02.08.2010 · Er war der Internatszögling in der „Der junge Törleß“, der zackige Deutsche in „India Song“ und ein preußischer Militärjunker in „Fangschuss“: Gemeinsam war Mathieu Carrières Figuren eine nervöse, bis zur Arroganz getriebene Distanziertheit. Heute wird das ehemalige Wunderkind sechzig Jahre alt.
Von Andreas KilbManche Schauspieler müssen sich mühen, ehe sie entdeckt werden, müssen sich mit Tellerwäscherjobs und Werbeclip-Auftritten durchschlagen, bevor das Schicksal ihnen seine Boten schickt. Mathieu Carrière gehörte nicht zu diesen Unglücklichen. Er war dreizehn, als ihn Rolf Thiele von der Bühne eines Lübecker Schultheaters herunter für eine Nebenrolle in der Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Tonio Kröger“ engagierte. Und er war fünfzehn, als er für die Titelrolle in Volker Schlöndorffs Musil-Adaption „Der junge Törleß“ vor der Kamera stand, als Internatszögling, der zwischen Rationalität und Leidenschaft schwankt und am Ende an beiden schuldig wird, indem er einen Mitschüler dem Sadismus seiner Kameraden ausliefert.
Carrière war grandios in dieser Rolle, er spielte in der k.u.k. Schuluniform zugleich die Verwirrung einer Nachkriegsjugend, die auf dem Weg zur Rebellion in die Falle der Selbsterforschung tappte. Und grandios waren auch die Aussichten, die sich dem Schüler Mathieu nach seinem allseits bejubelten und durch Filmpreise geadelten Debüt eröffneten. Keine fünf Jahre nach „Törleß“ spielte er an der Seite von Orson Welles in Harry Kümels Mystery-Thriller „Malpertuis“, im Jahr danach war er neben Raquel Welch und Richard Burton in Edward Dmytryks „Blaubart“ zu sehen, und ein weiteres Jahr später nahm er Brigitte Bardot in Roger Vadims „Don Juan“ die Beichte ab.
Carrière als Autor und Regisseur
Aber Carrière hatte offensichtlich keine Lust auf eine schablonenhafte Schauspielerkarriere. Weder ging er nach Hollywood, noch schlug er im deutschen Theater Wurzeln. Stattdessen trat er, in eigensinnigem Zickzack, mal im europäischen Kino, mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Er war der zackige Deutsche in „India Song“ von Marguerite Duras und ein preußischer Militärjunker in Schlöndorffs „Fangschuss“, ein zynischer Schönling in David Hamiltons „Bilitis“ und der junge Aufsteiger Karl Siebrecht in der ZDF-Kostümserie „Ein Mann will nach oben“. Und während er alle diese Figuren mit nonchalanter Leichtigkeit verkörperte, schrieb er an einem sehr gelehrten, sehr komplizierten Buch über Kleist und die „Literatur des Krieges“.
Als es 1981 erschien, fand sich niemand, der Carrière dafür zum Professor machen wollte, und so blieb er bei der Schauspielerei. Damit begann die zweite große Phase seiner Laufbahn, das Jahrzehnt der „Flambierten Frau“, der „Spaziergängerin von Sans-Souci“ und der „Frau des Fliegers“, die Zeit seiner Auftritte bei Robert van Ackeren, Eric Rohmer, Paul Morissey (mit dem er das Drehbuch zu „Beethovens Neffe“ verfasste) und Helma Sanders-Brahms. Gemeinsam war den vielen Figuren, die er spielte, eine nervöse, bis zur Arroganz getriebene Distanziertheit, die bei Bedarf unter dem Ansturm unzähmbarer Leidenschaften effektvoll zerbrach. Zuletzt, in Werner Schroeters „Malina“, härtete Carrières mimisches und gestisches Repertoire so sehr zur virtuosen Pose aus, dass es schien, als spielte Isabelle Huppert, seine Partnerin, gegen eine Wand.
Ein einziges Mal hat Carrière selbst Regie geführt, in „Zugzwang“, einem Film, der von der Spiel- und Liebessucht eines Erfolgsmusikers erzählt. Von Süchten und Kämpfen, scheint es, war auch Carrières Leben geprägt. Vor vier Jahren geriet er in die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen, als er sich in Jesus-Pose vor dem Bundesjustizministerium ankettete, um für die Besuchsrechte von Vätern zu streiten. Ansonsten ist er im deutschen Fernsehen ein ständiger (“Anna und die Liebe“), im deutschen Kino ein seltener Gast (“Du bist nicht allein“). Heute wird das ehemalige Wunderkind Mathieu Carrière sechzig Jahre alt.
Ausgemusterte Väter - Carrieres Jesusdarstellung
K Zinser (klaus_zinser)
- 02.08.2010, 10:16 Uhr