Home
http://www.faz.net/-gsc-9qn
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Abschied vom Sonntag: „Anne Will“ Es war fast immer wie immer

 ·  Es gibt einen Grund dafür, warum jedes Thema bei „Anne Will“ zuerst aufgeblasen und dann mit schwachen Gästen verwässert wird. Heute kommt die Talkshow der verpassten Chancen zum letzten Mal am Wochenschluss. Eine Bilanz und ein Ausblick.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (15)

Sie hatte einen Becher mit Kaffee oder Tee vor sich stehen, aber dem Termin fehlte jede Gemütlichkeit. Baroness Buscombe, die Vorsitzende des britischen Presserates, war am Dienstag zu Gast bei Andrew Neil in dessen BBC-Sendung „Daily Politics“. Neil hatte nach neuen Enthüllungen über die Abhörpraktiken der „News of the World“ eigentlich nur eine Frage an sie: Gibt es irgendetwas Sinnvolles, das der Presserat in dieser Sache getan hat? Weil Baroness Buscombe darauf nur mit Floskeln und Ausflüchten reagierte, wiederholte Neil die Frage gnadenlos immer wieder, in zunehmend verächtlichen Formulierungen.

Zwischendurch war die Presseratsfrau so in die Ecke getrieben, dass sie ihn versehentlich mit „Neil“ ansprach, als sei das sein Vorname. Fast neun Minuten dauerte das grausame Schauspiel, und am Ende hatten die Zuschauer einen umfassenden Eindruck von der Lächerlichkeit dieses Gremiums.

Für Engländer hatte die Szene angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe vielleicht eine kathartische Wirkung; als deutscher Zuschauer nahm man aufs Neue eine große Leerstelle im eigenen Fernsehen war: Es gibt kaum eine Sendung, in der Menschen mit Macht, Einfluss oder Verantwortung im konzentrierten und notfalls aggressiven Zwiegespräch in die Zange genommen werden. Das war einmal anders. In den achtziger Jahren fühlte Claus Hinrich Casdorff im WDR in „Ich stelle mich“ Prominenten auf den Zahn; vor zehn Jahn setzte Michel Friedman in der ARD Politiker einem halbstündigen Stresstest aus; und dann gab es in den „Tagesthemen“ eine Moderatorin Anne Will, die es immer wieder schaffte, erhellende, gelegentlich entlarvende Gespräche zu führen.

Selbst die Kritik ist Ritual

Leider moderiert sie stattdessen seit vier Jahren eine wöchentliche Talkshow, morgen zum letzten Mal am vermeintlich prestigeträchtigen Termin sonntags nach dem „Tatort“. Es ist nicht so, dass sie ihr Talent dabei gar nicht zeigen kann. In der jüngsten Sendung konfrontierte sie den FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis gut gelaunt damit, dass man das richtige Zitieren in wissenschaftlichen Arbeiten, das er in seiner Promotion so dramatisch vernachlässigte, eigentlich im ersten Semester lernt. Sie versuchte zwar vergeblich, ihn zu einer Aussage zu bringen, ob er von seinem Mandat zurücktritt, falls die Universität in seiner Arbeit ein Plagiat sieht. Aber auch dieses Scheitern war erhellend.

Es war ohnehin eine ungewöhnliche Ausgabe von „Anne Will“, weil sie sich über weite Strecken vergleichsweise konkret mit diesem einzelnen Fall und den Fragen beschäftigte, die sich unmittelbar aus ihm ergeben. Das war angenehm, aber natürlich nicht ausreichend. Diskutiert werden musste unter dem Motto „Die Blender-Republik - wie weit kommt frech?“ - ein Blender-Titel. Deshalb war außer Chatzimarkakis und Anke Domscheit-Berg, die von Anne Will allen Ernstes als „Internet-Anhängerin“ vorgestellt wurde, unter anderen auch Bertram Quadt zu Gast, ein Radiomoderator, der sich dadurch als Teilnehmer für die Runde qualifiziert hatte, dass er nicht studiert hat und mit vollem Namen Bertram Graf von Quadt zu Wykradt und Isny heißt, das meiste davon aber weglässt.

Es gibt natürlich einen Grund, warum jedes Thema bei „Anne Will“ so aufgeblasen und mit irgendwelchen Gästen verwässert oder überwürzt wird: Es handelt sich um ein Ritual. Fernsehen ist ohnehin ein in höchstem Maße ritualisiertes Medium, aber bei kaum einer Sendung (außer der „Tagesschau“ natürlich) ist das so konstituierend und allumfassend wie bei der Sonntags-Talkshow. Das fängt bei Kleinigkeiten an wie dem Umstand, dass es niemandem auffällt, wie widersinnig es ist, dass das Publikum immer nach den Einspielfilmen klatscht, selbst wenn es damit dem Satz applaudiert: „Ist Chatzimarkakis der nächste Politiker, der geblendet hat und Titel und Ämter verliert?“ Und es umfasst sogar die journalistische Rezeption: „Anne Will“ ist vermutlich die - neben „Wetten dass ..?“ - meistrezensierte Sendung im deutschen Fernsehen. Viele Online-Medien erzählen den Inhalt jeder einzelnen Ausgabe nach - völlig unabhängig von irgendeinem Nachrichtenwert. Selbst die Kritik ist Ritual.

Das ist natürlich ungerecht

Wer „Anne Will“ einschaltet, um zu sehen, was passiert, wird regelmäßig enttäuscht. Man schaltet „Anne Will“ ein, um zu sehen, was nicht passiert. Man kann sich die Sendung angucken wie einen Filmklassiker, den man sich immer wieder anschaut. Es ist eine Konstante mit beruhigender Wirkung. Sie rüttelt nicht auf, sondern sediert. Was auch passiert in der Welt, es werden sich Menschen finden, die dafür oder dagegen sind und sich bei „Anne Will“ gegenseitig vorwerfen, nicht ausreden zu dürfen, obwohl sie die anderen gerade haben ausreden lassen.

Es hilft dabei nicht unbedingt, den konventionellen Rahmen der paritätischen Besetzung mit Politikern- und Interessenvertreten zu verlassen. Als es vor einigen Wochen im Rahmen der ARD-Themenwoche „Der mobile Mensch“ um „moderne Job-Nomaden“ gehen sollte („mobil, heimatlos, ausgebrannt?“) diskutierten zum Beispiel die Gebäudereinigerin Susanne Neumann und der Online-Publizist Sascha Lobo zu keinem Zeitpunkt über dasselbe Thema. Es ist oft ein großes Aneinandervorbeireden.

Wenn man eine Bilanz ziehen wollte der vier Jahre „Anne Will“ am Sonntagabend, könnte man es pauschal in vier Worten tun: Es war wie immer. Das ist natürlich ungerecht, und zumindest in der Erinnerung wirkte die Moderatorin weniger anstrengend und angestrengt als ihre Vorgängerin Sabine Christiansen. Mit Dauergästen wie Gregor Gysi vergnügte sie sich auch schon einmal kurz auf der Meta-Ebene, und oft schien sie nicht viel mehr tun zu müssen, als das Rederecht zu erteilen und zu entziehen und in jeweils einem Satz Andeutungen und Begriffe zu erläutern, was sie gut machte.

Wenn sie im Herbst am Mittwochabend wiederkommt, nach den „Tagesthemen“, könnte sie sich eigentlich frei machen von all dem Ballast, dem Erwartbaren, den Ritualen, der Inszenierung. Und zum Beispiel, was sie kann, gut gelaunt aggressive konzentrierte Gespräche führen, wie es sie im deutschen Fernsehen nicht mehr gibt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1