20.02.2009 · Genie und Genießer, Künstler und Spießer, Musiker und Dichter, Schauspieler und Komiker: Heute vor hundert Jahren wurde Heinz Erhardt geboren - der Mann, der das Kotelett mit Hamlet zum Hammelkotelett kreuzte.
Von Jörg ThomannTrost und Erbauung gefällig in dieser schweren Zeit? Wir schlagen nach bei Erhardt. Nicht bei Ludwig Erhard, der momentan gar nicht gefragt ist, sondern beim heute vor hundert Jahren in Riga geborenen Heinz, dem sozialen Spaßwirtschaftler. „Das hat man nun davon“ heißt ein Schwank von 1969, der im Finanzministerium spielt. Erhardt als Beamter Willi Winzig droht seine Pension zu verlieren, weil er aus Mitleid Mahnungen nicht abschickte, und tut nun alles dafür, für unzurechnungsfähig gehalten zu werden.
Und siehe da: Auch hier ist die Rede von einer „Finanzkrise“. Es gibt einen schon bei der Vereidigung amtsmüden Minister, der nur aus parteipolitischen Gründen sein Amt antrat. Als ein Bankenchef anruft, nennt Erhardt ihn – prophetisch? – „alter Gauner“. Mit dem Satz „Der Staat muss da helfen, wo Not am Mann ist“ bewilligt Winzig großzügige Zahlungen. Trotzdem wird er am Ende nicht für geistesgestört erklärt, sondern zum Finanzminister ernannt.
Waschechter Wohlstandsbauch
Jemand spielt verrückt, und keiner merkt es: Das kommt uns Heutigen bekannt vor. Zerstreuung gesucht, Zeitkritik bekommen: Das hat man nun davon. Schönen Dank auch. Allerdings: Was wusste denn Erhardt von der Krise! Als seine Karriere in Gang kam, war es im Land doch stetig aufwärts- und der Komiker selbst zusehends auseinandergegangen. Wo heute kalorienreiche Scherzkekse wie Cindy aus Marzahn ihre Körperfülle glaubhaft als Hartz-IV-Wanst verkaufen, stellte Erhardt einen waschechten Wohlstandsbauch zur Schau.
Kein verhärmter Sonderling wie Karl Valentin, sondern ein gestandenes Biedermannsbild aus der Mitte der Nachkriegsgesellschaft, für viele quasi Mitglied der Familie. Erhardt erinnerte an den kauzigen Onkel, der sich beim Familienfest vom Ledersofa hinterm Nierentisch erhebt und, linkisch und leicht angeschickert, ein paar bunte Nummern „zum Allerbesten“ gibt. Doch wo der Oheim daheim meist peinliches Schweigen erntet, sorgt Erhardt, der Onkel der Nation, für befreites Lachen. Seine luftig-heiteren Reime sind akribisch erarbeitet, jeder Verhaspler wohlkalkuliert, jedes blöde Lachen so gezielt eingesetzt wie das vom Volksmund verschlungene „Was bin ich wieder für ein Schelm“.
Scharfrichter? Sanftdichter!
Bezeichnete der Begriff einst einen Scharfrichter, so war Erhardt ein Schelm der neueren Art. Ein Sanftdichter, der mit unschuldigem Singsang von Kühen kündete und Maden adelte. Der sich mit dramatischem Vortrag in den Reimrausch hineinsteigerte, um mit beiläufiger Pointe auszubrechen: „Hätte man sämtliche Berge der ganzen Welt / zusammengetragen und übereinandergestellt / und wäre zu Füßen dieses Massivs / ein riesiges Meer, ein breites und tiefs. / Und stürzte nun unter Donnern und Blitzen / der Berg in dieses Meer ... na, das würd’ spritzen.“
Die Fallhöhe stimmte bei Erhardt, der Genuss- wie Geistesmensch war und das Kotelett mit dem Hamlet zum Hammelkotelett kreuzte: ein Bildungskleinbürger mit Sinn für Un- und Hintersinn. Öffentlich stets gut gelaunt, nie politisch, nie verletzend und doch nicht so harmlos, wie sein braves Äußeres oder seine betulichen Filmkomödien suggerierten. „Kinder haben es so leicht, / haben keine Sorgen, / denken nur, was mach ich jetzt, / denken nicht an morgen“, begann er beschwingt ein Gedicht, um es düster ausklingen zu lassen: „Kinder haben es so schwer, / müssen Händchen geben, / und auf dieser blöden Welt / noch so lange leben.“ Heinz Erhardt, hat sein Sohn Gero gesagt, sei privat ein „sehr ernsthafter Mensch“ gewesen – und „absolut konservativ“.
Ein Kind seiner Zeit
Erhardt war Kind seiner Zeit, ein Künstler und auch ein Spießer; keiner mit hässlicher Fratze wie bei Polt, sondern mit sonniger Miene. Ein soeben im Edel Verlag erschienenes „Earbook“ (Fotoband mit drei CDs) zeigt Auszüge aus den neunzehn Alben, in denen Erhardt Briefe, Fotos, Programmhefte und Kritiken penibel dokumentierte – Lobesworte, die ihn freuten, unterstrichen. Wir lesen, wie er über die Mondlandung staunte, dass er sich den Wecker stellte, um den nächtlichen Boxkampf Frazier gegen Clay zu erleben, und dass er moderne Schriftsteller für „langhaarige, bärtige, verlauste, humorlose, haschischrauchende Idioten“ hielt; auf der Bühne gab er sich subtiler.
Er ahne, notierte der gesundheitlich angeschlagene Erhardt 1971, dass dieses neunzehnte Album sein letztes werde. Im selben Jahr erlitt er einen Schlaganfall, der sein wichtigstes Werkzeug, sein Sprachzentrum, beschädigte. Die stummen Jahre bis zu seinem Tod 1979 müssen jenen Heinrich Heines in seiner Matratzengruft gleichgekommen sein. Heinz Erhardts Urangst jedoch, alsbald vergessen zu werden, hat sich als unbegründet erwiesen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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