Inzwischen haben sie die Szene vom 6.Oktober schon oft geschildert, aber sie erzählen sie gern noch einmal: wie der Betriebsrat von „El País“, achtzehn Personen, in einen Saal zitiert wird, wo ihnen die Führungsriege der Zeitung gegenübersitzt. Zu ihr gehört als Erster Juan Luis Cebrián, der Präsident von „El País“ und Geschäftsführer des Mutterkonzerns Prisa, ferner Chefredakteur Javier Moreno, der ehemalige Deutschlandkorrespondent des Blattes.
Man sitzt nicht an einem großen Konferenztisch, das wäre zu egalitär; die Betriebsratsleute müssen zweireihig Platz nehmen. Man merkt sich solche Details, wenn das Datum wichtig ist. Und dieses wird zumindest für die eine Seite unauslöschlich bleiben. Es ist der Tag, da das Management von „El País“, Spaniens größter Tageszeitung, dem Betriebsrat mitteilt, dass ein Drittel der Redaktion entlassen wird. Wer seinen Arbeitsplatz behält, wird sich mit fünfzehn Prozent weniger Lohn begnügen müssen.
Es ist nicht so, dass die Nachricht ganz überraschend käme. Seit dem April schwebte über der Zeitung die Drohung des „ERE“ (expediente de regulación de empleo), jenes arbeitsrechtlich genau festgelegten Prozesses, der Betriebe in Spanien berechtigt, Gehaltskürzungen und Massenentlassungen durchzuführen. Jetzt also ist es so weit. Nicht weniger als 149 Angestellte sollen gehen - Spaniens legendäre Tageszeitung, das Synonym für den Übergang zur Demokratie, das junge Blatt des Aufbruchs und der Modernität, steht vor dem härtesten Einschnitt ihrer sechsunddreißigjährigen Geschichte.
Anspruch an Internationalität
Bei der halbstündigen Begegnung fallen die üblichen Durchhalteformeln. „So gut können wir nicht mehr leben“, sagt Juan Luis Cebrián, von dem es heißt, er habe sich 2011 inklusive Bonuszahlungen dreizehn Millionen Euro Jahressalär gegönnt. Und natürlich fragen sich alle, die weniger verdienen als er: Wer ist „wir“? Auch der Chefredakteur meldet sich zu Wort. Der Einschnitt sei „schmerzhaft“, sagt Javier Moreno, doch er sei überzeugt, dass die Redaktion wie schon bei anderen Gelegenheiten „das Beste aus sich herausholen“ werde, damit „El País“ weltweit „das Leitmedium in spanischer Sprache“ bleibe.
Das mit der Weltgeltung im Spanischen ist ein Tick. Früher einmal hieß „El País“ im Untertitel schlicht „unabhängige Morgenzeitung“, aber das ließ an universalem Anspruch wohl irgendwie zu wünschen übrig. Heute nennt sich das Blatt „die globale Zeitung in spanischer Sprache“.
Global sind aber vor allem die Schulden des Mutterhauses Prisa, ohne dessen geschäftliches Desaster unter Cebriáns Leitung sich der geplante Kahlschlag bei „El País“ nicht verstehen lässt. Neben der Tageszeitung besitzt Spaniens größter Medienkonzern unter anderem die Verlagsgruppe Santillana, die Wirtschaftszeitung „Cinco Días“, das Sportblatt „as“, Fernsehbeteiligungen sowie Spaniens meistgehörten Radiosender Cadena SER. Viele von ihnen sind defizitär, während „El País“ seit dem vierten Jahr seines Bestehens ausschließlich Gewinne erzielt hat.
Vor allem im Kabelfernsehgeschäft mit der Firma Sogecable (Kaufpreis zwei Milliarden Euro) und beim Erwerb von planetarisch teuren Fußballübertragungsrechten hat Prisa sich in den Jahren vor der Krise so übernommen, dass die Verbindlichkeiten zeitweise die Schwelle von fünf Milliarden Euro erreichten. Allein das vergangene Jahr schloss Prisa mit einem Verlust von 451 Millionen Euro ab. Wegen der akuten Schieflage, die alles andere mit sich zu reißen droht, ist seit 2010 die Liberty Acquisition Holding von Nicolas Berggruen und Martin Franklin Hauptaktionär von Prisa.
Veränderungen im digitalen Zeitalter
Wir haben es noch im Ohr. Wir waren dabei, als Prisa-Boss Cebrián an einem sonnigen Septembertag vor zwei Jahren im Madrider Hauptquartier des Konzerns sagte: „Wir erleben gerade die Umwandlung eines Familienunternehmens in eine globale Firma.“ Nicolas Berggruen, im offenen weißen Hemd, hörte aufmerksam zu. „Keine Familie“, fuhr Cebrián fort, „hat heute die Mittel, um in Zeiten internationaler Verflechtung zu bestehen.“ Um eine Familie geht es in der Tat nicht mehr.
