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25 Jahre RTL Der Sender mit der Mundharmonika

03.01.2009 ·  „Rammeln, töten, lallen“- so übersetzte man vor 25 Jahren das Kürzel RTL. Doch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz hat den „Anarcho-Sender“ aus Luxemburg unterschätzt: Er hat unsere Fernsehlandschaft umgewälzt - im Guten wie im Schlechten.

Von Michael Hanfeld
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Wir schreiben den 2. Januar 1984, es ist 17.27 Uhr. Von wenigen bemerkt, beginnt in dieser Minute die Umwälzung der deutschen Fernsehlandschaft. Von Luxemburg aus geht ein Programm namens RTLplus auf Sendung. Es scheint technisch auf dem Stand zu sein, den die Öffentlich-Rechtlichen dreißig Jahre zuvor hatten. Statt des „Sandmännchens“ macht bei RTLplus die Handpuppe „Karlchen“ von sich reden. Garagenfernsehen, Rundfunk aus dem Untergrund, so wirkt es zu Beginn, mit „Rammeln, töten, lallen“ wird das Kürzel RTL übersetzt, von ARD und ZDF werden die Luxemburger verlacht.

Der Spaß ist den Altvorderen, wie wir wissen, relativ schnell vergangen. Heute ist RTL - wenn auch im Quotenrennen 2008 nur auf Platz vier - eine Macht. Der Sender hat Maßstäbe gesetzt, zwar solche, die nicht allen gefallen, die jedoch das Programm aller Sender prägen - der privaten wie der öffentlich-rechtlichen.

Nur die Quote zählt

Man muss über die Jahre nur auf die Sendungen, auf die Formate und veränderten Sichtweisen achten, die es bei RTL - zwar durchaus abgekupfert in der ganzen Welt - zuerst, dann aber bei fast allen gab und gibt: Hauptnachrichten, die mit einer Meldung aus der Formel 1 eröffnen und auf die Ausstrahlung ihres Moderators, des „Anchorman“, setzen; das „Frühstücksfernsehen“; mitternächtlich-moderierte Nachrichten; Nachmittags-Talkshows - bei denen Hans Meiser den freundlichen Auftakt zu einem Reigen gab, der sich mit Bärbel Schäfer in ein Gruselkabinett verwandelte; eine auf Jugend getrimmte tägliche Seifenoper wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“; überhaupt die „Daily Soaps“; die Quizshow „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch, abgekupfert von einem geföhnten Epigonen wie Jörg Pilawa; die sogenannten Doku-Soaps; eine deutsche Action-Serie wie „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“; anarchischen Comedy-Humor wie bei der Show „RTL Samstag Nacht“; nicht zu vergessen die Klatschshows „Explosiv“ und „Exclusiv“ - einheitliche Sendeplätze, Zuschauerfluss (Audience Flow), Cliffhangerplanung - das alles (die Liste ist ganz und gar nicht vollständig) konnte man von RTL lernen.

Und von RTL lernen hieß, vor allem unter dem ersten Geschäftsführer Helmut Thoma, der bis November 1998 im Amt war, ein Programm gestalten, das sich allein an den vermuteten Wünschen der Zuschauer orientiert, nach der maximalen Reichweite und den größtmöglichen Werbeumsätzen schielt und wenig Tabus kennt, angefangen bei der softpornographischen Unterhaltungsklamotte „Tutti Frutti“ bis zum Prominentenbelastungstest im Dschungelcamp.

Zeiler machte Schluss mit dem Anarcho-Elan

Fünfundzwanzig Jahre RTL, das heißt auch fünfundzwanzig Jahre medienethische Debatten, die heute überholt erscheinen, da es andere längst toller treiben und man sich sogar im Gedenken an Henry Maske an Boxnächte gewöhnt hat, die heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen. Die Demokratisierung des Programms, auf welche Helmut Thoma seinen lockeren Spruch von dem Wurm, der dem Fisch schmecken müsse, nicht dem Angler, gemünzt wissen wollte, sie hat stattgefunden.

Und sie hat zu einem Programm geführt, das in der Gesamtheit des „dualen Mediensystems“ in mehr und mehr Nischen alles abbildet - das Hochkulturelle wie das Kleingeistige bis Sinnlose. Gefragt ist, was gefällt, verboten, was nicht ankommt oder bei der Rechtsaufsicht der Landesmedienanstalten aufgehalten wird (das aber ist fast gar nichts).

