11.03.2005 · Wird es ein freies Tschetschenien jemals geben? Der Philosoph André Glucksmann über den einsamen Tod Maschadows, Putins Grausamkeit und den Mangel an Moral der politischen Führer des Westens.
Von André GlucksmannAslan Maschadow mochte mich. Während meiner Wanderungen in Tschetschenien im Juni 2000 konnten wir nicht miteinander diskutieren, da unsere Begegnungen dreimal von Bomben unterbrochen wurden.
Ich übermittelte ihm meine Fragen, und er ließ mir auf einer Tonbandkassette eine lange Antwort zukommen, in der er den Islamismus verurteilte. Zum Schluß erklärte er darin: „In einem freien Tschetschenien würde niemals eine tschetschenische Frau gezwungen, den Schleier zu tragen.“
Putins Grausamkeit
Wird es ein freies Tschetschenien jemals geben? Maschadow, der unter internationaler Kontrolle gewählte Präsident Tschetscheniens, ist tot. Er wurde ermordet. Der Plan der russischen Führung ist aufgegangen. Jetzt hat sie es nur noch mit Schamil Bassajew zu tun, dem von ihr selbst aufgebauten Extremistenführer, den sie immer wieder verschont hat, von Budjonowsk bis Dagestan.
Wladimir Putin, der sowjetische Geheimdienstmann, der seine Ferien zusammen mit Schröder und Berlusconi verbringt, steht nun seinesgleichen gegenüber, einem Terroristen, der zwar noch nicht seine Härte besitzt, wohl aber seine Grausamkeit. Das Blutbad kann weitergehen, die Attentate können wiederaufgenommen werden.
Für die Werte des Westens
Maschadow hatte einseitig eine Feuereinstellung verkündet und erklärt, er stehe für die Werte des Westens und nicht für die des radikalen Islamismus. Die Feuereinstellung war von allen Bojewiki respektiert worden. Maschadow hatte seine Macht bewiesen. Das war der Augenblick für seine Ermordung. Damit der Geist der „permanenten Revolutionen“, den unser Freund, der Zar, so fürchtet, sich nicht im ganzen Nordkaukasus ausbreitet.
Kein westlicher Führer hat es gewagt, den Kreml zu Verhandlungen mit dem einzigen legitimen Führer eines geschundenen und heroischen Volkes aufzufordern. Man erinnere sich an den Kommandanten Massud. Er hatte gegen die Russen und gegen die Islamisten gekämpft, wurde von den westlichen Demokratien im Stich gelassen und schließlich ermordet, zum Nutzen Bin Ladins.
Keiner widersprach dem Kreml-Chef
Und keiner unserer Repräsentanten widersprach Wladimir Putin, als der den bewaffneten Widerstand der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung mit dem internationalen Terrorismus gleichsetzte. Im Gegenteil: Chirac und Schröder erklärten den Kreml-Chef wegen dessen Sympathien für Saddam Hussein zum Friedensengel erster Ordnung.
Neben einem Mangel an Moral beweisen unsere politischen Führer auch ein bemerkenswertes Maß an politischer Dummheit. Wer soll nun die Tausenden von Gemarterten besänftigen, die nur von Rache träumen? Wer wird in der Lage sein, mit den Russen zu verhandeln, wenn die den mörderischen Wahn erkannt haben werden, der sie gefangenhält? Wie soll man in dieser jungen Generation, die nur Krieg und Unterdrückung kennt, einen Menschen von der Statur und vor allem der maßvollen Haltung Maschadows finden? Tschetschenien wird noch tiefer in diesem Horror versinken. Und nicht nur Tschetschenien allein.
Er starb einsam
Der tote Jassir Arafat hatte Anspruch auf alle Ehren Frankreichs und Europas. Der tschetschenische Präsident, der niemals zum Mord an Zivilisten aufgerufen hat, starb einsam, wie er gekämpft hatte. Von der Welt im Stich gelassen, isoliert in seinem Unterschlupf irgendwo in den Bergen, sein Volk vor Augen, das inmitten internationaler Gleichgültigkeit niedergemetzelt wurde, verurteilte Maschadow dennoch bedingungslos die Geiselnahme im Moskauer Theater und die schrecklichen Ereignisse in Beslan. Er bot sogar an, nach Beslan zu kommen und die Ermordung Unschuldiger zu untersagen. Ebenso entschieden hatte er die Anschläge vom 11. September 2001 verurteilt.
