19.06.2003 · Weil sie kein Geld zahlen dürfen, lassen sich Amerikas Sender für das erste Interview mit Jessica Lynch sämtliche Lockmittel einfallen. Es drohen Exzesse der Cross-Promotion.
Von Heike Hupertz, New YorkEs war die perfekte Nachricht im kritischsten Moment des jüngsten Irak-Krieges. Noch in der Nacht des 1. April trat Brigadegeneral Vincent Brooks zum Pressebriefing an und informierte über die dramatische Rettung der Gefreiten Jessica Lynch, die bei Nassirija mit anderen Soldaten eine falsche Abzweigung genommen hatte, von irakischen Truppen überfallen wurde, heldenhaft kämpfte und schwer verwundet wurde. In einer buchstäblich filmreifen - und gefilmten - Nacht-und- Nebel-Aktion war die Kriegsgefangene von amerikanischen Spezialkräften unter heftigem Feuergefecht befreit worden. Brooks sprach von den "feinsten Kriegern" der amerikanischen Armee, deren Mission es sei, "niemals einen Kameraden zurückzulassen".
Wie praktisch: Die erste erfolgreiche Rettungsaktion einer amerikanischen Kriegsgefangenen - einer modernen Johanna von Orléans - seit dem Zweiten Weltkrieg brachte ihre spannende inszenatorische Aufbereitung gleich selbst mit. Dazu kam, daß sich die Heldin der Geschichte wegen einer Amnesie an nichts erinnern konnte. Aus unzähligen Hollywoodfilmen ist bekannt, daß der durch Schock ausgelöste Gedächtnisverlust meistens nur temporär ist. Diese Gruselgeschichte versprach, eine lukrative Story in Fortsetzungen zu werden. Nicht zufällig war ausgerechnet die erfundene Reportage aus Lynchs Wohnort Palestine, West Virginia, der erste Nagel zum beruflichen Sarg des phantasiereichen und skrupelarmen ehemaligen "New York Times"-Reporters Jayson Blair.
„sogenanntes Krankenhaus“ war gute Klinik
Doch schon bald meldete nicht nur eine kritische BBC-Dokumentation Zweifel an der offiziösen Version der Rettungsmission an. Das "sogenannte Krankenhaus" (Donald Rumsfeld) schien eine der besten irakischen Kliniken zu sein, die behandelnden Ärzte hatten an der Verwundeten nach eigenem Bekunden keine Schußverletzungen und bei neurologischen Untersuchungen auch keine Anzeichen von Amnesie feststellen können. Die Geschichte der tapferen jugendlichen Löwin, die nun im amerikanischen Militärhospital gesundgepflegt wird, war vielleicht zu schön, um wahr zu sein.
Während das Pentagon nun eine - schon im Vorfeld umstrittene - Untersuchung angeordnet hat und die irakischen Mediziner auch in deutschen Medien ausführlich die Gelegenheit zur Stellungnahme genutzt haben, fehlte im Chor der Stimmen bisher eine, die wichtigste, gänzlich. Jessica Lynch ist, im Medienjargon gesprochen, "the get". Der Sender, der das erste Gespräch möglichst exklusiv mit ihr führt, kann mit Rekordeinschaltquoten rechnen. Weil für Interviews aus Prinzip kein Geld fließt, lassen sich die amerikanischen Kerners und Beckmanns von jeher andere Lockmittel einfallen. Diane Sawyer (ABC) schickte der Gefreiten Lynch nach einem Bericht der "New York Times" unlängst ein Medaillon mit dem Foto ihres Elternhauses ans Krankenbett. Jane Clayson (CBS) schrieb der Genesenden einen rührenden Geburtstagsbrief, in dem vom gemeinsamen Sternzeichen Stier nicht wenig die Rede war.
Vermarktungspaket Lynch
Im Kampf um die Quote hat CBS News jetzt einen Vorstoß unternommen, der die bisherigen Versuche, sentimental auf Private Lynch einzuwirken, wie Kindergartenspiele aussehen läßt. Der Sender versucht, aus der Vermarktung der Soldatin ein konsolidiertes Paket zu schnüren, bei dem zwar kein Geld für das gewünschte Interview, gleichwohl aber für eine ganze Zahl von Nebengeschäften fließen soll. Das Zauberwort heißt Synergie, und zu Hilfe eilt dem Sender der multimediale Mutterkonzern Viacom. In einem Brief an Jessica Lynch, den die amerikanische Presse in Auszügen zitiert, entwirft die Nachrichtenabteilung ein detailliertes Szenario.
Wird das Interview exklusiv gewährt, soll eine zweistündige Dokumentation mit dem Titel "Saving Private Lynch" begleitend erstellt werden, in der auch Präsident Bush und der irakische Informant, ebenfalls ein Held, zu Wort kämen. Extensiv beworben würden beide Sendungen in den "CBS Evening News" mit Dan Rather, im Morgenmagazin "Early Show" und im CBS-News-Radio. Der Musiksender MTV plant eine zielgruppengerechte Adoleszenzgeschichte; eine Spezialausgabe seiner Sendung "Total Request Live" könnte zusätzlich ein Musikkonzert aus Palestine übertragen, bei dem sowohl Jessica Lynch als auch zeitgenössische R&B-Stars wie Ashanti oder JaRule die Attraktion wären. Ferner könne man sich eine einstündige Sondersendung bei MTV2 mit der Gefreiten und ihren Freunden als Moderatoren gut vorstellen. Und wie wäre es im übrigen mit einem Country-Musik-Festival aus ihrem Heimatort, möglicherweise mit dem Star Brad Paisley, im Kabelfernsehen? Erschöpft ist die Liste mit ihren multiplen Unterhaltungsmöglichkeiten damit noch immer nicht: Ein Fernsehfilm nach dem Vorbild der Erfolgsserie "JAG" und ein Buchvertrag mit dem Verlag Simon & Schuster vervollständigen das Angebot.
Obgleich CBS abwiegelnd nur von Möglichkeiten der Zusammenarbeit spricht, sind Medienbeobachter alarmiert. Bisher kannte man solche Exzesse der Cross-Promotion nur aus den Unterhaltungszweigen der Medienkonzerne. Daß jetzt gerade die namhafte Nachrichtenabteilung des seriösen Senders CBS zum Vorreiter in Sachen "Infotainment"-Synergien wird, erscheint vielen unglaublich.