24.04.2009 · Bernhard Grzimek war der erste Forscher, der sich nach dem Krieg mit enzyklopädischer Absicht den Tieren exotischer Regionen zuwandte. Seine Strategie war die Vermenschlichung des Tieres. Zum Hundertsten des Zoologen und Mediengenies.
Von Cord RiechelmannTendenziell verwandele sich alle Natur in einen Naturschutzpark, und so sei es bereits ein Problem geworden, den wilden Tieren auch nur den Lebensraum, „in dem sie sich nach Herzenslust ergehen können, im buchstäblichen Sinn zu retten“. Als Theodor W. Adorno in seiner im Wintersemester 1964/65 gehaltenen Vorlesung „Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit“ so auf die Lage von Natur und Tier zu sprechen kam, hatte er ein doppeltes Vorbild. Es war einmal der damalige Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek, in dessen Sprachduktus der kritische Theoretiker und Verächter der Massenmedien scheinbar unvermittelt verfällt, und es waren die Tiere selbst.
Adorno hat das so ergriffen, dass er kurz nach Ende der Vorlesung einen Brief an Grzimek schreibt. Wäre es nicht schön, fragt Adorno darin, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könnte? Er könne sich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus seiner Kindheit erinnern und wäre froh, wenn er sie wiedersehen dürfte. Dann lag ihm noch die Existenz des Babirusa, was wörtlich übersetzt Hirscheber heißt, am Herzen. Ebenfalls ein Vertrauter seiner Kindheit. Der liebenswürdig bizarre kleine Dickhäuter sei doch hoffentlich nicht schon ausgestorben auf den malaiischen Inseln, fragt Adorno und wünscht sich auch den Babirusa im Frankfurter Zoo.
Enzyklopädische Absicht
In der kleinen Episode um Adorno ziehen sich Intention, Wirkung und Methodik Grzimeks paradigmatisch zusammen. Grzimek, der am 24. April 1909 in Neisse im heutigen Polen geboren wurde und am 13. März 1987 in Frankfurt starb, war der erste Tierforscher, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit im besten Sinn enzyklopädischer Absicht den Tieren exotischer Regionen zuwandte. Sein erstes Ziel war dabei Afrika, das seine lebenslange Passion blieb. Dort, im Ngorongoro-Krater im Norden Tansanias, liegt er neben seinem Sohn Michael begraben.
Grzimek war bereits auf seinen ersten Reisen in den fünfziger Jahren in die wildreichen Gegenden Ostafrikas nicht entgangen, dass der Platz für die wilden Tiere schwindet. Das hatte nicht nur mit dem kolonialistischen Erbe, das sich in einer hemmungslos betriebenen Großwildjagd austobte, zu tun. Die Vernichtung der Lebensräume der Tiere hatte für Grzimek seine Ursache auch in einer allgemeinen Ignoranz gegenüber den Tieren, die bis in die Wissenschaften hineinreichte, die er selbst betrieb: die Veterinärmedizin und die Biologie.
Anfangs wurde er verlacht
Als Grzimek 1954 an seinem Buch „Kein Platz für Tiere“ schrieb, in dem er seine Erfahrungen aus seinen afrikanischen Exkursionen, deren Anlass der Fang von Wildtieren für den Frankfurter Zoo war, wurde er allgemein für das abseitige Thema verlacht. Noch zehn Jahre später, nachdem „Kein Platz für Tiere“ zu seinem ersten internationalen Bucherfolg geworden war, beschieden die meisten Verleger – bei denen er vorsprach, um ein Sammelwerk über die Tierwelt nach Vorbild von „Brehms Tierleben“ anzubieten –, Grzimek abwiegelnd mit dem Hinweis, dass die „Menschen sich für Autos und Flugzeuge, aber nicht mehr für Luchse und Elefanten interessieren“ würden. Wie falsch sie damit lagen, weiß heute jeder, der die dreizehn Bände von „Grzimeks Tierleben“ oder die fünf 1987 postum erschienenen Bände von „Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere“ im Regal stehen hat. Alle Sammelbände waren ein Erfolg, der sich wesentlich auch dem Mut des Verlegers Helmut Kindler verdankt.
Um nachzuvollziehen, wie Grzimek dachte und arbeitete, muss man sich nur den zweiten Band der Enzyklopädie der Säugetiere, in dem die Primaten behandelt werden, ansehen. Grzimek versammelt darin Originaltexte von Jane Goodall und Dian Fossey, jenen Primatologinnen, die den Blick auf freilebende Schimpansen und Gorillas erst freigelegt haben, neben eigenen Erzählungen von Schimpansen im Zoo und deren Auswilderungsversuchen.
