http://www.faz.net/-gqz-7qdpj

Frank Schirrmachers Wirkung : Über die adriatische Stimmung des Lebens

  • -Aktualisiert am

Frank Schirrmacher und Mathias Döpfner beim F.A.Z-Buchmessen-Empfang im Oktober 2011 Bild: Kaufhold, Marcus

Er konnte begeistern und begeistert sein wie kein Zweiter: An seinem Text über den Halleyschen Kometen, der vor achtundzwanzig Jahren erschien, habe ich zum ersten Mal erkannt, wie aus Intellekt und Leidenschaft Deutungshoheit erwachsen kann.

          Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm vor dreißig Jahren, auf dem Flur des Feuilletons dieser Zeitung. Frank Schirrmacher, ein neuer Volontär, stellte sich vor. Volontäre gab es viele. Ihr Erscheinen war kein besonderes Ereignis. Anders bei dem Studenten aus Heidelberg. Schon am ersten Tag raunte es in den Ressorts: auf den muss man achten. Eine merkwürdige Aura der Bedeutung umgab den Jüngling mit dem kindlichen Gesicht.

          Nicht nur weil er eine Empfehlung von Dolf Sternberger war, dem Vater des „Verfassungspatriotismus“ und Doyen unter den Autoren der Zeitung; auch nicht so sehr, weil Frank Schirrmacher bald im Arkanum des Feuilletons, dem Büro des Herausgebers Joachim Fest, ein und ausging, wann immer er wollte (die Länge der Besuche wurde von den Kollegen sofort neidvoll registriert).

          Aura entstand vielmehr, weil man bei dem jungen Kollegen eine merkwürdige Diskrepanz zwischen kindlicher Unbeschwertheit und intellektueller Reife beobachtete. Auf dem Flur trieb er gebildete Konversation wie ein alter Hase, im Zimmer feixte er wie ein Schüler, der sich in der Pause über den Klassenlehrer lustig machte. Mit den Großen des Feuilletons, Georg Hensel und Marcel Reich-Ranicki etwa, sprach er schnell auf Augenhöhe. Auf die Musikredaktion, deren freier Mitarbeiter ich war, schaute er etwas herab. Damit konnte er weniger anfangen. Aber auch für Gerhard R. Koch hatte er noch das richtige Apercu in der genau richtigen Ironietonart parat.

          Er war und blieb ein Deutungskünstler

          Selbst die F.A.Z.-typische, etwas altherrenhafte Attitüde, Kollegen nie mit Herr oder mit dem Vornamen, sondern immer nur mit dem Nachnamen allein anzusprechen, stand ihm gut zu Gesicht: „Beaucamp (gesprochen: Bokamp), haben Sie eigentlich schon gelesen was der Kollege XY gestern in der NZZ geschrieben hat?“ Aus dem Mund eines Vierungzwanzigjährigen müsste das eigentlich komisch klingen. Bei Schirrmacher klang es einfach nur richtig. Und schnell wurde klar: Frank Schirrmacher war für das Feuilleton der F.A.Z. geboren.

          Frank Schirrmacher, 1959 bis 2014
          Frank Schirrmacher, 1959 bis 2014 : Bild: Laif

          Jeder erkannte die intellektuelle Ausnahmebegabung sofort. Er hatte alles gelesen, wusste stets mehr als die Kollegen und assoziierte, phantasierte und inspirierte mit einer Sprachgewalt, der niemand gewachsen war. Frank Schirrmacher war und blieb ein Deutungskünstler. Keiner interpretierte und deutete so treffend und wirkungsmächtig wie er. Die Grundlage dieser Wirkungsmacht war neben pfeilschnellem Intellekt, das was jedem herausragenden Journalisten eignet: manische Begeisterungsfähigkeit.

          Ich bin nie einem begeisterteren und begeisternderen Menschen begegnet als Frank Schirrmacher. Wenn der Gegenstand der Erregung es Wert war, dann war seine Begeisterung viral. Er hatte das, was vielleicht überhaupt das wichtigste Erfolgsgeheimnis charismatischer und deshalb erfolgreicherJournalisten ausmacht: jene gut bemessene Portion Hybris, die nötig ist, um sein Publikum zu faszinieren – was ihn interessierte hatte gefälligst auch die deutsche Öffentlichkeit zu interessieren.

          Wie Deutungshoheit entsteht

          Eines Tages war es der Halleysche Komet. Ich hatte davon noch nie gehört und auch nicht die Absicht, mich dafür zu interessieren. Bis Schirrmacher mich in seinen Bann zog wie die Schlange K im „Dschungelbuch“. Mit hypnotisch wirkender Erregung berichtete er mir von dem Himmelskörper, der nach seinem letzten enttäuschenden Auftritt im Jahr 1910, sechsundsiebzig Jahre später wieder auftauchen würde. Ein „himmlisches Monstrum“, ein „Zeichen verlorener Magie“, ein „Symbol der Aufklärung“ und ein „Sinnbild der Untergangslust“. Irgendwann hatte auch ich das Gefühl, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Wiederkehr des Kometen.

          Weitere Themen

          Im Tal der Ratlosen

          Tillichs Rücktritt : Im Tal der Ratlosen

          Stanislaw Tillich hatte sich nie um sein Amt gerissen. Dass er nun zurücktreten will, hat Sachsens CDU dennoch überrascht. Wie geht es nun weiter?

          Auf Tuchfühlung mit Haien Video-Seite öffnen

          Gefährliche Fotografie : Auf Tuchfühlung mit Haien

          Er gilt als Haiflüsterer. Dabei hatte Jean-Marie Ghislain sein Leben lang Angst vor dem Meer. Der Belgier stellte sich seiner Angst, lernte Tauchen und schafft faszinierende Aufnahmen von Haien, Walen und Delfinen.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Wo ist die Mitte?

          Gestern Abend wurde deutlich, was FDP, Grünen und CSU bisher bei ihren Sondierungsgesprächen noch fehlt: Eine verbindende Idee. Die CDU kommt bekanntlich schon länger ohne Ideen aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.