11.11.2011 · Von Chicago nach Boston: Martin Walser liest, spricht große Sätze in den Vereinigten Staaten und erklärt seinem Lieblingsland, warum Rechtfertigung nicht in Rechthaberei enden darf.
Von Jordan Mejias, BostonGoethe, das ist für ihn ein Bekenntnis. Lebenslänglich. Darum hat er sich auch nach Chicago locken lassen, wo „Metamorphoses: Goethe and Change“ auf dem Programm stand. Ein breitgefächertes Symposion, veranstaltet von der Goethe Society of North America. Einen alten Aufsatz hat er dort vorgetragen, „Goethes Anziehungskraft“, 1982 erschienen. Martin Walser hat Chicago sehr genossen, nein, bestürzt war er, wie er schwärmt, über die Schönheit der Stadt. Sogar das Hotel, in dem er untergebracht war, sei derart vollkommen gewesen, dass es ans Lyrische grenzte. Dann war da seine Ernennung zum Ehrenmitglied der Goethe Society, auf Englisch auch noch, weshalb er sie beinahe verpasst hätte.
Jetzt aber ist er in Boston. Geliebtes „Erinnerungsgelände“, weil er immer wieder gern nach Neuengland kam, seit er 1958 bei Henry Kissinger an der International Summer School ein paar unvergessliche Sommermonate in Harvard verbrachte, die Säulen der Widener Library streichelte und spürte: „Jetzt bin ich in der Welt.“ Über Amerika wird ihm kein kritisches Wort über die Lippen kommen. „Für meine Generation war die Amerikareise wie früher die Italienreise.“ Von seinen vielen Amerikareisen und -aufenthalten zehre er bis heute.
Der Indian summer mit seinem makellos blauen Himmel ist ihm von Chicago nach Boston gefolgt, die Erkältung, gegen die nur ein Whiskey hilft, hat er mitgebracht. Goethe ist in Chicago geblieben. In Boston geht es nun drei Tage lang um Martin Walser, allerdings unter der Obhut auch des örtlichen Goethe-Instituts. Angekündigt als „einer der provokantesten deutschen Schriftsteller“, hat er ein großes, gewichtiges Geschenk im Koffer. Erst am Ende seines Besuchs packt er es aus. Am 9.November. Erstaunlich, doch damit nicht genug. „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ lautet auch noch der Titel der neuen, über jeden praktischen Anlass und jedes historische Datum weit hinausschweifenden Rede. „Jeder hat gedacht, da arbeite ich die ganze Chose ab“, sagt er am Tag zuvor. Die Chose, das ist das Kontroversenbündel, das von seiner Paulskirchenrede 1998 bis zum Jahrestag der Novemberpogrome, der Novemberrevolution und des Mauerfalls reicht. Ein Schicksalstag der Deutschen, so die gängige Formel. Aber Walser bleibt Walser und damit unberechenbar: „Da ist eine Hoffnung drin, die sich nicht erfüllen muss.“
Die John F. Kennedy School of Government, Harvards Schmiede der politischen Elite des Landes, ist für die Rede auserwählt. Das Publikum besteht nicht zuletzt aus Stipendiaten des McCloy Academic Scholarship Program, das die deutsche Studienstiftung finanziert. Walser hätte nichts dagegen, wenn mehr Amerikaner als Deutsche kämen. Schon weil Amerika ein religiöses Land ist und die Religion, nicht die Kirche, Walsers Denken immer stärker prägt. „Ich lese Religion als Literatur“, heißt es in der Rede. Und: „Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei.“ An der Brandeis University, wo er am Tag zuvor Gast ist, scheint der deutschsprachige Teil des Publikums die Oberhand zu haben, aber Religion stellt er an der Hochschule, deren Studierende überwiegend jüdischer Herkunft, vielleicht auch jüdischen Glaubens sind, direkt nicht zur Debatte.
Walser liest aus seinem Aufsatz „Über das Selbstgespräch“. Es ist eine bezwingende Darbietung, orchestriert mit knorriger Verve und rollendem R. Weniger Rede als existentielle Ergründung, Mahnung, aber voll archaischen Zaubers. Danach wird ihm eine ältere Dame aus dem Publikum für ein Deutsch danken, wie sie es seit Jahrzehnten nicht mehr gehört zu haben meint. Und seine Thesen, Einsichten, Behauptungen – meldet selbst in Brandeis niemand Widerspruch oder nur Bedenken an? Walser untersucht die Spannung zwischen der privaten und öffentlichen oder, wie er sagt, der „adressierten“ Sprache. Da ist es zur Paulskirchenrede nicht mehr weit. Was den Furor damals ausgelöst habe, wird er schließlich gefragt. Ob er darauf eine Antwort geben wolle? „Natürlich! Ich weiß es ja!“ Aber er denkt nicht daran, die Kontroverse klar zu benennen. Klarheit, was ist das schon! Die Aufforderung, klar zu reden, sei nichts als eine Verführung zur adressierten Sprache, in der er selbst eben nicht mehr vorhanden sei.
So muss eine Professorin das Problem benennen. Und fällt das Stichreizwort „Instrumentalisierung des Holocausts“, ertönt aus dem Publikum, damit sei es genug, das reiche. In Brandeis! Der Rest ist Walser pur. Dass der Leser selbst zu verantworten hat, wie er ein Buch versteht. Dass sich das Ringen um Rechtfertigung heutzutage ins krasse Rechthaben verkehrt. Dass Gefahr läuft, wer sich in der Öffentlichkeit dem Selbstgespräch hingibt. Alles Motive, die auch in der neuen Rede anklingen.
