07.09.2009 · Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Anne Will die Lösung für die Krise parat halten würde. „Abstiegsangst: Was sorgt jetzt für soziale Sicherheit?“ fragte sie am Sonntagabend. Die Antwort mag etwas merkwürdig klingen. Sie lautet: Heiße Würstchen.
Von Matthias HannemannEs ist nicht so, als hätten wir von Thomas Brauße nichts gehört. Ganz im Gegenteil, Braußes Geschichte schaffte es innerhalb weniger Tage in die Schlagzeilen sowohl der seriösen Zeitungen wie der Kollegen vom Boulevard, und sie alle berauschten sich an der Vorstellung, einen Investmentbanker von einst beim Würstchenverkauf aufgespürt zu haben. In der Berichterstattung freilich schwang oft mehr Schadenfreude mit als ehrliche Anerkennung dafür, dass hier ein Mann nach dem Rauswurf bei der Bank sogleich wieder anzupacken suchte. Die sechsstellige Summe, die Brauße mit seinem Grill-Bus vorerst nicht verdienen dürfte, schien vielen wichtiger zu sein als der sozusagen amerikanische, der trotzig-optimistische Anteil seiner Story.
Bei Anne Will war das gestern nicht so. Und zumindest das tat denkbar wohl. Thomas Brauße nämlich war mit seiner Hemdsärmeligkeit der einzige Gast an diesem Abend, der zum Thema „Abstiegsangst in Deutschland. Was sorgt jetzt für soziale Sicherheit?“ eine Antwort parat hatte, die wir an dieser Stelle grob mit den Schlagworten „Gründungszuschuss“ und „Heiße Würstchen“ abhandeln möchten. Die übrigen Gäste hingegen verloren sich im Ungefähren - was auch daran gelegen haben mag, dass das eigentliche Thema, wie so oft, vom Redefluss der Eingeladenen hinfortgerissen wurde.
Wo waren die Großkoalitionäre?
Das heißt nicht, es sei an diesem Abend nicht über Abstiegsangst gesprochen worden: Auch die Abfindung eines Karl-Gerhard Eick ist auf ihre ganz eigene Art ein Beispiel ausgeprägter Abstiegsangst. Es mangelte auch nicht an Versuchen, Antworten auf die Frage nach der „sozialen Sicherheit“ zu formulieren. Renate Künast von den Grünen, Bodo Ramelow von der Linkspartei und Uwe Hück, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Porsche, drängten auf eine Diskussion zum Thema „Mindestlohn“ und „Hartz IV“. FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke pries die „Chancen“ der Krise, die Wiederentdeckung der „sozialen Marktwirtschaft“ und deutsche Unternehmertugenden. Und wenn es Interessantes in dieser Sendung gab, dann war dies
a) die Abwesenheit der schwarz-roten Großkoalitionäre,
b) die Lobeshymne von Uwe Hück auf stille Vereinbarungen mit Ex-Chef Wendelin Wiedeking und
c) die Erinnerung des Vermögensverwalters Christian von Bechtolsheim daran, dass die Krise in Deutschland bislang noch nicht auf die breite Masse durchgeschlagen habe.
Nur kein Größenwahn
Trotzdem verlor sich alles, was an Gesprächsansätzen vorhanden war, in einem unstrukturierten Durcheinander zielloser Fragen und voraussagbarer Einspielhäppchen. Den Rest besorgten die Nerven am linken Ende der Stühlchenreihe. Erst wurde Hück laut, sprach er Otto Fricke jedes Mitspracherecht in Arbeitnehmerdingen ab (er entschuldigte sich später). Dann bekamen sich Bodo Ramelow und Renate Künast so hemmungslos in die Haare, dass man diese Szene glatt noch einmal zum Frühstück aus dem Videogedächtnis herauskramen möchte: „Herr Ramelow, jetzt kriegen Sie mal keinen Größenwahn!“, sagte Künast, „(...) Sie drehen langsam durch!“ Ramelows Antwort: „Ah, Sie kann keifen, wie sie will.“
Aber gut. Um es mit den Worten eines Bloggers zu sagen, der nach der Sendung einen Kommentar auf der Homepage von „Anne Will“ hinterlassen hatte: „Leider kann ich keinen Kommentar zur Sendung abgeben, da es mir unmöglich ist, die Sendung zu verfolgen, wenn sich drei oder mehr Gäste gleichzeitig anschreien. (...) Wie wäre es wenn man die Talk-Gäste einzeln in schalldichte Kabinen setzt und ihre Mikrophone an-/ oder abschalten kann? So hätte der Zuschauer die Möglichkeit, die Sendung zu verfolgen.“ Alternativ könnte Herr Brauße natürlich auch bis zur Kiefernsperre Würstchen mit Pommes servieren.
Nicht schade
André Busche (Aikibudoka)
- 07.09.2009, 09:43 Uhr
Inhalt und Art
G. Schreiber (dnnf)
- 07.09.2009, 11:17 Uhr
Gescheitert
Dieter Fritz (didi07)
- 07.09.2009, 12:13 Uhr
Alle steigen nur auf
boris kotchoubey (bkotchoubey)
- 07.09.2009, 12:25 Uhr
Das schönste Ergebnis
Markus Teuber (arathorn)
- 07.09.2009, 13:00 Uhr