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Medien Rezept für Blockbuster

16.03.2004 ·  Mel Gibsons Jesusfilm füllt die Kinos. Solche Kassenknüller entstehen nicht zufällig - sie werden gemacht. Am kommenden Donnerstag läuft der Film in den deutschen Lichtspielhäusern an.

Von Thiemo Heeg
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Die Chancen stehen bestens. In Amerika hat "Die Passion Christi" bereits rekordverdächtige Summen eingespielt. Binnen zwölf Tagen ließen die Zuschauer 212 Millionen Dollar an den Kinokassen. Und am kommenden Donnerstag läuft der Jesus-Film von Mel Gibson in den deutschen Lichtspielhäusern an. Alleine der Hype in den Vereinigten Staaten dürfte auch hierzulande den Erfolg garantieren: "Schon wegen des gewaltigen Presseechos wollen die Menschen mitreden und darum den Film unbedingt sehen", prognostiziert Cinestar/Ufa-Sprecher Jan Oesterlin.

Richtig - genau darum geht es. Den Gibson-Film machte nicht seine Story zum weltweiten Gesprächsthema. Nicht die Schauspieler. Nicht elf Oscars. Vielmehr waren es Antisemitismus-Vorwürfe, Gewaltdebatten und eine im Kino sterbende Zuschauerin. Seitdem wird Mel Gibson von Talkshow zu Talkshow durchgereicht. Der bis dato unbekannte Hauptdarsteller Jim Caviezel geht aus Furcht vor Anschlägen nicht mehr ohne Leibwächter auf die Straße.

Überbordende Publicity ist unabdingbar

Eine dermaßen überbordende Publicity ist unabdingbar für Produzenten, die auf einen "Blockbuster" aus sind. Darunter versteht man in Amerika finanziell erfolgreiche Filme, die wenigstens 100 Millionen Dollar an den Kinokassen einbringen. Der bluttriefende Streifen um die Leiden Jesu am Kreuz hat diese Latte längst genommen.

Erwartet hatten das nur die wenigsten Beobachter. Viele sagten der "Passion" ein grandioses Floppen voraus. Es wäre nicht das erste Mal, daß ein Hollywood-Star mit einem Multi-Millionen-Budget auf die Nase gefallen wäre. In Erinnerung bleibt Kevin Costner, der in den 90er Jahren nach dem Erfolg von "Der mit dem Wolf tanzt" mit "Waterworld" ein gigantisches Kassengift produzierte.

Marketingkosten von 60 bis 70 Millionen Dollar

Trotz aller Unwägbarkeiten: Kassenknüller entstehen nicht zufällig, sie werden gemacht - und als Voraussetzung gilt eine generalstabsmäßige Planung. "Bei ,Pearl Harbor' gab es eine langgezogene Presse- und Promotion-Kampagne", erinnert sich der Berliner Produzent Nico Hofmann an den Filmhit des Jahres 2001. Schätzungen zufolge sollen sich die Marketingkosten für das Kriegsdrama auf 60 bis 70 Millionen Dollar belaufen haben. Alleine die Premiere auf einem Flugzeugträger auf Hawaii mit 2000 Gästen beziffern Experten mit fünf Millionen Dollar.

Hofmann, der früher in Kinofilmen wie "Solo für Klarinette" Regie führte und sich inzwischen als Fernsehproduzent einen Namen gemacht hat, ist von der amerikanischen Vermarktungsmaschinerie begeistert - und etablierte sie zum Mißfallen von Konkurrenten und Kritikern auch in Deutschland. Für seinen "Stauffenberg"-Film organisierte er nicht weniger als 35 Pressevorführungen. Das Medienecho verfehlte seine Wirkung nicht: Mit 7,6 Millionen Zuschauern erreichte der Film über den Hitler-Attentäter die Superquote von 22,7 Prozent.

Timing muß stimmen - warten auf die Fastenzeit

Nun können ein Film und dessen Marketingbegleitung noch so perfekt sein - ohne richtiges Timing kein Kassenknüller. "Paßt der Stoff in die Zeit?" fragen sich erfolgsbewußte Produzenten. Bei Filmen wie der "Passion Christi" ist die Antwort einfach. Da heißt es: warten bis zur Fastenzeit, auch wenn die Produktion schon Monate vorher abgeschlossen ist. An Weihnachten will sich niemand mit dem Sterben Christi auseinandersetzen. Stets beliebt sind zudem runde Zahlen. Sowohl bei "Stauffenberg" wie auch bei "Pearl Harbor" stand der 60. Jahrestag an.

Dann hängt noch vieles von der Konkurrenz ab. Die "Passion" sollte ursprünglich am Gründonnerstag starten. Zu spät, um vom aktuellen Rummel zu profitieren. Also zog Verleiher Constantin den Start einfach vor. Auch der Gewinner des Goldenen Bären, "Gegen die Wand", läuft angesichts der renditefördernden Diskussion um die Vergangenheit der Hauptdarstellerin früher als geplant in den Kinos an. Zum Ärger konkurrierender Verleiher: Die sprechen von einem "rücksichtslosen Vorgehen". "Wo sich Elefanten setzen, sterben Schmetterlinge aus", titelte eine Zeitung.

Markttest nach dem Dreh, dann der Nachdreh

Um überhaupt zum "Elefanten" zu werden, empfiehlt sich nach dem Dreh ein Markttest. Fachleute sprechen von "Screening": Testbesucher müssen nach einem Film Fragen beantworten wie: Welche Szenen haben am besten gefallen? Gab es Szenen, die verwirrten? Aus den Antworten ziehen die Macher durchaus Konsequenzen. Bei der "verhängnisvollen Affäre" mit Glenn Close und Michael Douglas waren die Zuschauer dagegen, daß eine Figur Selbstmord begeht. Sie plädierten für einen Mord - und so wurde nachgedreht.

Ob sich ähnliches bei der "Passion Christi" ereignete, ist nicht überliefert. In jedem Fall hielt sich Regisseur Gibson an die Steven Spielberg zugeschriebene Erfolgsformel: Jede Filmgeschichte muß in wenigen Worten erzählbar sein, 30 sind das Maximum. Das gilt wohl für den Jesus-Film, und da machte es schließlich auch nichts, daß der einstige Actionheld gegen eine ungeschriebene Regel Hollywoods verstieß. Dort gelten diejenigen Produzenten als töricht, die ihr eigenes Geld in Filmprojekte einbringen. Genau das aber tat "Mad Max" Gibson. Er finanzierte die "Passion" mit 30 Millionen Dollar aus der Privatschatulle. Kein schlechtes Geschäft: Nach dem ersten Kinowochenende war die vierfache Summe der Produktionskosten wieder eingespielt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2004, Nr. 11 / Seite 38
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