Jesús Polanco, der clevere Geschäftsmann und patriarchalische Prisa-Begründer, ist vor gut fünf Jahren gestorben. Seitdem hat Cebrián das Sagen. Was die Verflechtung betrifft, wäre festzuhalten, dass kaum ein Mensch die finanztechnischen Implikationen bei der Beteiligung von Berggruens Mantelgesellschaft Liberty wirklich kapiert - außer eben, dass ein börsennotierter amerikanischer Investmentfonds sich mit einem Kapital von 650 Millionen Euro beim leckgeschlagenen Prisa-Konzern eingekauft hat und sicher etwas dafür haben will. Natürlich ist auch Cebrián nicht leer ausgegangen, der Mann, der jetzt findet, dass die Redaktion „nicht mehr so gut leben“ dürfe wie früher und die Kostenstrukturen den Zeiten angepasst werden müssten.
Oder umgekehrt? Für das Jahr 2012 soll Cebrián sich einen dreißig Prozent höheren Bonus bewilligt haben. Der Prisa-Boss findet außerdem, Redakteure jenseits der fünfzig Jahre seien zu alt für „El País“, nicht gerüstet fürs digitale Zeitalter. Er selbst wird Ende des Monats achtundsechzig.
Bevorstehende Massenentlassung
Jetzt ist von der Liste zu reden, den Blättern, auf denen die Namen der 149 Leute stehen, die entlassen werden sollen. Chefredakteur Moreno wird mit dem Satz zitiert, er selbst habe sie angefertigt. Manuel González, der Betriebsratsvorsitzende, ist sich ganz sicher. Auch andere Redakteure, die anonym bleiben möchten, bestätigen: Moreno hat die Liste gemacht. Einige Namen von Verurteilten kursieren, aber bevor der Schaden zu groß wurde, hat der Betriebsrat etwas Vernünftiges getan.
Er brachte zum Termin einen Notar mit, der den Umschlag mit der Liste gleich in Empfang nahm und versiegelt abtransportierte, damit das Wissen um die zu entlassenden Redakteure keinen Keil zwischen die Belegschaft treiben konnte. Die Namen - die meisten jedenfalls - bleiben also geheim. Wenn ein Monat um ist, am 8.November, wird die Geschäftsführung von „El País“ den Betreffenden ihr Los mitteilen. Bis dahin hofft der Betriebsrat auf Verhandlungen, um die Massenentlassungen abzuwenden.
„Wir werden sowohl individuell als auch gesammelt klagen, wenn sich da nichts bewegt“, sagt Manuel González. „Wir können nachweisen, dass ‚El País‘ profitabel ist.“ Unsere Versuche, Chefredakteur Moreno oder einen Manager zu einem Kommentar zu bewegen, waren erfolglos. Ein Firmensprecher ging immerhin an den Apparat und versuchte uns zu erklären, die Entlassungen seien notwendig, um die Zeitung „auf die Zukunft vorzubereiten“. „So viele?“, fragten wir nach. „Gleich 149 Leute?“ Da wurde es still in der Leitung. Es kann nicht leicht sein, das Unerklärbare erklären zu müssen, vom sozialen Anspruch der linksliberalen Traditionszeitung „El País“ mal ganz zu schweigen. Seinen Namen wollte der Sprecher lieber nicht genannt sehen, „wegen der Kollegen“.
Der Betriebsrat bleibt indes nicht tatenlos und berichtet unter „elpaiscomite.blogspot.com.es“ von seinen Aktionen. Zu den Belegschaftsversammlungen kommt in diesen Tagen weit mehr als die Hälfte der Redaktion. Besorgnis ist zu spüren, Wut über ein Management, das in den Augen der Redakteure nicht nur die Ideale, sondern auch die Geschäftsidee des Blattes verraten hat. Sie hieß einmal: Qualitätsjournalismus.
Schwarze Zahlen trotz Krise
Am besten ist der Gedanke in dem Artikel „El País und der Kasino-Kapitalismus“ nachzulesen, der in diesen Wochen die Runde macht. Erschienen ist er in der Online-Zeitung „eldiario.es“. Sein Verfasser, der katalanische Journalist Pere Rusiñol, war bei „El País“ zehn Jahre lang Redakteur und gibt jetzt das Satiremagazin „Mongolia“ heraus. Rusiñol erzählt die Geschichte eines Sündenfalls, in der Juan Luis Cebrián eine zentrale Rolle spielt.
Nicht nur, dass der Prisa-Geschäftsführer seit langem den Untergang des Papiers prophezeie, als wollte er das Aus des Blattes herbeibeten, er habe außerdem eine der erfolgreichsten spanischen Medienmarken zum Spielball von Wall-Street-Zockern gemacht, den Niedergang des Mutterkonzerns betrieben und sich selbst dabei kräftig bereichert.
