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Martin Walser und Arno Schmidt : Der erste Leser

Will lieber nicht kritisiert werden, dafür aber Radioaufträge: Großmeister Schmidt, in Bargfeld residierend. Bild: so’n verschwommenen Lyriker-Typ

Erst war es Bewunderung, dann war es nur so eine Phase: Martin Walser pflegte ein durchaus kompliziertes Verhältnis zu Arno Schmidt.

          Dass man Schriftsteller, die man bewundert, lieber nicht persönlich treffen sollte, war ein oft wiederholtes Credo Arno Schmidts. Sein Leser Martin Walser ließ sich davon nicht abschrecken und lud den heftig Bewunderten für den August 1952 in dessen Stuttgarter Wohnung ein. Der so menschenscheue Schmidt kam sogar, brachte seine Frau mit und zerrte diese, so erinnerte sich Walser viele Jahres später, von dem Korb weg, in dem Walsers drei Monate alte Tochter lag: Bloß keinen Kinderwunsch wecken, hätte Schmidt sich wohl gedacht. Und gesagt: „Wir haben dafür Katzen.“

          Bis dahin hatten sich die beiden Männer auf einer Ebene gefunden, die damals beiden entsprach: Walser bewunderte Schmidt, lobte ihn öffentlich und privat, sorgte gemeinsam mit Alfred Andersch für Aufträge beim Radio und verhalf Schmidt so zu Einkünften, die der Autor bitter nötig hatte. Umgekehrt lobte Schmidt Walsers literaturkritisches Gespür über den Grünen Klee: „Sie sind der Erste (Einzige), der überhaupt erkannt hat, was und wieviel ich vermag! Eine Quelle in der Wüste!“, und der dankbare Schmidt stellte seinem „Umsiedler“-Roman gar ein Widmungsgedicht an Walser voran.

          So’n verschwommenen Lyriker-Typ

          Das ging so lange gut, bis Walser leise Kritik an einem Text Schmidts übte und ihm zugleich sein erstes eigenes Buch „Ein Flugzeug über dem Haus“ zur Lektüre sandte. Schmidt, der Walser nun plötzlich „so’n verschwommenen Lyriker-Typ“ nannte, konnte mit Walsers Erzählungen nicht viel anfangen und warnte ihn am 1. Januar 1956 sogar vor einem Weg, der ihn ins „Kunstgewerbe“ führen könnte, schließlich tendiere Walsers Sprache zur „Gepflegtheit“ – wer Schmidt so gut wie Walser kannte, wusste um das Vernichtende dieses Urteils.

          War es das? Für Schmidt ja, der dem Jüngeren lediglich 1970 in einem Interview mit Gunar Ortlepp noch en passant mitgab, er schätze Walsers Werk ebenso wenig wie das von Johnson und Grass. Walser wiederum stattete in seinem 1957 erschienenen Roman „Ehen in Philippsburg“ einen erfolglosen Schriftsteller namens Berthold Klaff mit Zügen Arno Schmidts aus – jener Klaff bedrängt eine andere Figur des Romans, ihm Aufträge von Radiosendern zu verschaffen. Später gab sich Walser alle Mühe, seine damalige Schmidt-Verehrung als überwundene Phase seiner Leserbiographie darzustellen.

          Hat sie trotzdem Spuren im Werk hinterlassen? Von seinem eigenen Weg, die Sprache betreffend, hat sich Walser ersichtlich nicht abbringen lassen. Doch an eine Radiobearbeitung von Schmidts „Gadir“, die Walser 1953 unternahm und der er den Titel „Die letzte Ausflucht“ verpasste, erinnert jetzt, 64 Jahre später, Walsers jüngster Roman: „Der letzte Rank“ bedeutet, teilt Walser mit, die letzte „Wendung, die der Verfolgte nimmt“, also „Die letzte Ausflucht“. Und weil der Erzähler dieses Romans in der Schlussszene verkündet, alle Feinde liebend umarmen zu wollen, darf man hier vielleicht auch an Schmidt denken.

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