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150. Geburtstag von Max Planck Der Revolutionär wider Willen

09.04.2008 ·  Sein Physikprofessor erklärte ihm, dass es in der klassischen Physik nichts Neues zu entdecken gebe. Dann erfand Max Planck die Quantentheorie und hob mit ihr das Weltbild aus den Angeln. Zu seinem 150. Geburtstag porträtiert ihn 3sat als musischen und religiösen Revolutionär.

Von Manfred Lindinger
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Als Max Planck am 14. Dezember 1900 vor die Physikalische Gesellschaft in Berlin trat, ahnte niemand, am wenigsten wohl der Vortragende selbst, dass er mit seinen theoretischen Überlegungen zum Strahlungsverhalten glühender Körper das bislang gültige physikalische Weltbild radikal verändern würde. Planck hatte bei seinen Berechnungen eine Konstante, das sogenannte Wirkungsquantum h, eingeführt, um die experimentellen Daten, „koste es, was es wolle“, richtig beschreiben zu können. Das bedeutete, dass Strahlungsenergie nicht kontinuierlich, sondern nur in Portionen, in Quanten, aufgenommen oder abgegeben wird - eine aus der damaligen Sicht völlig unsinnige Annahme. Die Energieportionen sind dabei Vielfache einer Konstanten, des Wirkungsquantums h. Planck, der als Vater der Quantentheorie gilt, war sich der Bedeutung seiner Entdeckung lange nicht bewusst.

Aus Anlass des hundertfünfzigsten Geburtstags am 23. April zeigt 3sat heute ein Porträt des großen deutschen Universalgelehrten und sendet an den folgenden Tagen vier Dokumentationen, die sich der aktuellen Bedeutung und der modernen Interpretation der Quantenphysik widmen, deren Aussagen der Alltagserfahrung zu widersprechen scheinen. Zudem wird jenen Forschern nachgespürt, die in der Tradition Plancks stehen, da ihre jüngsten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Hirnforschung und der Kosmologie zu einem neuen Weltbild führen könnten.

Der melancholische Umstürzler

Wer war der Mensch Max Planck, der trotz seiner Leistung nie den Bekanntheitsgrad eines Albert Einstein erlangt hat? Und warum sollte gerade ihm, einem Anhänger des Kaisers und der klassischen Physik, die Rolle eines Revolutionärs zukommen? Der Filmemacher Jürgen Miermeister geht in seinem Porträt-Essay „Max Planck: Umsturz mit Melancholie“ diesen Fragen nach und versucht, die Persönlichkeit hinter dem Wissenschaftler Planck aufzuzeigen. Rasch wird deutlich, dass es zwei Plancks gab. Den erfolgreichen, international geschätzten Forscher und Wissenschaftsorganisator, der die namhaften Physiker der damaligen Zeit um sich versammelte, wodurch Berlin zu einem Mekka der Physik wurde. Daneben den privaten Planck, einen bescheidenen, tief religiösen und konservativ-aristokratischen Menschen, der beim Musizieren mit Freunden und Kollegen zu Hause unweit des Grunewaldsees in der Wangenheimstraße gerne den Taktstock führte.

Wenig bekannt dürften die Schicksalsschläge sein, die seine Familie heimsuchten und über die Planck in der Öffentlichkeit so gut wie nie sprach: Seine Frau Marie stirbt 1909 nach zweiundzwanzig Ehejahren, sein erster Sohn Karl fällt 1916 im Ersten Weltkrieg, seine Zwillingstöchter Grete und Emma sterben 1917 und 1919 bei der Geburt ihrer ersten Kinder. Ein weiterer Schlag war für Max Planck die Hinrichtung seines Sohnes Erwin Anfang 1945 - er gehörte zum Kreis derer, die das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 vorbereitet hatten. Es ist nur schwer vorstellbar, was dieser Mann damals gelitten haben muss, der einer der führenden wissenschaftlichen Köpfe in Deutschland war. Sein Trost seien für ihn die Musik, Gott und die Physik gewesen, wie er selbst sagte.

