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Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Medien Im Geflecht der Fifa

06.06.2006 ·  In Journalisten scheint die Fifa natürliche Feinde zu sehen. Bei der „Medienfabrik“ von Bertelsmann ist das anders. Kein Wunder: Sie hat bei der Fifa die Exklusivrechte an der WM gekauft. Da macht das Vermarkten Spaß.

Von Olaf Sundermeyer
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In der Abwehr ist die Mannschaft aus Gütersloh am stärksten. Ganz hinten, in der Akzidenz-Druckerei der Medienfabrik, steht Karl-Heinz Henke an der Maschine und paßt auf, daß nichts schiefgeht. So wie er damals hinter Werner Lorant stand bei Borussia Dortmund in der Abstiegssaison 1971/72.

Beide sind dem Fußball verbunden geblieben: Lorant als Trainer in der türkischen Süper-Lig und Henke in der Truppe, die als Lizenznehmer des Fußballweltverbandes Fifa dem „deutschsprachigen Raum“ allerlei Druckerzeugnisse zur WM beschert. In Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg und auf Mallorca künden das monatlich erscheinende Fußballheft „Countdown“ oder die einmaligen „Magischen Momente“ und der „Offizielle Turnierführer“ vom Kiosk aus nun von der „Faszination des Fußballs“. Da gibt es Kopfballtricks zum Nachmachen mit dem Kapitän von Serbien-Montenegro, ein Centerfold vom Kapitän der Engländer und ein Grußwort von der Gesundheitsministerin der Deutschen, die sich als „12. Mann“ sieht. Tolle Rückblicke, weltbekannte Fotos aus der WM-Geschichte und zur WM alle Namen, alle Orte. Und alles unter dem Handelszeichen „Fifa WM 2006“, dessen Nutzungsrecht die Medienfabrik in Gütersloh 2003 über den Rechtehändler EM.TV von der Fifa erworben hat.

Bei Fußballkompetenz riefen alle „hier!“

Die Medienfabrik ist eine Agentur aus der vielköpfigen Bertelsmann-Familie, die im industriellen Ambiente einer ehemaligen Nudelfabrik bislang das Kundenmagazin der gelben Post, die RTL-geneigten Fernsehbegleithefte von „Big Brother“ und „Deutschland sucht den Superstar“ produziert hat. „Wir waren für vieles bekannt, aber nicht ansatzweise für Sport- und Fußballkompetenz. Das hat sich sicherlich geändert“, sagt Medienfabrikdirektor Stefan Postler, der aus den größten Fußballfans unter seinen 165 Mitarbeitern eine sechsköpfige „WM-Redaktion“ aufstellte. Und von denen ruft jeder einzelne „hier!“, wenn es darum geht, wer schon mal in einer Sportredaktion gesessen hat. „Westfälische Rundschau“, „Neue Westfälische“, Bonner „General-Anzeiger“ - alle vertreten, nur der Chefredakteur wurde dazugekauft.

Bernd Linnhoff trat zu einer ähnlichen Zeit vor den Ball wie Karl-Heinz Henke, für Rot-Weiß Lüdenscheid in Liga zwei. Als Journalist stieg er dann auf: Für den Sport-Informationsdienst und die Deutsche Presse-Agentur berichtete er von mehreren Weltmeisterschaften, bevor er als Kommunikationsberater die Seiten wechselte. Und nun ist er wieder bei einer WM dabei - mit einer hemmenden Stellenbeschreibung: Ihm ist klar, daß die Kooperation mit der Fifa einen allzu kritischen Blick auf das Turnier ausschließt, darin sieht er auch nicht seine Aufgabe. „Denn wir transportieren mit unseren Heften allgemein die Faszination Fußball und speziell die Faszination Weltmeisterschaft“, sagt Linnhoff nüchtern, um ein bißchen trotzig nachzulegen: „Aber wenn automatisch etwas, was nicht die kritischen Seiten beleuchtet, Event-PR ist, dann machen wir Event-PR. Aber daran glaube ich nicht, weil wir sonst keine Autoren wie Thomas Brussig oder Raphael Honigstein hätten.“

Klarkommen mit dem Fifa-Geflecht

Der Romanautor Brussig räsoniert für die WM-Redaktion über ein ostdeutsches Gefühl zum gesamtdeutschen Fußball und England-Experte Honigstein über die Premier League. Dennoch zeigt Linnhoff ein gewisses Verständnis für entsprechende Fragen: „Mit diesem Fifa-Geflecht muß man erst mal klarkommen, das ist ja heute um ein vielfaches komplizierter als früher.“ Die Sponsoren würden schließlich eine Menge Geld auf den Tisch legen, woraus die Fifa die Verpflichtung ableite, diese Marken zu schützen.

Und diesen Schutz bekommt auch der Leser zu spüren. Etwa wenn er in einem ganzseitigen Interview in „Countdown“ vom Deutschland-Chef des Automobilkonzerns Hyundai erfährt, daß „wir als Kinder mit großem Elan Fußball gespielt haben, es mich bei meinen sportlichen Aktivitäten inzwischen eher auf den Golfplatz zieht“. Da sind sie, die Zugeständnisse für die WM-Sponsoren. „Wir haben vom ,Countdown' ja zum Beispiel auch die Hyundai-Fassung, bei der die Titelfarbe auf Blau gewechselt wird“, erläutert Ansgar Büngener, der sich für die Medienfabrik um die Akquise von Produktpartnerschaften kümmert.

