kundus befahl, überhaupt die notwendigen Mittel an die Hand gegeben, dass er auch hätte anders entscheiden können?

Die Bundesregierungen der vergangenen Jahre und die sie tragenden Parteien haben es nicht getan. Die Bundeswehr ist militärisch nicht in der Lage, sich adäquat selbst zu verteidigen, geschweige denn, den Angreifern nachzusetzen. Als im Juni 2003 Soldaten der Bundeswehr in einem ungepanzerten Bus zum Flughafen von Kabul fuhren wie die Lämmer zur Schlachtbank, mussten die Verletzten eine halbe Stunde warten, bis die Kameraden aus dem Camp Warehouse ausrückten, zuvor halfen ihnen nur britische Sanitäter. Vier Soldaten starben, 29 wurden verletzt. Doch das taugte in der Heimat natürlich nicht zum Skandal.

So auch nicht der Tod des Hauptgefreiten Sergej Motz, der in einem minderwertig gepanzerten Schützenpanzer saß, als ihn eine Granate zerfetzte. Seinen Eltern hatte er gesagt, dies sei ein Friedenseinsatz. Sein Vater, Auswanderer aus Russland und selbst Afghanistan-Veteran, wusste es besser: „Sergej, das ist Krieg“, hatte er dem Sohn zum Abschied gesagt.

Wann endlich nehmen nicht nur ehemalige Minister diese Realitäten in den Blick und sprechen und handeln entsprechend. Warum wird nach Jahren der Verschleierung mit der Ankündigung eines baldigen Abzugs die nächste Nebelkerze gezündet? Das ist die Frage, die man sich am Ende des Beitrags von Stefan Aust und Claus Richter stellt. Ihre fünfundvierzigminütige Dokumentation stellt die Lage in Afghanistan umfassend und - wie im Fernsehen selten - notwendig zugespitzt dar. Das ist bestes öffentlich-rechtliches Pflichtprogramm, nicht nur, aber vor allem für Politiker.

Sterben für Afghanistan läuft um 21 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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