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Medien Augenblick der Wahrheit

21.10.2003 ·  Die Vereinigten Staaten sind ein engstirniger, aggressiver Gigant, der von einem inkompetenten, religiösen Präsidenten geführt wird: Wer ist schuld am eindimensionalen Amerika-Bild deutscher Medien?

Von Susanne Klingenstein, Cambridge
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Die Stipendiaten der Studienstiftung, die sich kürzlich im Forum von Harvards Kennedy School of Government einfanden, um den Erörterungen einiger Auslandskorrespondenten zum Thema "Verantwortung in den Medien" zu lauschen, wußten nicht, wie privilegiert sie waren. Youth is wasted on the young, heißt es hierzulande; und gleiches gilt für die Konfessionen ernüchterter Journalisten vor Leuten, die keine Zeitung mehr lesen. Zwei Drittel der versammelten deutschen Elite verwendet weniger als eine halbe Stunde pro Tag darauf, sich in den Medien über ein Thema zu informieren, das sie persönlich interessiert. Alex Jones, einst Europa-Korrespondent der "New York Times", jetzt Direktor des "Shorenstein Center for Press and Politics", der diese Tatsache durch eine Frage ermittelt hatte, sagte nur: "Schämen Sie sich."

Auf dem Podium saßen drei Amerika-Korrespondenten großer deutscher Zeitungen und ein Kollege vom "Boston Globe". Ihnen war die Naivität des Publikums Signal, statt über die diffizilen Probleme der Verantwortung in Krisenzeiten zu dissertieren, frei von der Leber weg über die tägliche Mühsal zu sprechen. Was dabei herauskam, war ein erstklassiges Seminar über die tiefen kulturellen Differenzen zwischen Europa und Amerika, die wohl jenen am klarsten sind, die jeden Tag in ihrer Berichterstattung über die Unterschiede hinweg die eine Welt der andern näherbringen wollen.

Zu hohe Theke

Zunächst ist da die Mühsal, gute Primärquellen aufzutun. "Amerika lebt in einer Informationsflut", sagte der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung". "Man ist als deutscher Journalist in Washington wie ein Kind in einem übervollen Süßwarenladen. Nur kaufen kann man nichts, weil die Theke zu hoch ist. Ab und zu kommt ein Erwachsener und läßt ein Bonbon fallen. Von dem zehrt man dann." Als ein neuer Büroleiter aus Rom nach Washington kam, fragte er den gedienten Korrespondenten, mit wie vielen Senatoren er denn regelmäßig Kontakt habe. Mit keinem, war die Antwort. Deutsche Leser sind für die amerikanischen Politiker nicht wichtig. Sie wählen nicht und spenden kein Geld. So ist es schwierig und zeitaufreibend für den Korrespondenten, Informationen aus erster Hand zu bekommen.

Problematischer als die zugeknöpften Politiker in Washington sind die vernagelten Köpfe zu Hause. Der Korrespondent der "Zeit" spann einen Faden fort, den Jones für ihn ausgelegt hatte, daß nämlich in einer Zeit, als die amerikanischen Medien sich geschlossen hinter den Präsidenten stellten, die europäischen, zumal die deutschen Zeitungen den Vereinigten Staaten einen kritischen Spiegel vorgehalten hätten. Aber ist das in verantwortlicher Weise geschehen? Das Amerika-Bild in den deutschen Medien ist häßlich, die öffentliche Meinung negativ voreingenommen.

Engstirnig und aggressiv

In der deutschen Presse hat sich das Bild der Vereinigten Staaten auf eine Karikatur verengt: Sie sind ein engstirniger, aggressiver Gigant, der von einem inkompetenten, religiösen Präsidenten geführt wird. Schadenfreude über die jüngsten Entwicklungen ist allenthalben zu spüren. Was als legitime Kritik an der Bush-Regierung begann, hat sich als aggressiver Antiamerikanismus festgeschrieben, dem die Korrespondenten in Washington nur schwer gegensteuern können: Die Themen werden von den Chefs in Deutschland ausgewählt.

Fünf Themen kommen immer an: der dumme Präsident, die Menschenrechtsverletzungen der Amerikaner, die dysfunktionale amerikanische Demokratie, der krasse Materialismus der Amerikaner und das Versagen der amerikanischen Medien, für die das Wort Gleichschaltung gebraucht wurde. So ist ein homogenes Amerika-Bild entstanden, das keine Schattierungen, keine Variationen zuläßt und der Vielfalt des Landes nicht gerecht wird.

Unheil dank CNN

Es wäre vielleicht besser, wenn die offizielle Landessprache in den Vereinigten Staaten künftig eine Indianersprache sei, denn das reduzierte die Anzahl der Amerika-Experten, regte einer der Korrespondenten an. CNN und das Internet, so hatte ein anderer erklärt, hätten die Aufgabe des Korrespondenten stark verändert, denn jetzt könne eine Geschichte über Amerika auch in Deutschland geschrieben werden. Und so geschieht es auch. Das Amerika-Bild, das die Medien präsentieren, ist das Bild, das zu Hause schon präsent ist.

Als guter Deutscher sei er natürlich gegen den Irak-Krieg gewesen, sagte der "Zeit-"Kollege. Aber er hätte sich doch gewünscht, daß seine Zeitung einmal auf der ersten Seite alle Beweggründe der Amerikaner dargestellt hätte. Der Mann vom "Boston Globe" erwiderte, da liege der Hase im Pfeffer. Europäische Journalisten glaubten immer, Stellung beziehen zu müssen, während amerikanische Journalisten um die Darstellung aller Seiten, um objektive Reportage bemüht seien. Moment mal, sagte da eine Dame aus dem Publikum, die wohl schon einige Zeit an amerikanischen Universitäten verbracht hatte. Wir wissen doch, daß es keine Objektivität gibt. Die einzige Objektivität, die wir erhoffen können, ist das Transparentmachen der sozialen Konstruiertheit unseres Wissens. Auf dem Podium blickte man etwas ratlos ins grelle Licht und die dunkle Zuhörerschaft. Der "Globe"-Mann sagte höflich, als er in Europa arbeitete, habe er den "Guardian" und den "Daily Telegraph" gelesen und gewußt, daß die Wahrheit irgendwo in der Mitte liege. Heute lese er sechs Tageszeitungen, bevor er zur Arbeit fahre.

Wie sich denn die deutschen Korrespondenten informierten, wurde gefragt. Der "taz"-Korrespondent antwortete spontan: "Ich lese meine Zeitung." Im Saal wurde gelacht. Da wollte er noch einen draufsetzen und fügte hinzu: "Und dann lese ich die ,Washington Times'." Der Witz kam nicht gut an, der Saal schwieg, weil keiner der deutschen Studenten wußte, was das ist, das ultrarechte Äquivalent der "Washington Post" nämlich. Der Kollege von der "Süddeutschen Zeitung" eilte zu Hilfe und warf ein: "Was ich in meiner Zeitung lese, schreibe ich selbst." Es sei wichtig, führte er aus, sich im Gastland in die Kultur zu integrieren, um ein gutes Gespür für dieses immens komplizierte Land zu entwickeln. Denn das ist die Aufgabe des Korrespondenten: die endlose Komplexität Amerikas klug und objektiv zu entfalten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2003, Nr. 244 / Seite 42
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