Westfälisches Cadenaccio

Die Liaison mit der Fifa ist vielen Kritikern zu eng. Auch der Bund Deutscher Zeitungs-Verleger (BDZV) hat sich eingemischt, weil die Medienfabrik ein Vertriebsmonopol für die WM-Stadien hat, ihre Bannmeilen und die von der Fifa lizenzierten Übertragungsplätze. Hier darf nichts auf Papier Gedrucktes die Runde machen, das nicht aus der Medienfabrik kommt. „Pressefreiheit ist auch Vertriebsfreiheit“, donnerte daher der BDZV gen Gütersloh, wo der Vorwurf, man schränke die Pressefreiheit ein, am westfälischen Cadenaccio scheiterte: „Schließlich bestimmt auch jeder Bundesligaclub selbst darüber, wer in seinem Stadion welche Druckerzeugnisse verteilt“, kontert Stefan Postler.

In den Augen vieler Beobachter hat sich seine Medienfabrik auf einen Faustischen Pakt eingelassen, um an der WM zu verdienen. Die Rolle des Teufels besetzt Fifa-Chef Joseph S. Blatter, der die totale Kontrolle über eine Sportart erzwingt. Und die Medienfabrik steht ihm zur Seite.

Das ist der feindselige Plot, vor dem Stefan Postelt und seine Redakteure, Grafiker, Drucker, Sekretärinnen und Projektanten „Event-Publikationen“ zusammentragen. Und das wohl nicht nur für diese WM: „Danach muß ja nicht Schluß sein. Wir können uns vorstellen, die Fußball- EM 2008 in Österreich und der Schweiz zu betreuen, die Handball-WM 2007 oder den America's Cup 2007“, sagt Stefan Postler. Auch die Fifa-WM in Südafrika 2010 ist ein mögliches Ziel. Chefredakteur Bernd Linnhoff war im Januar bereits in Südafrika, um sich mit dem westfälischen Trainer des südafrikanischen Rekordmeisters Kaizer Chiefs, Ernst Middendorp, zu treffen, den sie hier in Gütersloh freundschaftlich „den Ernst“ nennen.

Die meisten Hefte gehen über Sponsoren weg

Neulich war man zum Kontakten auf der Meisterfeier des FC Bayern München, „denn wir können uns auch eine Beschäftigung mit der Bundesliga vorstellen“, sagt Geschäftsführer Postler, der auch die sonstigen deutschen Fußballtitel im Auge hat. Er rechnet mit den schlechten Zahlen des hochglanzzeigefreudigen „Players“ und mit den etwas besseren der Fußballfans von den „11 Freunden“ und der Fußballrezensenten von „Rund“. „Wir sind größer als alle anderen monatlichen Fußballmagazine in Deutschland, aber weit entfernt von ,Sport-Bild' und ,Kicker'.“

„Countdown“ wird nach Angaben der Medienfabrik 110.000fach verkauft, weniger als die Hälfte am Kiosk, die meisten Hefte gehen über Hyundai und andere Sponsoren weg. Aber zufrieden ist Postler nicht. 250.000 Exemplare sollten es eigentlich sein; bislang blieb die große Fußballeuphorie aus: „Die Frage ist doch, warum es nicht mehr sind, wenn man sich mal anguckt, daß jede Woche 300.000 in die Bundesligastadien gehen und wie viele Leute Premiere sehen. Aber genau das ist die Kernfrage, die wir versuchen zu beantworten.“ Postler reizt dieses Potential. „Der Verlag, der diese Frage richtig beantworten kann, der wird auch ein erfolgreiches Magazin am Markt plazieren können.“

Vorerst allerdings kümmert sich seine Medienfabrik um die WM 2006 - schon um die Nutzungsgebühr der Lizenz wieder einzuspielen. „Wir haben mit der Fifa Vertraulichkeit vereinbart“, sagt er auf die Frage nach dem Preis. Dann kommt ein genüßliches Schweigen, das den nächsten Satz ankündigt: „Und wir sind stolz darauf, daß bis heute immer noch keiner den Preis kennt.“

Goleo-VI-Malbuch und Fifa-Monopoly-Spiel

Kein Wort über das Bieterverfahren oder mögliche Wettbewerber. Die Abwehr in Gütersloh steht, und man konzentriert sich auf die Produktion. In Arbeit ist gerade das „offizielle“ WM-Stadionmagazin, das in Hochglanz zu zehn Euro bei den Spielen unter die Leute gebracht werden soll. Mindestens die Hälfte aller Hefte wird in englischer Sprache gedruckt - für die Gäste. Türkisch war auch mal eine Idee, bis die Türkei in der Qualifikation an der Schweiz scheiterte. Für 800.000 Exemplare wurde Papier bestellt, und auch für das „offizielle“ Rückschau-Buch wurden bereits fußballprominente Autoren verpflichtet. 69 Euro soll der eingebundene Rückblick kosten. Auf der lizenzierten Bertelsmann-Liste stehen insgesamt 150 Produkte, die von verschiedenen Töchtern des Konzerns herausgebracht werden, vom offiziellen ADAC-Reiseführer über das Goleo-VI-Malbuch, den 3-D-Puzzleball bis zum Fifa-Monopoly-Spiel. Das letztere Produkt werden die Kritiker besonders naheliegend finden.

Die Medienfabrik jedenfalls hat Gefallen an den Event-Publikationen gefunden. Man möchte die Erfahrungen mit der WM auch auf andere Felder übertragen. „Wenn der Papst nach Deutschland kommt, ist das auch ein Event“, sagt Stefan Postler.

Quelle: F.A.Z., 07.06.2006, Nr. 130 / Seite 40
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