07.04.2004 · Ein halbes Jahrhundert hat Wolfgang Menge Fernsehen gemacht, Drehbücher geschrieben für Fernsehfilme, Serien und jahrelang legendäre Talkshows moderiert. Wie sein Medium lebt auch er ganz für den Augenblick.
Von Nils MinkmarEin zehnjähriger Junge hat keine Sehnsucht, nach Braunschweig zu reisen. Deshalb, so erklärt es sich Wolfgang Menge heute, sei ihm lange gar nicht aufgefallen, daß der Kontakt zwischen seinem Vater und dessen Bruder, dem Braunschweiger Stadtdirektor, abgerissen sein muß. Die Familienreisen dorthin blieben jedenfalls aus, irgendwann in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Stadtdirektor war ein Nazi, Menge hat ihn sogar im Verdacht, Hitler eingebürgert zu haben. Und Menges Vater hatte eine Jüdin aus Rumänien geheiratet. So etwas konnte die Familienbeziehungen schon abkühlen lassen, im brandneuen NS-Staat.
Die jüdische Mutter, das ist so ein Thema bei Wolfgang Menge. Es ist durch Leerstellen und Indizien für Abwesenheiten besetzt. Irgendwann durfte er nicht mehr in seiner Clique Hausaufgaben machen, er durfte auch nicht in die Hitlerjugend eintreten. "Das war wohl wegen meiner Mutter. Ich dachte, es hat mit mir zu tun, daß die mich nicht mehr mögen."
Schlechtes Essen in Israel
Im Eintrag des Munzinger-Archivs steht, daß er "trotz seiner jüdischen Mutter" zum Kriegsdienst einberufen wurde. Daß er als Sohn einer Jüdin auch Jude ist, das ist ihm natürlich klar, aber es scheint ihn, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, nach wie vor zu erstaunen. Er ist nicht religiös und hat, außer einer Tante in Bukarest, keine jüdischen Verwandten. Seine erste und einzige Reise nach Israel geschah auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, und besonders gut gefallen hat es ihm dort nicht: Das Essen war schlecht, und der Taxifahrer wollte schon am Freitag nachmittag den doppelten Preis kassieren, von wegen Schabbatzuschlag - "am Freitag, 15 Uhr!" entrüstet sich Wolfgang Menge.
Geschützt durch den Vater und einige nachlässige oder gutwillige Beamte, gelang es der Mutter, die NS-Zeit zu überstehen. Heute hat Menge über diese Vergangenheit wenig zu erzählen. "Ich hab' ja keine Dokumente, keine Schulzeugnisse, nichts mehr", sagt er freundlich und wischt sich über den berühmten kahlen Kopf.
Die erste jüdische Sitcom
Es gibt ein neues, ein aktuelles Thema, über das er wesentlich lieber reden möchte. Es geht um eine von ihm geschriebene Sitcom: Ein deutscher blonder Mann entdeckt, als er heiraten will, das seine Mutter Jüdin ist - und er folglich auch. "Das realisiert er aber erst im Krankenhaus, denn nach Erhalt der Nachricht ist er erst mal umgefallen", lacht Menge beim Erzählen. Diese erste jüdische Sitcom des deutschen Fernsehens hat er jedenfalls jetzt geschrieben, aber der Sender, sein WDR, will sie nicht senden.
Diese Geschichte erzählt er gerne, hier ist er in seinem Element, denn sie enthält all seine Lieblingsthemen: die Feigheit der öffentlich-rechtlichen Sender, die Verflachung des Fernsehens, die merkwürdige Verkrampftheit, mit der das Fernsehen so gut wie alle interessanten Sujets angeht. Jedenfalls habe man ihn erst gedrängelt, die Serie zu schreiben, nun will der Sender die Bücher nicht haben, angeblich seien keine passenden Sendetermine frei. In Wahrheit, vermutet Menge, hätten die Verantwortlichen Angst vor einem Format, das es so noch nirgends gegeben hat, und weil eine deutsche jüdische Sitcom logischerweise nur in Deutschland stattfinden kann, hat man keinen Anhaltspunkt aus dem Ausland, welche Quote wohl zu erwarten ist. Ob es nicht auch inhaltliche Bedenken gegeben haben mag? "Nee", sagt Menge und feuert einen jener Sätze ab, die sein Markenzeichen sind, "das würde ja voraussetzen, daß die sich Gedanken machen, und das schließe ich aus!" Der WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke sagt zu dem ganzen Vorgang freundlich: "Es gibt eben Dinge im Leben, da kommt man nicht zueinander."
