13.01.2009 · Das Privatfernsehen ist 25 Jahre alt. Und was gibt es zum Jubiläum? Nicht Schampus und Kaviar, es gibt Einheitsbrei und Ekelcocktails. Das Schinderhannesprogramm vermittelt gerade jungen Leuten ein Menschenbild, das jeder Beschreibung spottet und alle Vorteile des Wettbewerbs im Rundfunk zernichtet.
Von Michael HanfeldMan möchte ja nun wirklich nicht ausgerechnet Klaus Staeck recht geben. Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, sozialdemokratischer Wahlkämpfer und öffentlich-rechtlicher Fundi, hat zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des deutschen Privatfernsehens gesagt, dessen Einführung sei der „Sündenfall der Republik“ gewesen.
Freilich vertritt Staeck seinen kritischen Standpunkt nicht mehr mit der Absolutheit früherer Tage. Er lobt die „Arbeit vieler Tausender Mitarbeiter in den privaten Medien, die ja auch eine harte Talentschmiede sind“. Da kann man ihm ob der Ausgewogenheit gar nicht mehr widersprechen. Und er hat in seinem Befund leider recht – der Müll im Tages- und im Hauptabendprogramm, für den Harald Schmidt einmal den Begriff des „Unterschichtenfernsehens“ bemühte, türmt sich höher denn je. Wir blenden ihn nur aus und haben aufgehört, uns darüber aufzuregen.
In der Nonstop-Peep-Show
Doch klickt man sich nur einmal zwei, drei Abende lang gezielt durch die Gehirnwäscheshows, wird einem brutal vor Augen geführt, an welch ein Programm die Privatsender vor allem mit ihren sogenannten „Doku-Soaps“ die von ihnen hofierten, jüngeren Zuschauer gewöhnt haben. Bei RTL2 zum Beispiel gibt es auf der einen Seite eine solch nette Sache wie „Zuhause im Glück“, wo Eva Brenner und John Kosmalla Familien, die es bitter nötig haben, die vier Wände aufmöbeln. Traurige Wohnlöcher gestalten sie mit Hingabe zu Vorzeigelofts um. In der 198. Episode des „Frauentauschs“ hingegen beutet derselbe Sender Kleinbürgerelend in einer Weise aus, die das Programm nicht nur privater Sender – man muss bloß mal schnell zu den „Reportern“ des ZDF rüberschalten und hat denselben Salat – an manchen Abenden zu einer Nonstop-Peep-Show macht. Da sehen wir also die zweiunddreißigjährige, extrem übergewichtige Yvonne, die ihre Familie für zehn Tage mit derjenigen der agilen Natalie tauscht. Natalie ist zum Islam übergetreten, hat einen Putz- und Fitnessfimmel, wohingegen Yvonne nicht nur ihr trautes Heim und ihr kleines Heimatstädtchen nicht verlässt, sondern auch den Großteil des Tages antriebslos vor dem Fernseher hängt. Jetzt ist sie Teil ebenjener Shows, vor denen sie sonst ihre Tage verdämmert. Den Fortgang der Geschichte kann man sich denken.
Und während die netten Streifenpolizisten „Toto und Harry“ bei Sat.1 in Endlosschleife Jagd auf bemitleidenswerte Gestalten vom Rand der Gesellschaft machen, auf angetrunkene Ruhestörer und Kleinstkriminelle, fragt man sich beim neu aufgelegten Dschungelrummel von RTL, ob unter den c-prominenten Damen, die dort auftreten, überhaupt noch eine zugelassen würde, die sich nicht an Busen und Po hat operieren lassen. Die Aufnahmen aus der Umkleidekabine geraten zum Softporno, die Meldung des Tages lautet, dass sich Giulia Siegel eine Ladung Kakerlaken übers Haupt schütten und von Ratten und Spinnen bevölkern ließ, worauf sie, wie die Deutsche Presse-Agentur ganz sachbezogen meldet, zu „wimmern“ begann. Die Sperrfrist für diese weltexklusive Wichtigkeitsmitteilung läuft an diesem Montag um 23.15 Uhr ab.
Boulevardfernseh-Jet-Set ohne Ansprüche
Die gazellenschlanke Kandidatin Lorielle London (vormals Lorenzo) hat derweil ihre Ekelprüfung mit Bravour bestanden. Sie würgte „einen Käfersaft-Cocktail, getoastete Blattschneiderameisen, einen Mix aus Känguru-Penis püriert mit Milch, einen lebenden Sandwurm und fünf Straußenei-Schnäpse“ herunter. Knapp fünf Millionen Zuschauer haben sich das angesehen, begleitet von den nicht minder ekligen Kommentaren der Dschungelcamp-Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach, die seit langem zu einem Boulevardfernseh-Jet-Set zählen, der offenbar gar keine Ansprüche mehr an sich und an die Sendungen stellt, in denen er auftritt.
Die Einlassung von Klaus Staeck mag ja durchaus „oberlehrerhaft“ sein, wie der FDP-Medienpolitiker Christoph Waitz meint. Und die Einführung des Privatfernsehens war in der Tat nicht, wie Waitz schreibt, „die Vertreibung aus dem Paradies“, denn davor platzten die Öffentlich-Rechtlichen schier vor geistiger und finanzieller Saturiertheit.
Doch ist es leider auch so, dass die Schinderhannesprogramme, die vor allem den jungen Leuten ein Menschenbild vermitteln, das jeder Beschreibung spottet, den heilsamen Kulturschock des Wettbewerbs beinahe aufwiegen – damit aber auch die Qualitäten des privaten Fernsehens und den Elan, mit dem es in einem funktionierenden „dualen System“ die bis ins nächste Jahrtausend politisch und pekuniär abgesicherten Anstalten von ARD und ZDF herausfordert. Es muss zwar nicht immer Kaviar sein, auf den Käfersaft aber würden wir gerne verzichten. Mit Bevormundung hat das nichts zu tun, nur mit etwas Anstand.
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