Doch es wäre unfair, wollte man RTL mit dem Übel im Fernsehen identifizieren, denn auch bei RTL gibt es gute Serien, aufwendige Filme, recherchierten Journalismus und ansprechende Reportagen - von Spiegel über Stern bis Focus TV. Vor allem aber gab es eine Innovationslust, die das Risiko des Versagens nicht scheute.

Mit Beginn der Ära des Senderchefs Gerhard Zeiler, der heute die gesamte europäische RTL-Gruppe führt, wurde der Anarcho-Elan allerdings in ein professionelles Korsett gezwängt. Zeiler, der vom ORF kam und immer wieder mal als neuer österreichischer Bundeskanzler oder als Retter seines in Nöte geratenen alten Heimatsenders gehandelt wird, hat RTL auf die nächste Stufe gehoben. Aus einem erfolgreichen Programmladen wurde ein Medienkonzern, auf dessen Gewinne das Mutterhaus Bertelsmann setzt.

Auch RTL muss sparen

Rund zwei Milliarden Euro Umsatz hat das deutsche RTL 2007 gemacht und dabei einen Gewinn vor Steuern von 329 Millionen Euro erzielt. Zum Vergleich: Über zwei Milliarden Euro Einnahmen - aus Gebühren - verfügt 2009 das ZDF und erwartet Ende des Jahres einen Überschuss von sechzehn Millionen Euro.

Heute, da RTL längst nicht mehr der Underdog ist, sondern der Platzhirsch, muss die amtierende RTL-Chefin Anke Schäferkordt die Fertigkeiten ihrer Vorgänger Thoma und Zeiler - der einstige Programmdirektor Marc Conrad gab zwischenzeitlich ein kurzes, unglückliches Gastspiel - vereinen. Sie muss das Programm in Schwung halten und tonnenweise Kohle bei Bertelsmann abliefern. Letzteres hat in den vergangenen Jahren die Oberhand gewonnen und stellt leider auch die erfreulichen Nebenbeschäftigungen wie den alljährlichen Spendenmarathon, den Aufbau einer Journalistenschule und eine Beteiligung der Mitarbeiter am Geschäftserfolg (sogar 2008 gab es für jeden eine Prämie von zweitausend Euro) in den Schatten.

Auch bei RTL muss gespart werden, wenn auch nicht so drastisch wie bei anderen in der Branche und nicht einem Investoren-Harakiri folgend, wie es die Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 erlebt, deren Anfänge ebenfalls fünfundzwanzig Jahre zurückreichen.

Einen Pocher bräuchte man

RTL muss man wenig Tipps geben, in Köln haben sie wenig Fehler gemacht. Anke Schäferkordt führt nicht bloß einen Sender, sondern die Mediengruppe RTL in Deutschland, zu welcher der Nachrichtensender n-tv, die Kanäle Vox und Super RTL und eine Beteiligung an RTL 2 gehören.

Das meiste dort läuft rund, doch hat es schon etwas zu bedeuten, wenn einem zum Programm von RTL vor allem Sendungen und Gesichter einfallen, die längst Geschichte, woanders - Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder etwa - oder immer dagewesen sind wie Peter Kloeppel, Günther Jauch und der Geschmacksvernichter Dieter Bohlen. Mehr Hape Kerkeling bräuchte RTL, Oliver Pocher und jemanden wie Stefan Raab, weniger öde Schlagercountdowns oder die Suche nach dem Supertalent, die einen Mundharmonikaspieler zum Star erklärt und nicht nur Serienabende mit „CSI“, sondern eigene, stilbildende Reihen.

Im Februar zieht RTL um, von der linksrheinischen auf die rechtsrheinische Seite von Köln. In einer Nacht, wie zu Silvester 1988, da man von Luxemburg nach Köln wechselte, wird das nicht gelingen. Doch könnte es ein Anstoß sein für - um eine Internetfloskel zu bemühen - RTL 2.0 oder RTL 3.0 - ein Kraftzentrum, das auf andere so ausstrahlt, wie es RTLplus früher tat.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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