Gratwanderung durch den Nationalsozialismus

Ausführlich kommen in historischen Ton- und Filmdokumenten einige seiner damaligen Kollegen zu Wort. Lise Meitner und Otto Hahn, die zusammen die Kernspaltung entdeckten, sowie Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, die maßgeblich an der Ausgestaltung und Interpretation der Quantenphysik mitgewirkt haben, sprechen über ihre erste Begegnung mit Planck und den Eindruck, den er hinterließ. Die Freundschaft mit Albert Einstein, dem Vater der Relativitätstheorie, den Planck 1913 nach Berlin holte, wo er bis zu seiner Emigration nach Amerika 1933 der Quantentheorie zum Durchbruch verhelfen sollte, wird anhand von Film- und Tonaufnahmen beschrieben. Einstein, noch Beamter im Patentamt Bern, erkannte als Erster die Bedeutung der Ideen Plancks - früher als dieser selbst.

Von 1930 bis 1937 war Planck Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und musste erleben, wie jüdische Freunde und Kollegen unter der Naziherrschaft litten und Hunderte von Wissenschaftlern, darunter Einstein, Deutschland verließen. Planck versucht in dieser Zeit die Gratwanderung. Er vermeidet einerseits zu viel Kritik an den Machthabern, andererseits ist er bemüht, die Härten gegenüber jüdischen Wissenschaftlern abzumildern. Hochbetagt erklärt sich Planck 1945 noch einmal bereit, Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu werden, und sichert mit seinem internationalen Ruf das Fortbestehen der Organisation nach dem Krieg, die fortan Max-Planck-Gesellschaft heißen sollte.

Nichts neues zu entdecken?

Das Glanzstück dieser Materialsammlung ist ein längeres Interview, in dem Max Planck für das Filmarchiv am 15. Dezember 1942 über sein Leben und Wirken spricht. Weil er sich nicht entsprechend vorbereiten konnte, bittet er darum, doch seine Ausführungen „als einen Versuch zu nehmen, mich zu äußern, damit etwas von mir überbleibt“. Damals konnte er nicht ahnen, dass zwei Jahre später sämtliche persönlichen Briefe und Tagebücher einem Luftangriff zum Opfer fallen sollten und nichts „Essentielles“ übrig bleiben würde, was das Filmdokument umso wertvoller macht.

Das Interview zieht sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation. Planck äußert sich über die Herkunft seiner Eltern und seine eigenen Wurzeln, er erzählt von einer kuriosen Begegnung mit der deutschen Kaiserin und über seinen Physikprofessor Philipp von Jolly in München, der dem jungen Studenten abriet, theoretischer Physiker zu werden, da „es hier nichts prinzipiell Neues zu entdecken gäbe“. Überraschend ist die Klarheit, mit der Planck in dem Interview die Bedeutung seiner Entdeckung auch für Laien verständlich erklärt.

Projektionsfläche der Forschungspolitik

Prominenter und zugleich einziger aktueller Interviewpartner von Miermeister ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auf dem Gebiet der theoretischen Quantenchemie promovierte und aus einem gewissen Abstand heraus über die Bedeutung von Max Planck und die Quantentheorie für ihre früheren Forschungen berichtet. Als Frau Merkel nicht als ehemalige Wissenschaftlerin spricht, sondern als Kanzlerin, droht der ansonsten gelungenen und sehenswerten Dokumentation der Bruch. Max Planck wird plötzlich zur Projektionsfläche von Elitenförderung und Exzellenzinitiative der Bildungs- und Forschungspolitik der Bundesregierung - eine Rolle, die Max Planck sicherlich abgelehnt hätte.

„Max Planck: Umsturz mit Melancholie“ läuft heute um 21.15 Uhr bei 3sat. Um 22.25 Uhr ist nano extra: Max Planck - Die körnige Welt zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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