Natur war für ihn auch Geschichte
Grzimek hat das Verhältnis von Freiland und Zoo immer als ein dialektisches verstanden. Studien an freilebenden Tieren helfen, das Verhalten auch von Zootieren besser zu verstehen und ihnen angemessene Haltungsbedingungen zu bieten. Und umgekehrt liefert der Zoo auch die Möglichkeit, im Freiland in Bedrängnis geratenen Tieren Bedingungen der Erhaltung ihrer Art zu schaffen, um sie dann eventuell auch wieder in die Freiheit zu entlassen und damit zu retten. Grzimek war aber vollkommen klar, dass die Natur unter den veränderten ökonomischen und politischen Bedingungen der Industriegesellschaften nicht einfach als etwas Konstantes restauriert oder konserviert werden kann. Natur war für ihn auch Geschichte, die zu retten nur mit und nicht gegen die Menschen zu erreichen war. Das hatte ihn nicht nur sein Engagement für den Frankfurter Zoo nach dem Ende des Krieges gelehrt, den die Alliierten ursprünglich abschaffen und nicht wieder aufbauen wollten.
Grzimek, der 1933 mit einer Arbeit über „das Arteriensystem des Halses und Kopfes, der Vorder- und Hintergliedmaße von Gallus domesticus“, des Haushuhns, in Berlin promovierte, war ein ausgewiesener Spezialist für Geflügelkrankheiten und Mitarbeiter des Reichernährungsministeriums. Nebenbei verfasste er Studien zum Verhalten von Tieren, die er in der „Zeitschrift für Tierpsychologie“ veröffentlichte, dem damals angesehensten Publikationsorgan für Verhaltensbiologen. Ein späterer Nachhall dieses Forschungsinteresses war seine Verdammung der Käfighaltung von Hühnern in seiner vom Hessischen Rundfunk produzierten Sendung „Ein Platz für Tiere“.
Ein Platz im Herzen der Menschen
Dass Hühner Auslauf und einen Boden brauchen, auf dem sie sich nach Herzenslust ergehen und mit den Füßen scharren können, wenn ihnen danach ist, war der Kern von Grzimeks, wie man heute sagen würde, materialistisch-pragmatischer Natursicht. Um das in die Köpfe der Menschen hineinzubekommen, muss man den Tieren aber erst einmal einen Platz im Herzen der Menschen eröffnen.
„Ein Platz für Tiere“, zuerst am 28. Oktober 1956 ausgestrahlt, schaffte es bei Einschaltquoten von manchmal siebzig Prozent in jeder Sendung, dem Zuschauer klarzumachen, dass noch der bedrohlich unter seiner Mähne brüllende Löwe eigentlich etwas komplett Vertrautes ist. Ein Mensch wie du und ich sozusagen. Noch im entlegensten Tümpel in der Serengeti fand Grzimek einen Frosch, der sich so verhielt wie wir auch – oder jedenfalls ähnlich. Mit der Vermenschlichung des Tieres schaffte er es, den Tieren tatsächlich wieder einen Platz zu sichern. Das drückte sich nicht nur in den Spendenmillionen aus, die er bekam. Grzimek hat auch maßgeblich dazu beigetragen, die Gründung von Nationalparks in Afrika voranzutreiben.
Grzimek weiterführen
Auch dabei half ihm sein Mediengenie. Für den Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ erhielt er 1960 einen Oscar. Der Film war für Grzimek aber nicht nur der glänzende Erfolg, der zum Modell für fast alle Tierfilme in den sechziger und siebziger Jahren wurde, die sich um die Rettung der Natur bemühten. Für Grzimek waren die Dreharbeiten, bei denen sein geliebter Sohn Michael bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, tragisch, und der Inhalt führte ihn an die Grenzen der Vermenschlichung seiner Objekte.
Er hatte das Familienleben der Löwen darin als geradezu vorbildlich fürsorglich geschildert und den Menschen als Vorbild empfohlen. Das erwies sich als Unfug. Löwen wurden in der Folge, weil es unter ihnen häufig zu Kindstötungen kommt, wenn der die Gruppe anführende männliche Mähnenlöwe von einem jüngeren und stärkeren abgelöst und vertrieben wird, zu einem Paradebeispiel für soziobiologische Theorien. Aber das ist kein Einwand gegen Grzimeks Lebensleistung. Es ist nur der Hinweis darauf, den nächsten Schritt zu tun und, gerade so wie er den Brehm, jetzt Grzimek weiterzuführen.