14.06.2007 · „Jauch-Kandidat nach Show gefeuert!“ So lautete die Schlagzeile von „Bild“; die Meldung wurde vielfach übernommen. Doch die Geschichte des wegen zu großer Offenherzigkeit entlassenen Bundestags-Chauffeurs war falsch.
Von Tilmann LahmeDie Kleinen feuert man, die Großen fahren weiter. Diesen Eindruck musste gewinnen, wer heute auf das Titelblatt der „Bild“-Zeitung blickte: „Jauch-Kandidat nach Show gefeuert!“ Der Aufreger: Konrad Göckel, 56 Jahre alt, Chauffeur in der Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestages, hatte bei einem Auftritt in Günther Jauchs Quiz-Sendung „Wer wird Millionär?“, die am vergangenen Freitag ausgestrahlt worden war, über die Gäste auf seiner Rückbank offen geplaudert.
Jauch wollte wissen, wie es denn um die Freundlichkeit der Politiker bestellt sei, ob es Unterschiede zwischen Höhergestellten und Hinterbänklern gebe. Die ehrliche Antwort Göckels: „Je höher, desto arroganter“. Zwar versuchte Göckel noch, seine Aussage einzuschränken, auch da gebe es Ausnahmen, aber der ungeschickte Satz war in der Welt - und die vermeintliche Folge, seine Entlassung als Fahrer wegen Indiskretion, prangte dank „Bild“ riesengroß an den Kiosken.
Die Folge: nur eine Abmahnung
Und nicht nur das: Zahlreiche Medien wie die Internetauftritte von „Spiegel“, „Welt“ und „Süddeutscher Zeitung“ übernahmen die Geschichte. Der Haken an der Sache: Göckel sei überhaupt nicht entlassen worden, erklärte der Geschäftsführer des Fuhrunternehmens RocVin, das die Fahrbereitschaft stellt, Norbert Tietke, dieser Zeitung gegenüber. Man habe lediglich mit dem Fahrer gesprochen. Dies bestätigt auch Göckel selbst. Man habe ihn auf seine Äußerung angesprochen, im Beisein des Betriebsrats. Man habe über Konsequenzen wie eine Abmahnung oder eine Suspendierung nachgedacht, auch der Begriff „Auflösungsvertrag“ sei einmal gefallen. Was folgte, sei allein eine Abmahnung gewesen. Für „Bild“ stellt sich die Sache allerdings wie folgt dar: Göckel sei entlassen worden, und zwar am Mittwoch, am Donnerstag - dem Tag der Geschichte also - sei die Entlassung zurückgenommen worden. Das aber bestreitet Göckel im Gespräch mit dieser Zeitung vehement: Es habe keinen Auflösungsvertrag gegeben.
Konrad Göckel hat der Rummel um seine Person vollkommen überfordert. Eine „Ungeschicklichkeit“ nennt er seine Äußerung im Rückblick, die Tragweite habe er kaum ermessen können. Der Musiker, der als Keyboarder mit Marius Müller-Westernhagen oder Romy Haag spielte und die Chauffeursarbeit als Broterwerb betreibt, war in Jauchs Sendung mit 8000 Euro Gewinn ausgestiegen. An der Antwort auf die Frage: Was unterteilt man in Nährgebiet und Zehrgebiet: Fischschwarm, Laubblätter, Gletscher oder weibliche Brust? hatte er sich nicht versucht, trotz des richtigen Hinweises seines Telefonjokers auf den Gletscher. „Der ist ein bisschen ein Problemfall“, hatte Jauch in der Sendung noch gescherzt, ohne eine Ahnung, wie recht er behalten sollte.
Nun pausiert Göckel zwei Wochen und wird dann, wenn Ruhe um seine Person eingekehrt ist, wieder Bundestagsabgeordnete chauffieren. Ein Gutes habe die Sache, sagt Göckel: „Die Unterstützung, die ich jetzt, speziell aus dem Bundestag erfahre, hat mein Bild von den Politikern auch ein wenig korrigiert.“