Ein Mann für den Augenblick
Ein halbes Jahrhundert hat Wolfgang Menge Fernsehen gemacht, Drehbücher geschrieben für Fernsehfilme (Stahlnetz, Das Millionenspiel), Serien (Ein Herz und eine Seele, Motzki) und jahrelang legendäre Talkshows moderiert (Leute, III nach Neun). Doch wo andere seiner Alters- und Güteklasse längst ein wohlsortiertes Archiv ihres eigenen Werks pflegen und mit ihrer eigenen Unzeitgemäßheit kokettieren, preist Menge gerade das Gegenwärtige am Medium Fernsehen. Es ist kein Mann für die Ewigkeit, sondern ganz für den Augenblick.
Auf dem Boden eines seiner Arbeitszimmer stehen ein paar Kisten, da seien die alten Drehbücher drin, sagt er nachlässig, bevor er an einen funkelnden Mac-Rechner geht, um etwas vorzuführen. Das sei aber nicht das allerneueste Modell, erklärt er, das stehe nebenan. In Menges Haus gibt es so viele platinweiße Computer, Scanner und Drucker der neuesten Generation, die man im Haushalt eines Mannes des Jahrgangs 1924 nicht unbedingt erwarten würde, daß jede Werbeagentur in Berlin-Mitte neidisch würde.
Das Geheimnis des geglückten Alters
So eine freudige Überraschung sei das Alter, bemerkt Menge plötzlich. Es sei wirklich weit weniger unangenehm als erwartet. Keine Schmerzen, keine Zipperlein, dafür eine größere Gelassenheit und eine umfassende Heiterkeit. Er schlafe auch viel besser als früher. Und wenn der Mann von der Autowerkstatt den Wagen nicht pünktlich wieder zurückbringt, dann ruft er nach ein paar Stunden höchstens mal an, ob es den Wagen denn noch gebe oder schon zu Schrott gefahren sei, aber richtig aufregen würde er sich nicht. Auch dann nicht, wenn der WDR, leitet er zu seinem Lieblingsthema zurück, zu seinem Geburtstag nicht, wie von ihm gewünscht, den Film "Ein Mann von Gestern" wiederholt, sondern das "Millionenspiel".
"Noch vor zehn Jahren hätte ich denen die Bude eingerannt", sagt er. Heute kann er sich zügeln. Das Geheimnis seines federnden Schritts, seines geglückten Alters seien übrigens die fünf Minuten Gymnastik, die er jeden Morgen macht, seit Heinrich Maria Ledig-Rowohlt ihm vor vielen Jahrzehnten ein entsprechendes Buch geschenkt hat.
Bloß keine Langeweile
Man kann es aber auch anders sehen: daß die Zeit dem nichts anhaben kann, der sich, aus welchen Gründen auch immer, nur für die Gegenwart interessiert, der den "New Yorker" bezieht und Phoenix sieht, der Zeitungsabonnements kündigt, weil Zeitungen zu langsam sind, und der lieber permanent online ist. Darum wird es zu seinem Geburtstag am Samstag auch keine Reden geben: Er hält es nicht aus, dieses Stillsitzen und Zuhörenmüssen. So wie es beruflich stets seine größte Sorge war, das Publikum nicht zu langweilen, auch wenn es um den Preis einer weiteren unerhörten Äußerung war, so scheint es auch privat so, als wäre die Langeweile seine eigene persönliche Hölle.
Dann hebt ein unheimliches Heulen an, ein Scharren und ein Bellen im Hause Menge. Ein Hund, es muß das Monster von Baskerville sein, will durch eine Tür. Marlies Menge hat drei große Hunde. Einer, der Rüde, muß warten, bis die beiden Hündinnen vom Spaziergang zurück sind, und protestiert. Die schönen weißen Hündinnen sind Canaan Dogs. "Die kommen schon im Alten Testament vor", erklärt Wolfgang Menge, "das sind jüdische Hunde." Er sagt das, als sei ihm der Gedanke sympathisch. Die Hunde selbst aber sind es nicht.