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3sat erinnert an Jochen Rindt Er war der James Dean der Piste

28.08.2010 ·  In den sechziger Jahren war der begnadete österreichische Rennfahrer Jochen Rindt für viele junge Leute ein Vorbild und ein Star. Vor vier Jahrzehnten starb er in seinem Formel-1-Boliden beim Training zum Großen Preis von Monza. Zeit, sich an ihn zu erinnern.

Von Jochen Hieber
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Wer sich als Kind und Jugendlicher in den sechziger Jahren für Sporthelden zu interessieren begann, um an den Idolen, wie illusionär auch immer, eigene Wunschidentitäten zu erproben, musste hierzulande unweigerlich zunächst bei Uwe Seeler landen. Der Mittelstürmer des Hamburger Sportvereins und Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war die Inkarnation des kleinbürgerlichen Tugendkatalogs - erdverbunden, anständig, verlässlich, vereinstreu und als Kämpfer nie aufgebend -, zudem schoss er Woche um Woche wie selbstverständlich seine „goldenen Tore“.

Mit dem Schwergewichtler Cassius Clay, der sich 1964 seine erste Profiweltmeisterschaft gegen den schier übermächtigen Sonny Liston erboxte und sich fortan Muhammad Ali nannte, kam neben rhetorischer Großspurigkeit auch ästhetische Eleganz in den Sport, zudem die Vorahnung von Globalität - man durfte, obwohl erst dreizehn, vierzehn Jahre alt, mitten in der Nacht aufstehen, um Ali an irgendeinem fernen, exotischen Ort des Planeten kämpfen zu sehen -, nicht zuletzt jedoch die Erfahrung, dass Sport und Politik sehr wohl miteinander zu tun hatten, auch wenn einem dies bei Uwe Seeler nie in den Sinn gekommen wäre.

Als spielte er den Rennfahrer bloß

Von diesen beiden höchst unterschiedlichen Leitfiguren hob sich der 1942 in Mainz geborene, als Kriegswaise bei den Großeltern in Graz aufgewachsene und alsbald zum Nachkriegs-Österreicher naturalisierte Jochen Rindt auf mehrfache Weise ab. Ins westdeutsche Bewusstsein geriet er erstmals 1964, als er zusammen mit dem Schweden Joakim Bonnier beim Tausend-Kilometer-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings in einem Porsche den dritten Platz errang.

Nicht mehr aus den Schlagzeilen aber kam er seit dem hasardeurhaften Sieg, den er im Jahr darauf beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans feierte, dieses Mal im Ferrari 275LM und gemeinsam mit dem Amerikaner Masten Gregory. Zu jener Zeit hatte er auch schon in der Formel eins reüssiert, die Formel zwei beherrschte er weitgehend nach Belieben.

Das Spannende an Jochen Rindt war indes, dass man ihn interessant finden, ihn gar bewundern konnte, ohne sich sonderlich um Autorennen und schon gar nicht um die technischen Details oder die Mythenmarken des Motorsports zu kümmern. Seeler ohne Ball, Ali ohne Ring, das ging gar nicht, Rindt ohne Rennen indes sehr wohl. Natürlich hatte das mit seiner Ausstrahlung zu tun. Noch in Rennanzug und Helm kurz vor dem Start wirkte er, als spiele er das alles nur - und als Schauspieler, der sich eben für die Rolle des Rennfahrers entschieden hatte, konnte er unschwer als der jüngere Wahlbruder jenes damals schon zehn Jahre toten, dafür bis heute legendären James Dean durchgehen.

Das private Fotoalbum eines öffentlichen Menschen

Dass Dean schnelle Autos liebte und 1955 in seinem Porsche 550 Spyder ums Leben kam, passte als Existenzmuster nur zu gut auch für Jochen Rindt. In Zeiten, in denen Autorennen noch ungleich unsicherer und damit opferträchtiger waren, konnte sich als Fahrer in der Weltspitze nur behaupten, wer den Tod verachtete, indem er ihn zugleich spielerisch permanent herausforderte.

Jochen Rindt starb am 5. September 1970 beim Training zum Großen Preis von Monza, einem ohnehin berüchtigten Kurs. Vierzig Jahre ist das jetzt her. Aus diesem Anlass wartet 3sat an diesem Wochenende mit zwei Dokumentationen auf, die sich auf je eigene Weise lohnen. „Jochen Rindts letzter Sommer - Ein Toter wird Weltmeister“, der Film von Eberhard Reuß, legt den Schwerpunkt auf die sportliche Laufbahn des Helden, bietet dafür herrliche alte Radioreportagen und Kino-Wochenschauen ebenso auf wie ehemalige Weggefährten des Stars.

„Jochen Rindt lebt. Eine Spurensuche“ von Christian Giesser und Erich Walitsch ist eine entschieden subjektivere Hommage, die auf nie indiskrete Weise auch das private Fotoalbum eines öffentlichen Menschen aufschlägt und für uns durchblättert. Was eine Figur wie Jochen Rindt für die Kulturgeschichte des Jüngstvergangenen bedeutete, erfahren wir aus beiden Filmen nicht. Muss auch nicht sein. Das möge jeder beim Betrachten der beiden wohltemperierten Nostalgiefilme für sich selbst entscheiden. Jochen Hieber

Jochen Rindt lebt. Eine Spurensuche läuft in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 2.30 Uhr auf 3sat, Jochen Rindts letzter Sommer - Ein Toter wird Weltmeister am Sonntag um 21.45 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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