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Medien : Angstmacher - RTL setzt noch einen drauf

Neue Aufgaben warten schon Bild: dpa

All jenen, die sich zur Zeit mit ihrer Kritik an der RTL-Show „Ich bin ein Star“ überbieten, müssen wir raten, mit der gebotenen Entrüstung hauszuhalten. Denn es wird noch alles schlimmer, viel schlimmer.

          All jenen, die sich zur Zeit mit ihrer Kritik an der RTL-Show „Ich bin ein Star“ überbieten, müssen wir raten, mit der gebotenen Entrüstung hauszuhalten. Denn es wird noch alles viel, viel schlimmer.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und es wird wirklich Grund geben, von Ekel und Entwürdigung zu sprechen. Denn RTL setzt nicht nur die Dschungelshow mit sogenannten Prominenten fort, wie der Sprecher Christoph Körfer dieser Zeitung sagte, sondern beginnt noch „im Frühjahr“ mit einer anderen Sendung, die man in der Tat als die ultimative Ekel-Show wird bezeichnen können: „Fear Factor“ heißt sie, stammt von der Firma Endemol aus Holland und läuft seit dem Sommer 2001 bei dem amerikanischen Sender NBC montags abends zur besten Sendezeit mit so großem Erfolg, dass der Vertrag mit dem Produzenten gerade bis 2007 verlängert wurde. Dort wird all das, was sich RTL an Mutproben aufs Ekel-Exempel im Augenblick noch versagt, in die Tat umgesetzt.

          In den Hauptrollen: Würmer, Blut und Fäkalien

          Würmer, Blut und Fäkalien spielen in der Show, auf welche die Landesmedienanstalten ihre Bulletins vielleicht schon einmal im vorhinein abstellen sollten, eine Hauptrolle. Sie stehen auf dem Speiseplan der pro Woche sechs Kandidaten, denen Aufgaben gestellt werden, die mit ihren größten, persönlichen Ängsten verbunden sind. Wer Höhenangst hat, jongliert also dreißig Meter über dem Boden herum, wen Klaustrophobie plagt, der kommt in den Karton. Um von den in dieser Show kredenzten Mahlzeiten angewidert zu sein allerdings braucht es keiner besonderen Ängste. Kuhaugen, Pferdedarm und Fäkalabwasser sind wohl nach niemandes Geschmack.

          Wer bei „Fear Factor“ am Ende aber 50.000 Dollar, im Höchstfall sogar bis zu einer Million gewinnen will, der muß in den sauren Apfel beißen, auch wenn er aus Kakerlaken und Stinkkäfern besteht, der Kenner nimmt dazu einen trockenen, selbstgepreßten Wurmwein. Alles nach dem Motto: Angst essen Skrupel auf. Die Beschreibung der Prüfungen im Internet (unter www.nbc.com) ist bereits hinreichend appetitverderbend. Amerikas Fernsehkritiker sprechen von einer „widerwärtigen, entwürdigenden Show“, die NBC nichtsdestotrotz grandiose Einschaltquoten beschert. Die Show läuft familienfreundlich bereits um viertel nach acht.

          Für Promis, die nichts mehr zu verlieren haben

          Ursprünglich für das hiesige Programm avisiert hatte der Sender RTL 2 diese Sendung, die zeigt, auf welch rabiate Mittel der Muttersender RTL setzt, um seine Marktführerschaft zu behaupten. Während das anspruchsvolle Serienkunstwerk „24“ im März bei RTL 2 beginnt, ist bei RTL zur selben Zeit mit „Ich bin ein Star“ zu rechnen. Dann können mit den nächsten zehn „Promis“, die nichts mehr zu verlieren haben, auch all jene Spielchen getrieben werden, die man sich derzeit im Camp (vor allem aus logistischen Gründen) noch versagt. Daß dies eher ein gut bewachter, hermetisch abgeschirmter und obendrein mit einer Plane überdachter Abenteuerspielplatz ist, sollte derweil niemanden überraschen. Die Show schließlich seit zwei Jahren schon für aller Herren Länder am Fließband produziert. All die kleinen Leiden aber, die wir derzeit bezeugen, werden vergessen sein, wenn erst „Fear Factor“ läuft. Bei dem Programm darf einem in der Tat angst und bange werden, und die Frage, ob dies Ekel-TV oder Unterhaltung sei, wird sich dann auch erledigt haben. RTL scheint seine Zuschauer zum Fressen gern zu haben.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2004. Nr. 15

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