Dem lässt sich schwerlich widersprechen. Die Prisa-Aktie, die einmal knapp unter zwanzig Euro notierte, ist zum Penny-Stock heruntergeschmolzen, ihr Kurs dümpelt um 31 Cent. „El País“ dagegen, aus dessen Kassen sich Prisa in den letzten Jahren 35 Millionen Euro geholt hat, um Löcher zu stopfen, war immer Kerngeschäft und als solches überaus erfolgreich. Von 2004 bis 2007 lag der jährliche Vorsteuergewinn zwischen hundert und 143 Millionen Euro. Danach wurde das Anzeigengeschäft von der Redaktion getrennt, so dass die Gewinne geringer ausfielen, doch bis in die jetzigen Krisenmonate hinein gab es ein Plus. Seit seiner Gründung, so der Betriebsrat, habe „El País“ einen Ertrag von knapp 850 Millionen Euro erzielt.
Es ist diese Erfolgsgeschichte, die sich die Redaktion nicht totreden lassen will. Und warum sollte sie für die Fehler der Konzernleitung büßen? Es ist, als sei der Pakt, der den Mitarbeitern das Gefühl gab, bei der besten Zeitung Spaniens zu arbeiten, einseitig gekündigt worden. Vielleicht ist ja wirklich die Zeitenwende gekommen. Wie man weiterhin die angesehenste Zeitung des Landes produzieren soll, wenn ein Drittel der Redaktion fehlt, bleibt ein Rätsel.
Andeutungen als journalistische Kunstform
Mit Cebriáns Millionensalär könne man doch einige Dutzend Mitarbeiter bezahlen, heißt es seitens derer, die vielleicht schon bald gehen müssen. Empörung, wohin man hört, und genauso haben sie abgestimmt: Von 431 Abstimmungsberechtigten der Belegschaft votierten 303 dafür, den Geschäftsführer öffentlich zu rügen, 236 sprachen sich dafür aus, den Rücktritt von Chefredakteur Moreno zu fordern.
Auch im Blatt äußert sich Protest. Mehrere Kolumnisten haben unverhüllt für die bedrohte Redaktion Partei ergriffen, der Karikaturist Forges zeichnet die Subversion, selbst das tägliche Kreuzworträtsel enthält versteckte Solidaritätsbotschaften. Es ist wie in der Franco-Zeit, als aus der Andeutung, dem indirekten Sprechen, eine journalistische Kunstform wurde.
Am vergangenen Freitag erschienen, nicht zum ersten Mal, zahlreiche Artikel in der Zeitung ohne den Namen des Verfassers. Inzwischen hat sich „El País“ entschlossen, die Insubordination selbst zu kommentieren, aber es ist eine hörige Darstellung, ganz im Sinne der Chefredaktion, die in der Veröffentlichung ohne Verfassernamen einen schwerwiegenden Verstoß gegen das redaktionsinterne „Stilbuch“ sieht.
Eine ironische Pointe des Dramas ist, dass vor allem das Internet, das als Bedrohung des Papierimperiums früherer Jahre gilt, die laufenden Ereignisse bei „El País“ furcht- und schonungslos analysiert. Internetforen und junge Netzzeitungen wie „vozpópuli“ scheinen die Einzigen zu sein, die den Gedanken an eine kritische Öffentlichkeit noch nicht auf den Müll geworfen haben. Wer etwas über die Massenentlassungen bei „El País“ lesen will, entdeckt im Printjournalismus nämlich kaum eine Spur.
Wie eine verschreckte Schafherde haben sich die spanischen Tageszeitungen um die Schlachter in ihrer Mitte geschart - Controller der Geldinstitute, die für Schuldkredite einstehen und inzwischen in einen Großteil des Printjournalismus hineinregieren - und warten schweigend ab, wer als Nächstes zur Schlachtbank geführt wird. Selbst die ideologischen Gegner von damals, auf deren Angriffe man immer zählen konnte, blöken nicht mehr. Vielleicht fürchten sie, dass es ihnen morgen ähnlich ergeht.
Im Glashaus
Heinrich Maiworm (Heinrich_Maiworm)
- 24.10.2012, 14:14 Uhr
In Deutschland
Klaus-Dieter Berger (kinnas)
- 23.10.2012, 14:37 Uhr
Eine Loesung
André Keijzer (Keijzer)
- 23.10.2012, 13:22 Uhr
Prophezeiung
Carlos Serrano (karlus)
- 23.10.2012, 12:46 Uhr
Nix neues...
Bill Tauer (DemokratusMaximus)
- 23.10.2012, 12:10 Uhr