31.05.2002 · In zahlreichen Kommentaren widmen sich die Zeitungen der Weigerung von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", den neuen Roman von Martin Walser zu veröffentlichen.
In zahlreichen Kommentaren widmen sich die Zeitungen der Weigerung von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", den neuen Roman von Martin Walser zu veröffentlichen.
„Financial Times Deutschland“ (Hamburg)
„Es hätte so lautlos über die Bühne gehen können: Ein Autor schreibt einen Roman, schickt ihn zum Vorabdruck an die 'Frankfurter Allgemeine' und erhält wenige Wochen später eine Absage. Höflich, aber bestimmt hätte die Redaktion dem Autor mitgeteilt, sie sei nicht bereit, das Manuskript zu drucken. Ein Affront gegenüber Martin Walser, mehr nicht. Doch 'FAZ'-Herausgeber Frank Schirrmacher, Spezialist für mediale Inszenierungen, wählte eine spektakulärere Abfuhr. [...]
Damit erreicht die Antisemitismus-Debatte, die sich bislang vor allem an den fragwürdigen Äußerungen des FDP-Vize abarbeitete, eine neue Qualität. Blamiert hat sich allerdings nicht Martin Walser, wie umstritten er auch sein mag; blamiert haben sich vor allem 'FAZ' und jene, die jetzt fast reflexartig mit dem Antisemitismusverdacht aufwarten: CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer etwa, der die deutschen Künstler aufforderte, 'auf Wortwahl und Formulierungen zu achten, sodass Missverständnisse gar nicht möglich sind'. Oder das Berliner Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus, das gestern 'eine beispiellose Verhöhnung der Holocaust-Überlebenden' anprangerte. Wie berechtigt die Angst vor einer Renaissance braunen Gedankenguts aus deren Sicht auch sein mag - solche allzu voreiligen Äußerungen sind eher dazu angetan, das Problem des Antisemitismus zu verschleiern, als es einzudämmen. Die Aufregung um das Buch, das noch gar nicht erschienen ist, demonstriert wie kaum ein anderes Ereignis, dass Deutschland mehr als fünfzig Jahre nach Kriegsende weiter einen pathologischen Umgang mit der Vergangenheit pflegt. Es wird Generationen dauern, bis sich das Verhältnis zu Israel normalisiert. [...]
Selbst wenn der Starkritiker das Vorbild für eine literarische Figur im Roman geliefert hat, zeugt der Versuch, das Buch als reine Reproduktion bloßer Fakten zu lesen, von einem beschränkten Literaturverständnis. Fatalerweise erinnert er an einen der größten Literaturskandale der Bundesrepublik. 1966 wurde der Roman 'Mephisto', den Klaus Mann 1936 im Exil geschrieben hatte, wegen Ähnlichkeiten der Hauptfigur Hendrik Höfgen mit dem Schauspieler Gustaf Gründgens gerichtlich verboten - ein Verdikt, das das Bundesverfassungsgericht 1971 bestätigte. Gründgens hatte unter den Nazis Karriere gemacht. Die Figur Höfgen, so die Richter, stelle eine 'Beleidigung, Verächtlichmachung und Verunglimpfung von Gründgens' dar. Die Allgemeinheit sei nicht daran interessiert, 'ein falsches Bild über die Theaterverhältnisse nach 1933 aus der Sicht eines Emigranten zu erhalten'. Erst zehn Jahre später setzte sich Rowohlt über das Verbot hinweg. Klaus Mann hatte den Proteststurm wohl kommen sehen. Mit der Vorbemerkung, es hätte ihm nicht daran gelegen, 'die Geschichte eines bestimmten Menschen zu erzählen', wehrte er sich schon beim Erscheinen seines Romans gegen die Lesart, er betreibe eine private Auseinandersetzung mit seinem Schwager Gründgens. Vergebens. Martin Walser hat in seinem Roman auf ein derartiges Vorwort verzichtet. Doch selbst wenn der Autor ein solches geschrieben hätte - die einmalige Gelegenheit, sich in der Debatte zu profilieren, hätte sich Frank Schirrmacher wohl auch dann nicht entgehen lassen.“
