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„30 Rock“ Sie haben schon Mediengeschichte geschrieben

31.07.2011 ·  Tina Fey und Alec Baldwin spielen ein völlig unmögliches Paar. Je weniger sie zueinander zu passen scheinen, desto anziehender finden sie sich. Das sorgt für die ideale Komödie.

Von Daniel Haas
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Das Schönste an einer Romanze ist manchmal, dass sie gar nicht zustande kommt. Ob Liz und Jack jemals ein Paar werden? „Sie würden höchstens betrunken miteinander herumknutschen und hinterher alles abstreiten“, schreibt Tina Fey in ihrer Autobiografie „Bossy Pants“ dazu. Aber wir, die Zuschauer, hoffen natürlich trotzdem, dass es irgendwann funkt und die beiden eloquentesten, eigensinnigsten, intellektuellsten und gleichzeitig naivsten Helden des amerikanischen Comedy-Fernsehens eine Chance kriegen.

Liz Lemon und Jack Donaghy, gespielt von Tina Fey und Alec Baldwin – das ist ein Doppel, das schon Mediengeschichte geschrieben hat: Sie, die Chefautorin und Produzentin der fiktiven Sketchsendung „The Girlie Show“; er, der CEO des Elektronikkonzerns General Electric, zu dem auch der (real existierende) Sender NBC gehört, der wiederum die Show von Lemon produziert.

Sarah Palin: „Ich bin nicht Tina Fey“

Tina Fey hat sich das Paar ausgedacht und damit ihre Karriere gekrönt, die Serie wurde mit Emmys, den Fernseh-Oscars, überhäuft. Bislang liefen in Amerika fünf Staffeln, eine sechste wird Anfang Januar 2012 starten. In Deutschland ist die Reihe aktuell bei dem Abosender TNT zu sehen, die ersten drei Staffeln gibt es außerdem als DVD-Edition – ideal für den Einstieg in den Humorkosmos von Fey.

Schon als Gagschreiberin der Sendung „Saturday Night Live“, der Kaderschmiede der amerikanischen Fernseh-Comedy, sorgte sie für Furore. Sie trat in der Show als Darstellerin auf und verkörperte in einem Sketch derart überzeugend Sarah Palin, dass die damalige Präsidentschaftskandidatin eine Zeitlang Visitenkarten verteilen musste, Aufschrift: „Ich bin nicht Tina Fey.“

Die dekonstruktive Höchstform des homo oeconomicus

Es steckt dafür viel Tina Fey in Liz Lemon. Die Komödiantin hat sich selbst als Vorlage für die Fernsehheldin genommen, schließlich spielt die Reihe hinter den Kulissen einer Sketchsendung, die man als irre Travestie von „Saturday Night Live“ bezeichnen könnte. Liz Lemon ist die beziehungsgestörte, neurotisch verquasselte Chefin dieses Unterhaltungszirkus, sie befehligt ein Team von egomanen Autoren und durchgedrehten Stars. In ihrer Freizeit absolviert sie peinliche Dates mit Handy-Vertretern oder grenzdebilen Beaus, am liebsten aber sitzt sie zu Hause und schaut fern. Dazu gibt es mexikanische Käsekringel namens „Sabor de Soledad“ – Geschmack der Einsamkeit –, die soviel Östrogen enthalten, dass sie Schwangerschaftstests verfälschen.

Und so eine soll sich mit einem Manager einlassen? Soll sie ja gar nicht, aber dass die Idee im Raum steht, immer mal wieder, dass macht den Reiz – man darf auch sagen: den kulturkritischen Charme – dieser Serie aus. Denn Jack ist nicht irgendein kaltschnäuziger Rechenschieber oder Flipchart-Junkie, sondern die dekonstruktive Höchstform des homo oeconomicus. Man stelle sich Donald Trump mit der Leidenschaft von Casanova und dem Gemüt von Franz von Assisi vor. Rupert Murdoch, in dessen DNA sich Cary Grant und Lassie geschmuggelt haben. Dieser Mann verehrt Ronald Reagan, machte Millionen als Erfinder der „Third Heat“ – ein Truthahn in elf Minuten! –, und schuf mit „Are you stronger than your dog?“ eines der schlimmsten und zugleich erfolgreichsten Dokushow-Formate aller Zeiten.