Der Held des Unabhängigkeitskampfes hatte einen gegen den Terrorismus gerichteten Friedensplan vorgelegt, der die Frage der Unabhängigkeit auf später verschob. Die Vereinten Nationen, die Europäische Union, die OSZE, die Nato und all die anderen „Apparate“, die angeblich den Frieden und die Selbstbestimmung der Völker sichern sollen, wagten es nicht einmal, über diesen bereits drei Jahre alten und ständig wiederholten Plan zu diskutieren.
Ein Viertel der Bevölkerung getötet
Trotz der Internierungslager, der Säuberungsaktionen, der Vergewaltigungen und Plünderungen, trotz des Todes von mehr als einem Viertel der Bevölkerung (man stelle sich vor, in Italien oder Frankreich kämen zehn bis fünfzehn Millionen Menschen ums Leben) und trotz der Flucht ebenso vieler verängstigter Zivilisten leistet Tschetschenien weiterhin Widerstand - gegen die Barbarei der Russen ebenso wie gegen die Sirenen des religiösen Fanatismus.
Warum diese verbissene Brutalität gegen ein Volk von (einstmals) einer Million Menschen? Warum so wenig Mitgefühl? Die Hartnäckigkeit Moskaus läßt sich weder mit strategischen Motiven erklären noch mit bloßen Energieinteressen. Der Hauptgrund für drei Jahrhunderte kolonialer Unterdrückung und russischer Grausamkeit im Kaukasus ist pädagogischer Natur, wie die großen russischen Dichter schon vor langer Zeit erkannt haben. Es geht darum, ein Exempel zu statuieren und den Russen selbst vor Augen zu führen, was es kostet, den Ukassen aus Moskau nicht Folge zu leisten.
Der Geist der Rebellion
General Ermolow erklärte gegenüber Zar Nikolaus I. im Jahr 1818, worin es in diesem Kampf eigentlich geht: „Das tschetschenische Volk weckt durch sein Beispiel einen Geist der Rebellion und der Freiheitsliebe, der selbst die hingebungsvollsten Untertanen Eurer Majestät zu erfassen droht.“ Putin hat die Lektionen des zaristischen Imperialismus in die für ihn angemessene Sprache sowjetischer Unteroffiziere übersetzt, wonach man aus diesen ewigen Rebellen „die Scheiße herausprügeln“ müsse.
Es stimmt, Aslan Maschadow hatte Blut an den Händen, wie alle Widerstandskämpfer in Frankreich und anderswo. Er kämpfte aber gegen einen bewaffneten Feind, der auch vor Völkermord nicht zurückschreckt. Heute ist es nicht gut, ein echter Widerstandskämpfer zu sein.
Sprachliches Unvermögen
Maschadows Tod hat auch mit unserem sprachlichen Unvermögen zu tun. Die Salafisten und Saddamisten, die im Irak Wahlhelfer und einfache Wähler ermorden, bezeichnen wir als „Widerstandskämpfer“. Aber wir lehnen es ab, so auch die Freiheitskämpfer zu nennen, die nicht hinnehmen wollen, daß ihr Volk verschwindet. Die westlichen Führer, die sich weigerten, Maschadow als das zu bezeichnen, was er tatsächlich war, nämlich als einen Präsidenten und Patrioten, willigten damit im voraus in seine Ermordung ein.
Am Ende seines letzten Romans „Hadschi Murat“ schildert Tolstoi eine halluzinierte Szene, die als sein literarisches und politisches Testament gelten kann: Auf einem Tablett bringt man einem verweichlichten Zaren den Kopf des adligen Oberhaupts der Tschetschenen. Aslan Maschadow starb in dem Dorf Tolstoi-Jurt.
Tschetschenien hat seinen de Gaulle verloren. Und wir einmal mehr unsere Ehre.