Der Krieg gegen den Terrorismus - nach Aussagen des amerikanischen Präsidenten noch lange nicht abgeschlossen - ist auch ein Krieg um die Macht über Bilder. Der arabische Nachrichtensender Al Dschazira ist hier ins Schussfeld amerikanischer Kritik geraten. Die amerikanische Regierung und auch amerikanische Medien hatten Al Dschazira vorgeworfen, Usama Bin Ladin eine Plattform zu bieten, indem sie seine Interviews ausstrahlten.
Dennoch entzieht sich der im Golfstaat Qatar ansässige Nachrichtensender der Beeinflussung durch die Anti-Terror-Allianz. Bei den 35. Mainzer Tagen der Fernsehkritik stellten sich der Geschäftsführer des Senders, Mohammed J. Al-Ali, und der Chefredakteur, Ibrahim Helal, den kritischen Fragen von Journalisten.
Warum hat sich Usama Bin Ladin ausgerechnet Al Dschazira für seine Video-Botschaften ausgesucht? Interviewer Volker Windfuhr, "Spiegel-"Korrespondent in Kairo, kam immer wieder auf die Frage zurück. Doch die Al-Dschazira-Kollegen leugneten hartnäckig, zu dem meist gesuchten Mann der Welt Sonderbeziehungen zu unterhalten. Auf die Frage, wann ein Korrespondent des Senders den mutmaßlichen Top-Terroristen zum letzten Mal gesehen hat, antwortete Helal: "Diese Frage ist 25 Millionen Dollar wert."
Probleme mit den Taliban
Als Grund für die Schlüsselrolle, die der Sender in der Berichterstattung über Bin Ladin bekommen habe, nannte Al-Ali, dass Al Dschazira ein Büro in Kabul unterhalten habe, als die übrige Welt sich für Afghanistan nicht mehr interessierte. Der Sender habe es keineswegs leicht gehabt, in Kabul zu arbeiten, da die Taliban den Einsatz von Kameras abgelehnt hätten. Bin Ladin habe vor Al Dschazira zwei andere arabische Sender gefragt, ob sie seine Botschaften übermitteln wollten. Die hätten abgelehnt - unter anderem, weil ihre Regierungen dem Terroristen keine Plattform bieten wollten. Nur Al Dschazira hätte keine Repressionen zu fürchten gehabt - und hätte außerdem den Vorzug besessen, via Satellit zu senden.
Windfuhr fragte, ob Al Dschazira keine Skrupel habe, sich zum Sprachrohr eines mutmaßlichen Top-Terroristen zu machen. Die Antwort war eindeutig: Nein. Es gehöre zur Politik des Senders, die verschiedenen Seiten des Konfliktes zu schildern. So halte man es auch im Nahost-Konflikt.
Al Dschazira sei neben dem jordanischen Fernsehen der einzige Sender der arabischen Welt, in der israelische Generäle genau so zu Wort kämen wie palästinensische Extremisten. Allerdings legten die Gesprächspartner aus Qatar Wert darauf, dass nichts unkommentiert über den Sender gehe. Eine viel größere Gefahr seien die Propaganda-Bänder auf VHS, die Al Qaida aus Afghanistan herausgeschmuggelt habe.
Al-Qaida machte den Anfang
Al-Ali betonte, dass Al-Dschazira nicht selbst auf Bin Ladin zugekommen sei, sondern umgekehrt Al-Qaida Kontakt zu Al-Dschazira aufgenommen habe. Schließlich erinnerte der Al-Dschazira-Geschäftsführer die Medienleute aus Deutschland daran, dass es in der arabischen Welt schon eine Leistung sei, überhaupt verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Für den nächsten Schritt, eine eindeutige Parteinahme für oder gegen bestimmte Weltanschauungen, sei das Publikum, seien vor allem die Regime noch nicht reif.
Bei den Tagen der Fernsehkritik stellten Geschäftsführer Mohammed J. Al-Ali und Chefredakteur Ibrahim Helal die Eigenschaft ihres Senders heraus, für die sie Preise bekommen haben: den Mut zur freien Berichterstattung.
Insel der Meinungsfreiheit
In der Tat stellt Al Dschazira - deutsch: die Insel - in der von autoritären Regimen geprägten arabischen Welt eine Insel der Meinungsfreiheit dar. Noch erstaunlicher ist, dass der Sender von dem Staatschef des Golfstaats gegründet wurde. Der Emir des Zwergstaats, der gerade einmal 100.000 Einwohner zählt, hatte 1995 seinen Vater gestürzt und seither behutsam eine Liberalisierung eingeleitet. Als die BBC ihr arabisches Programm einstellte, lud der Emir die Journalisten ein, von Qatar aus weiterzuarbeiten.
Heute macht die "BBC des Nahen Ostens", wie sich der Sender selbst sieht, mit 40 Mitarbeitern in Qatar und 40 Korrespondenten ein Programm für 15 bis 20 Millionen Zuschauer in der arabischen Welt und in Übersee.
Natürlich war das umstrittenste Bin-Ladin-Band Thema der Diskussion. In dem gestand Bin Ladin nach amerikanischer Darstellung seine Verantwortung für die Anschläge vom 11. September. Als sie gefragt wurden, ob sie verstanden hätten, was Bin Ladin auf Arabisch tatsächlich gesagt habe, antworteten Al Ali und Helal, dass sie den Saudi auch nur aus der englischen Transkription verstanden hätten. Der arabische Originalton sei unverständlich gewesen. Viele Zuschauer in der arabischen Welt seien jedoch der Meinung, dass es sich um eine Fälschung handele - zumindest nicht um einen eindeutigen Beweis.
Der amerikanischen Regierung warfen die beiden Doppelzüngigkeit vor, wenn diese Al Dschazira kritisiere. Lange vor Al Dschazira hätte ein amerikanischer Sender Bin Ladin interviewt. Nur sei es jetzt nicht mehr opportun, seine Stellungnahmen auszustrahlen.
Austausch mit dem ZDF
Eine Thema war die Zusammenarbeit des Senders mit dem ZDF. Das Abkommen gewährt beiden Sendern Zugang zu Nachrichten- und Archivmaterial. Außerdem wurden Konditionen für gegenseitige Produktionshilfe und journalistische Weiterbildung verabredet.
Beim ZDF, das in Nahen Osten Büros in Tel Aviv, Kairo und Teheran unterhält, erhofft man sich den Zugang zu Bildmaterial aus der gesamten arabischen und islamischen Region. Das ZDF unterstützt Al Dschazira ebenfalls mit Material und hilft dem Sender bei der Eröffnung eines Büros in Berlin.
Al Ali nannte Deutschland ein "wichtiges Land" in Europa und der Welt und das ZDF von seiner Ausstattung her einen interessanten Sender. Ähnliche Verträge hat Al Dschazira schon mit den Sendern NBC (Amerika), TBS (Japan), der RAI (Italien) und mit TF1 (Frankreich) geschlossen.