Das ist schon ein deftiges Gaunerstück

Doch wenn es um die Liebe geht, wird er zum Revoluzzer. Dieses Begehren lässt sich ideologisch nicht auf Linie bringen. Oder wie sonst soll man das nennen, wenn ein eingefleischter Republikaner sich in eine Demokratin verknallt, die ausgerechnet das Mutterunternehmen des eigenen Konzerns (Slogan: „Not poisoning rivers since 1985“) wegen Umweltsünden verklagt? Weltanschauliche Barrieren ebnet dieser Don Juan des Spätkapitalismus mit Chuzpe und Großmut ein: „Ja, ich liebe sie“, bekennt er bei einer Benefizgala. „Sie will uns alle zu Tode versteuern und ein Gesetz verabschieden, dass einem Mann erlaubt, seinen eigenen Hund zu heiraten. Aber ich weiß, dass das, was uns verbindet, besonders ist. Ich bin stolz auf sie!“

Oder wenn er einer lateinamerikanischen Krankenschwester verfällt (herrlich das eigene Image der Latina-Sexbombe karikierend: Salma Hayek): Weil deren Mutter die Fernsehnachrichten destruktiv findet, werden einfach Hundewelpen in die Berichterstattung geschmuggelt. Nicht, dass das amerikanische Newsfernsehen ansonsten frei von Manipulationen wäre, aber Kleintiere anstatt Irakkrieg? Das ist schon ein deftiges Gaunerstück. Aber es sind ja Gaunereien im Namen der Liebe, und hier liegt der moralische Kern des Projekts „30 Rock“. Die Serie ist extrem schnell, schrill, pro Folge muss man zahlreichen Handlungssträngen folgen. Tina Fey selbst sagte, sie habe mit der Reihe eigentlich Viagra erfinden wollen, es sei aber ein Mittel zur Steigerung des Blutdrucks herausgekommen. Doch es gibt diese dramaturgische Spur, die durch all die Gagkaskaden und Pointenkapriolen führt: eine Erziehung des Herzens für beide, die narzisstische Kreativarbeiterin und den merkantilen Erfolgsmenschen, die von Folge zu Folge bessere Freunde werden.

Das Glaubensbekenntnis des postmodernen Medienjunkies

Hierin liegt der Spaß des Ganzen: Zwar erzeugt der zum anything goes aufgeweichte Liberalismus flexible Subjekte, die sich in Neurosen verlieren, aber mit Jack gibt es einen aufgeklärten Konservatismus, der sich von romantischen Idealen nicht verabschieden will. „Was ist deine Konfession?“, wird Liz einmal gefragt. Antwort: „Ich mach’ so ziemlich alles, was Oprah mir sagt.“ So klingt das Glaubensbekenntnis des postmodernen Medienjunkies, dessen Coolness in Zynismus umzuschlagen droht. Andererseits braucht man diese Selbstausbeuter, damit der Laden läuft: Ohne Liz gäbe es keine „Girlie Show“, weil die alten, autoritären Führungsgesten im Angesicht einer notorisch selbstbezogenen Kreativtruppe nicht funktionieren. So wird Komik durch die Travestie hierarchischer Positionen erzeugt, das gute alte Herr-Knecht-Verhältnis noch einmal mit den Mitteln der Comedy durchgespielt.

Ist das nicht ein wunderbares Ideal, zumal für Amerika, wo der Ton rauher geworden ist und die politischen Lager immer weniger miteinander reden, aber auch für jeden von uns persönlich? Dass wir über die Grenzen politischer und weltanschaulicher Programme eine Gemeinschaft sein können?

Bisher erschienen: Ernie und Bert (20. Juli) sowie Harald Schmidt und seine Sidekicks (22. Juli).

Quelle: F.A.Z.
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