Selbstzensur ist Walsers Sache nicht: „In dem, was ich sage, enthalten zu sein – dieses Bedürfnis habe ich. Das ist meine Utopie. Es wird sich nicht ändern.“ Er selbst war überrascht, als er „Über das Selbstgespräch“, seinen im Jahr 2000 veröffentlichten Aufsatz, hervorholte und sah, was da schon über die Rechtfertigung und übers Rechthaben zu lesen war. Und nicht nur dort.
Am Abend setzt er seine Variationen darüber vor dichtbesetzten Reihen in den Prachträumen des Bostoner Goethe-Instituts fort. Mit zwei Auszügen aus „Muttersohn“, seinem neuesten Roman, bringt er die Leute zum Schmunzeln. Aber auch zum Mitdenken über seine, über ihre, über unsere alten, unlösbaren Probleme. Als Walserscher Basso ostinato taucht der Mangel wieder auf, etwa jener Mangel, der nach Glaube verlangt und Kunst zur Folge hat. Im Mangel offenbart sich ihm die Muse, im Glauben, der ihm wie Musik ist, die Handschrift der Seele. Was Percy, der Muttersohn, als Jungfrauengeburt glaubt, brauchen andere ja nicht zu glauben. Was er sagt, führt immer zu weit. Percy? Walser? Egal, beide sind sie gegen die buchhalterische Verrechnung des Lebens, gegen die Reduzierung des Menschen.
Auch „Muttersohn“ nimmt Walsers Rede vom 9.November vorweg, während diese sich auf den nächsten Roman, den noch niemand kennt, bezieht. Das verrät Walser. Die Rede, sagt er, sei eine Brücke zwischen den beiden Büchern, dem bekannten und unbekannten. Reiner Zufall demnach, dass er mit ihr am 9.November antritt, in Harvard wohlgemerkt, nicht gerade an einem Ort, an dem sich ein Schriftsteller dem Zufall anvertraut. Oder? Walser schaut den Fragesteller durchdringend an, packt ihn energisch am Unterarm, wie er das oft tut, um einem Gedanken Nachdruck zu verleihen, und erklärt nicht, sondern versichert: „Zufall gibt es nicht. Zufall ist eine noch nicht durchschaute Gesetzmäßigkeit.“
So wird die Angst vor der Reduktion mit sybillinischer Entschiedenheit gebannt. Dem Leser, dem Zuhörer bleibt es überlassen und wird zugemutet, sich einen Reim auf die Geschichte zu machen – bis es endlich seine Geschichte, nicht die des Geschichtenerzählers ist. Mit „Über Rechtfertigung“ verweigert Walser den McCloy-Fellows den scharf umrissenen politischen Diskurs, den sie womöglich erwartet hatten. Sie müssen damit zurechtkommen, dass ihr Redner keine hübsch verpackten Gewissheiten kredenzt und seine in der Verteidigung des Rechthabens geschulten Zuhörer stattdessen auf eine historische Tour ins philosophische und religiöse Labyrinth der Rechtfertigung einlädt. Auch das aber ist erst der Anfang für eine schrankenlose Untersuchung von Welterfahrung, für einen Ausbruch aus dem „Reizklima des Rechthabenmüssens“ ins Unendliche der Selbstbefragung und Gewissenserforschung. Wo verhandelt wird über des Menschen Platz in der Welt und darüber hinaus.
Walsers Anziehungskraft erweist sich in seinem Vortrag von neuem. In gut einer Stunde modelliert er den stark gekürzten Text in eine begreifliche, ja fast buchstäblich begreifliche Rede. Vor dem jungen Publikum wirkt er wie eine biblische Figur, die heraufgestiegen ist ins gläserne Penthouse der Kennedy School, um der künftigen politischen Führungselite ins Gewissen zu reden und ihr frühzeitig die Lippengebetsroutine offizieller Gedenktagsreden auszutreiben.
Die nihilistischen Tendenzen, auf die in der anschließenden Debatte die Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein verweist, will Walser in seiner Diagnose der Ausgeliefertheit des Menschen nicht erkennen. Von Karl Barth, dem gar nicht so geheimen Helden seiner Rede, hat er gelernt, dass jedem Ja ein Nein, jedem Nein ein Ja folgen kann, in einem Prozess, der kein Ende hat, der damit auch nicht ins Nichts führt. Was Wunder, dass ihn einige weitere Fragen aus dem Takt zu bringen scheinen und er lieber schweigt. Warum er eine Predigt wie in einem christlichen Gotteshaus gehalten habe? Warum so wenige Zitate von jüdischen Autoren? Ob eine Meditation wie die seine typisch deutsch sei? Doch zum 9.November bleiben die Fragen aus.
Das Schlusswort lässt Walser sich nicht nehmen. Mit der Religion, so der Poet des Mangels, halte er es wie mit der Literatur, der Malerei, der Musik. „Religion und Literatur zusammenzubringen, das ist mein Hauptmotiv“, sagt er mit dem Widerwillen des Künstlers, der nichts weniger verabscheut, als seine Kunst auf ein Hauptmotiv zu reduzieren. Jetzt hat er’s getan, jetzt kann er ungeniert hinzufügen: „Komisch, dass es unter Intellektuellen nicht mehr stattfindet.“ Gemeint ist das Gespräch über die beiden Magnetpole seines Lebens, die Wechselwirkung von Literatur und Religion.