Lausitzer Rundschau aus Cottbus
„Die Vorgänge um den neuen Roman von Martin Walser 'Tod eines Kritikers', die man, da noch keiner das Buch gelesen hat, Vor-Vorgänge nennen müsste, haben nicht nur einen faden Beigeschmack, sie sind eine übelschmeckende Suppe. Wer im Osten lebt, hat wässrige Speisen nach dem gleichen Rezept oft auslöffeln müssen. Hochrangige Parteifunktionäre haben ihm erklärt, warum er bestimmte Bücher von Stefan Heym, Jurek Becker oder Reiner Kunze nicht lesen durfte und wie er Romane von Christa Wolf, Erwin Strittmatter oder Stephan Hermlin zu lesen hatte. Daran erinnert sich, wer die Auseinandersetzung um den neuen Roman liest. Ein Vor-Leser und Vor-Schreiber übt eine Art Zensur aus und vor-verurteilt einen Autor, der auf seinen natürlichen Beistand, die Leserschaft noch nicht rechnen kann, weil das Buch noch nicht vorliegt. Natürlich gibt es zu ähnlichen Vorgängen in der DDR epochale Unterschiede. Sie bestehen darin, dass dieser Kommentar erscheinen kann, der Suhrkamp Verlag für Null-Komma-Nichts eine flächendeckende PR-Kampagne organisiert bekam und Hunderttausende über den Roman diskutieren werden. Dabei mögen kritische Leser aber Argumente gegen Argumente setzen und sich Nichtleser mit Unterstellungen und verbalen Übergriffen zurückhalten. Unsere Streitkultur - nicht nur im Fall Walser - ruft laut nach Fairness und Takt.“
„Fuldaer Zeitung"
“Ist Martin Walser der Möllemann der deutschen Literatur? Wenn man die Geschütze betrachtet, die Mitherausgeber Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auffährt, ist man durchaus geneigt, die Frage zu bejahen. Aber der Angriff des ehemaligen Walser-Laudators Schirrmacher - ein Angriff übrigens, der selbst einer Exekution ziemlich nahe kommt - hat eine entscheidende Schwäche: Er ist nicht überprüfbar, da das Buch noch gar nicht erhältlich ist. Große Resonanz wird mit Sicherheit auch der neue Walser-Roman erfahren, und die Debatte darüber wird erneut laut und langwierig sein. Es steht allerdings zu befürchten, dass man das Buch kaum noch vorurteilsfrei wird lesen können. Wenn dies die Folge sein sollte, hat Walser gesagt, dann hat Schirrmacher das literarische Klima in dieser Republik für einige Zeit verdorben. Zumindest darin kann man dem Schriftsteller zum jetzigen Zeitpunkt Recht geben."
„Die Welt“ (Berlin)
„Wenn man verstehen will, was in diesem 'Literatur-Skandal' eigentlich geschieht, muss man über Inszenierung reden. Also über das tägliche Geschäft der Medien. Der Frankfurter Einspruch gegen Walser ist zeitlich optimal platziert. Die zeitliche Koinzidenz verkettet den Fall Walser mit dem Fall Möllemann. Dagegen kommt alles differenzierende Argumentieren nicht an. Vielleicht ist der so entstehende Eindruck ja gar nicht falsch. Nicht in dem Sinne, dass sich in Deutschland ein Abgrund des Antisemitismus öffnete, sondern im Sinne einer Möllemannisierung des öffentlichen Diskurses, in dem mehr und mehr ein instrumentelles Verhältnis zu Fragen der politischen Moral bestimmend wird. Das Pathos heiligen Ernstes erscheint als Maske kühl kalkulierter Interessen. Möllemann ist hier stilprägend. Walser beherrscht es meisterhaft, auf dem Weg zum Entfachen der nächsten öffentlichen Erregung die zerfurchte Miene des Schmerzensmannes zur Schau zu tragen. Und Schirrmachers donnerndes 'So nicht!' heißt übersetzt: Schaut doch bitte wieder mal nach Frankfurt.“